1. Warum dieser Text?
Eine Lungenentzündung, eine Herzschwäche, die entgleist, ein Infekt der Harnwege. Zehn Tage im Spital, die Infektwerte sinken, die Röntgenbilder werden besser, die Ärztin ist zufrieden. Und trotzdem geht die Person, die vorher allein eingekauft und geduscht hat, beim Austritt am Rollator und braucht Hilfe beim Anziehen.
Das ist kein Einzelfall und kein Missgeschick. Es hat einen Namen: spitalassoziierter Funktionsverlust, im Englischen hospital-associated disability. Gemeint ist der Verlust der Fähigkeit, mindestens eine alltägliche Grundtätigkeit selbstständig auszuführen – waschen, anziehen, aufstehen, zur Toilette gehen, essen, ein Zimmer durchqueren –, der zwischen dem Beginn der Erkrankung und dem Austritt neu entsteht [1].
Der Name sagt „mit dem Spital verbunden", nicht „vom Spital verursacht" – und das ist genau richtig so. Der Funktionsverlust entsteht aus dem Zusammenspiel von vorbestehender Verletzlichkeit, akuter Erkrankung und Bedingungen des Aufenthalts, die belastend oder grundsätzlich vermeidbar sind: Immobilität, unzureichende Ernährung, Delir, Katheter, das unnötige Abnehmen alltäglicher Tätigkeiten [1] [3]. Wie gross der eigenständige Anteil des Spitals daran ist, lässt sich mit den üblichen Messungen nicht bestimmen – dazu Abschnitt 2.2.
Entscheidend für diesen Text ist etwas anderes: Ein Teil dieser Bedingungen ist beeinflussbar. Genau dort lässt sich etwas tun.
Dieser Text erklärt, wie es dazu kommt, wer besonders gefährdet ist, was nachweislich hilft – und was nicht so gut belegt ist, wie man gern hätte. Alle Aussagen sind mit Quellenangaben belegt; die Nummern in eckigen Klammern verweisen auf das Literaturverzeichnis am Ende.
2. Wie häufig ist das?
2.1 Die Zahlen
Die am häufigsten zitierte Meta-Analyse fasst die Untersuchungen der letzten Jahrzehnte zusammen und kommt auf eine Häufigkeit von 30 Prozent (95 %-Vertrauensintervall 24–33 %) bei älteren Menschen, die wegen einer akuten Erkrankung ins Spital kommen [2]. Ein weiterer Befund derselben Arbeit ist unbequem: Dieser Anteil ist über dreissig Jahre praktisch unverändert geblieben, obwohl es längst Programme gibt, die ihn senken sollen [2].
Weitere Grössenordnungen aus der Literatur:
- Mehr als die Hälfte der über 85-Jährigen verlässt das Spital mit einer neuen Einschränkung im Alltag [1].
- In einer Auswertung von über 62 000 Aufenthalten an einem US-Spital trat der Funktionsverlust bei 20 Prozent auf – auch dann, wenn der Grund für den Eintritt eine vergleichsweise harmlose, ambulant behandelbare Erkrankung war (dort 16 Prozent) [14].
- Ungefähr die Hälfte aller neu auftretenden Behinderungen im Alter entsteht im Zusammenhang mit einem Spitalaufenthalt [1].
Wichtig ist der Zeitpunkt: Der Verlust beginnt oft schon vor dem Eintritt, in den Tagen, in denen die Krankheit sich aufbaut, und er setzt sich im Spital fort. Beides zählt dazu [1].
2.2 Und jetzt die ehrliche Einordnung
Diese Prozentzahlen sind weniger fest, als sie klingen. Eine systematische Übersichtsarbeit unter Beteiligung von Roger Hilfiker hat genau hingeschaut, womit in den Studien überhaupt gemessen wird [4]. Das Ergebnis:
- Über zehn Studien hinweg lag die Häufigkeit bei 37 Prozent (95 %-Vertrauensintervall 30–43 %).
- Es kamen vier verschiedene Messinstrumente und mehrere unterschiedliche Tätigkeitslisten zum Einsatz. Was als „Funktionsverlust" zählt, ist also nicht einheitlich definiert.
- Wurde die betroffene Person selbst gefragt, lagen die Werte bei 27 bis 32 Prozent. Wurden Angehörige oder Pflegende gefragt, lagen sie bei 59 bis 70 Prozent.
Und der zentrale Vorbehalt der Autorinnen und Autoren: Die Häufigkeit wird vermutlich überschätzt, weil sich krankheitsbedingter und spitalbedingter Funktionsverlust in diesen Zahlen nicht sauber trennen lassen [4].
Der Grund dafür liegt in der Messung selbst. Verglichen wird üblicherweise der Zustand vor Beginn der Erkrankung – meist erfragt für den Zeitpunkt rund zwei Wochen vor dem Eintritt – mit dem Zustand beim Austritt. Dieser Bezugspunkt ist sinnvoll: Er verhindert, dass jemand als wiederhergestellt gilt, der sich im Spital zwar erholt hat, aber unter seinem früheren Niveau bleibt. Zwischen den beiden Messungen liegen aber zwei Phasen: die Tage der Erkrankung vor dem Eintritt und der Aufenthalt selbst. Der Verlust aus der ersten Phase wird nicht abgezogen, er ist Teil des Ergebnisses. Covinsky und Mitautoren schreiben das ausdrücklich – der Begriff umfasst beide Gruppen, und Spitalprozesse können die Erholung eines bereits entstandenen Verlusts auch schlicht verhindern [1].
Um die Anteile auseinanderzuhalten, bräuchte es drei Messzeitpunkte: vor der Erkrankung, beim Eintritt, beim Austritt. Erst dann sieht man, wer schon vor dem Eintritt verloren und sich im Spital erholt hat, wer sich nicht erholt hat und wer erst im Spital abgebaut hat. Studien, die so vorgehen, gibt es erst wenige [27]. Genau genommen wird also weniger die Häufigkeit des Funktionsverlusts überschätzt als seine Deutung: Es ist keine Zahl für einen vom Spital verursachten Schaden [4].
Was folgt daraus? Nicht, dass das Problem klein ist – die Grössenordnung „rund ein Drittel" ist über viele Länder und Jahrzehnte stabil. Sondern, dass man den Zahlen nicht bis auf das Prozent glauben sollte und dass die entscheidende Frage eine andere ist: Wie viel davon ist vermeidbar?
Darauf gibt es eine bemerkenswerte Antwort. Eine französische Untersuchung an 503 Personen ab 75 Jahren hat jeden Fall einzeln beurteilt, bei dem der Funktionsverlust durch die Behandlung selbst und nicht durch die Krankheit entstanden war. Solche Fälle machten 11,9 Prozent aller Aufenthalte aus – und 82 Prozent davon wurden als vermeidbar eingestuft [18]. Die häufigsten Gründe waren: keine physiotherapeutische Behandlung (55 Prozent der vermeidbaren Fälle), unnötige Inkontinenzeinlagen (49 Prozent), Blasenkatheter (31 Prozent) und angeordnete Bettruhe (27 Prozent) [18].
Diese 82 Prozent gelten für die als behandlungsbedingt eingestuften Fälle, nicht für den Funktionsverlust insgesamt. Wie gross der vermeidbare Anteil am gesamten Verlust ist, weiss niemand genau. Dass ein Teil davon vermeidbar ist, zeigt diese Untersuchung aber deutlich [18].
3. Warum passiert das?
Wie bei Stürzen oder Verwirrtheit gibt es selten eine Ursache. Es ist das Zusammenspiel aus einer verletzlichen Ausgangslage, einer akuten Krankheit und einer Umgebung, die auf das Behandeln von Organen ausgerichtet ist und nicht auf das Erhalten von Alltagsfähigkeiten [1] [3].
3.1 Liegen – der unterschätzte Hauptfaktor
Die eindrücklichste Zahl stammt aus einem Versuch mit gesunden Menschen. Elf Freiwillige mit einem Durchschnittsalter von 67 Jahren blieben zehn Tage lang im Bett – ohne Krankheit, mit ausreichend Eiweiss in der Nahrung. Danach hatten sie knapp ein Kilogramm Muskelmasse an den Beinen verloren und rund 16 Prozent ihrer Kniestreckkraft; die Ausdauerleistung lag 12 Prozent tiefer [6].
Das war ohne Fieber, ohne Entzündung, ohne Infusionsschlauch. Zehn Tage. Ungefähr so viel Muskel, wie ein gesunder Mensch sonst in mehreren Jahren verliert.
Und wie viel bewegt man sich im Spital tatsächlich? Eine Übersichtsarbeit über Aktivitätsmessungen kommt auf ernüchternde Werte: Erwachsene im Spital verbringen 87 bis 100 Prozent ihrer Zeit sitzend oder liegend; körperlich aktiv sind sie in etwa 5 Prozent der Tagesstunden [7].
Dass das kein blosser Schönheitsfehler ist, legt eine israelische Untersuchung mit Schrittzählern nahe: Wer im Spital weniger als 900 Schritte pro Tag zurücklegte, verlor deutlich häufiger Alltagsfähigkeiten als wer mehr ging [8]. 900 Schritte sind ungefähr zehn Minuten Gehen, über den ganzen Tag verteilt – erstaunlich wenig.
Diese Studie war allerdings eine Beobachtung, kein Versuch. Wenig zu gehen kann den Abbau mitverursachen; es kann ebenso gut anzeigen, wie krank oder gebrechlich jemand ohnehin schon ist. Die 900 Schritte sind deshalb weder ein Zielwert noch eine Sicherheitsgrenze, und sie beweisen keinen ursächlichen Zusammenhang [8].
Wie Muskelmasse und Muskelkraft im Alter verloren gehen und wie man sie zurückholt, behandelt unser Beitrag Muskelschwäche im Alter ausführlich.
3.2 Die Krankheit selbst beschleunigt den Abbau
Das Liegen erklärt nicht alles. Eine akute Infektion, eine Operation oder eine Verletzung löst eine Entzündungs- und Stressreaktion aus. Dabei steigt der Eiweissabbau im Muskel, während die Muskulatur gleichzeitig schlechter auf Eiweiss aus der Nahrung und auf normale Bewegungsreize anspricht; auch der Zuckerstoffwechsel verändert sich. Dazu kommt, dass viele Erkrankte weniger essen und trinken [3].
Immobilität, Entzündung und zu wenig Energie und Eiweiss verstärken sich also gegenseitig. Das erklärt zweierlei. Erstens beginnt der Abbau häufig schon in den Tagen vor dem Eintritt, wenn die Krankheit sich aufbaut. Zweitens kann Bewegung viel ausrichten, aber einen ausgeprägten Krankheitsstoffwechsel nicht vollständig aufhalten. Wer schwer krank ist, verliert Muskelkraft auch dann, wenn im Spital alles richtig gemacht wird. Das ist kein Argument gegen Mobilisation, sondern eines gegen überzogene Erwartungen an sie [3].
3.3 Der Kopf macht mit
Lange wurde beim Thema nur an Muskeln gedacht. In einer systematischen Übersicht über 22 Arbeiten zum spitalassoziierten Abbau berücksichtigte genau eine die geistige Leistungsfähigkeit [3]. Dabei gehört sie untrennbar dazu.
Das Delir – ein akuter Verwirrtheitszustand mit Störung von Aufmerksamkeit und Bewusstsein – gehört zu den wichtigsten und klinisch bedeutsamsten Risikofaktoren. Es ist keine harmlose Begleiterscheinung: Es verdoppelt die Sterblichkeit während des Aufenthalts, es erhöht das Risiko, danach in eine Institution zu wechseln, und es geht mit einem deutlich erhöhten Risiko für eine spätere Demenzdiagnose einher [3]. In der Auswertung der Risikofaktoren verdoppelt ein Delir das Risiko für Funktionsverlust (Chancenverhältnis 2,34; 95 %-Vertrauensintervall 1,88–2,93) [23].
Tückisch ist die stille Form. Die unruhige, agitierte Variante fällt sofort auf. Die ruhige, teilnahmslose Variante ist mindestens so häufig und mindestens so gefährlich – wird aber viel seltener erkannt [1]. Wer im Bett liegt, wenig spricht und langsam antwortet, gilt schnell als „einfach müde".
Daneben gibt es Abstufungen unterhalb der Delir-Schwelle: verlangsamtes Denken, Ängstlichkeit, gedrückte Stimmung. Diese Zustände halten oft über den Austritt hinaus an und führen dazu, dass Menschen sich weniger bewegen – womit sich der Kreis zum körperlichen Abbau schliesst [3].
3.4 Schlaf
Im Spital wird schlecht geschlafen: Lärm, Licht, nächtliche Messungen und Medikamentengaben, Schmerzen, ein fremdes Bett. Schlechter Schlaf begünstigt Erschöpfung am Tag, weniger Bewegung und Verwirrtheit – und die Schlafmittel, die dagegen gegeben werden, gehören ihrerseits zu den stärksten Auslösern eines Delirs [1] [3].
Wie viel der Schlaf für sich genommen zum Funktionsverlust beiträgt, ist deutlich schlechter untersucht als beim Delir oder bei der Gebrechlichkeit: Der Zusammenhang ist plausibel, aber nicht in gleicher Weise belegt. Gut belegt ist dagegen, dass Schlaf ohne Medikamente Bestandteil jener Stationsprogramme ist, die Delirien nachweislich verringern – dazu Abschnitt 6.3 [22].
3.5 Essen und Trinken
Muskeln brauchen Eiweiss und Bewegungsreize. Im Spital fehlt oft beides. Nüchtern-Anordnungen vor Untersuchungen, Diäten, die niemand mag, Mahlzeiten, die kalt am Bett stehen, während die Person schläft oder auf Untersuchung ist – das summiert sich [1] [3].
Auch der Wasserhaushalt spielt eine Rolle. In einer japanischen Kohorte war rund ein Drittel der älteren Patientinnen und Patienten beim Eintritt ausgetrocknet. Drei Monate nach dem Austritt hatte diese Gruppe deutlich häufiger Alltagsfähigkeiten verloren als die übrigen (42 gegenüber 27 Prozent); besonders betroffen war die Selbstpflege (Chancenverhältnis 2,25; 1,03–4,94) [17].
Die Autoren selbst warnen davor, daraus einen einfachen Ursache-Wirkungs-Schluss zu ziehen: Austrocknung ist wahrscheinlich weniger die Ursache als ein Anzeiger für eine insgesamt verletzliche Lage – schlechtere Kognition, weniger Selbstständigkeit, mehr Begleiterkrankungen [17]. Trotzdem gilt: Ein Glas Wasser in Reichweite und jemand, der daran erinnert, kostet nichts.
Zur Vorbeugung gehört deshalb mehr als der Satz „Muskeln brauchen Eiweiss": ein Ernährungsscreening beim Eintritt, genug Energie und nicht nur Eiweiss, eine auf die Person abgestimmte Eiweissmenge und die Abklärung von Kau- und Schluckproblemen. Mangelernährung oder deren Risiko zählt zu den belegten Risikofaktoren [23]. Umgekehrt gilt: Eiweiss allein ersetzt weder Mobilisation noch Training [3].
3.6 Erzwungene Abhängigkeit
Das ist der Punkt, den Betroffene am ehesten selbst bemerken – und am seltensten ansprechen.
Im Spital geht vieles schneller, wenn es jemand für Sie tut. Waschen, anziehen, aus dem Bett helfen. Der Zeitdruck auf den Stationen ist real. Aber jede Tätigkeit, die einem abgenommen wird, obwohl man sie noch selbst könnte, ist eine Trainingseinheit weniger. Die französische Untersuchung hat das in Zahlen gefasst: Bei den vermeidbaren Fällen von behandlungsbedingtem Funktionsverlust standen unnötige Inkontinenzeinlagen (49 Prozent) und Blasenkatheter (31 Prozent) ganz oben [18].
Ein Blasenkatheter wird in der Fachliteratur als „Ein-Punkt-Fixierung" bezeichnet – er hält den Menschen genauso zuverlässig im Bett wie ein Gurt, nur unauffälliger [1]. Dasselbe gilt für Infusionsständer und Sauerstoffschläuche, die länger hängen, als sie müssten. Und eine im Spital neu aufgetretene Inkontinenz besteht oft über den Austritt hinaus. Dazu tragen mehrere Dinge bei: eingeschränkte Beweglichkeit, Katheter, Delir, Medikamente, fehlende Toilettenmöglichkeiten und die Gewöhnung an Einlagen [3].
3.7 Es betrifft den ganzen Körper
Die aktuelle Übersichtsarbeit einer europäischen Fachgruppe macht deutlich, dass es nicht nur um Muskeln geht [3]. Liegen fördert Verstopfung, Verstopfung fördert Harnverhalt, Harnverhalt führt zum Katheter. Fehlende Bewegung führt zu Wassereinlagerungen in den Beinen und zu Druckstellen an der Haut. Nach längerem Liegen sackt der Blutdruck beim ersten Aufstehen ab, was das Aufstehen zusätzlich erschwert. Und wenn die Schluckmuskulatur mit abbaut, wird das Essen selbst zum Problem – was den Muskelabbau weiter beschleunigt [3].
Deshalb der Begriff, den die Fachgruppe vorschlägt: ein Zustand „von Körper und Geist", nicht ein Muskelproblem.
4. Wer ist besonders gefährdet?
4.1 Was das Risiko erhöht
Eine Meta-Analyse über 29 Studien hat die patientenbezogenen Risikofaktoren zusammengetragen. Deutlich erhöht ist das Risiko bei [23]:
- Druckstellen beim Eintritt (Chancenverhältnis 3,33; 1,82–6,09)
- Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen (2,42; 1,29–4,52)
- Delir (2,34; 1,88–2,93)
- Einschränkungen bei anspruchsvolleren Alltagsaufgaben wie Einkaufen, Kochen, Medikamente richten (2,08; 1,51–2,86)
- Beeinträchtigte Kognition (1,83; 1,56–2,14) und Demenz (1,71; 1,23–2,38)
- Mangelernährung oder deren Risiko (1,76; 1,03–3,03)
- Stürze in der Vorgeschichte (1,71; 1,00–2,92)
Dazu kommen zwei Faktoren, die in der grossen US-Auswertung besonders hervorstachen: das Alter – ab 95 Jahren rund dreifach erhöht gegenüber 65- bis 74-Jährigen – und die Aufenthaltsdauer. In der methodisch strengeren Auswertung derselben Arbeit hatten Aufenthalte von acht und mehr Tagen ein etwa vierfach höheres Risiko als Aufenthalte von ein bis zwei Tagen [14].
Ein Hinweis zur Vorsicht: Die Aufenthaltsdauer ist nicht nur Ursache, sondern zum Teil auch Folge. Wer im Spital Fähigkeiten verliert, bleibt länger. Die Studienautoren sagen das selbst deutlich [14].
4.2 Ein einfacher Punktwert für den Eintrittstag
Eine japanische Arbeit aus dem Jahr 2026 hat aus vier Angaben, die am Eintrittstag ohnehin vorliegen, einen Punktwert gebaut [15]:
- Notfalleintritt: 3 Punkte
- Gebrechlichkeit (Clinical Frailty Scale 5 oder höher): 2 Punkte
- Eingeschränkte Kognition (MMSE 23 oder tiefer): 2 Punkte
- Alter ab 80 Jahren: 1 Punkt
Bei 1292 Personen entwickelten 26 Prozent einen Funktionsverlust. Unter 3 Punkten lag das Risiko unter 10 Prozent, ab 6 Punkten über 40 Prozent [15]. Der stärkste Einzelfaktor war mit Abstand der Notfalleintritt (Chancenverhältnis 4,48; 3,20–6,28) – vermutlich, weil der plötzliche Beginn keinerlei Vorbereitung erlaubt und Bettruhe, Untersuchungen und fremde Umgebung geballt auftreten [15].
Bemerkenswert: Das Alter allein war der schwächste der vier Faktoren. Gebrechlichkeit und Kognition wogen schwerer. Das passt zur Grundregel der Altersmedizin – nicht das Geburtsjahr entscheidet, sondern die Reserve [15].
4.3 Was man an den Muskeln ablesen kann
Hier wird es für die Physiotherapie interessant, und die Befunde sind uneinheitlicher, als man erwarten würde.
Handkraft. In der grossen amerikanischen Health-ABC-Studie war eine schwächere Handkraft vor dem Spitalaufenthalt mit einem höheren Risiko für einen neuen Funktionsverlust danach verbunden (Chancenverhältnis 1,69 je Standardabweichung weniger Kraft; 1,11–2,59). Bei Menschen mit einer bereits vorbestehenden kognitiven Einschränkung war der Zusammenhang deutlich stärker (5,16; 1,30–20,5) [19]. Die Muskelmasse – gemessen mit der Knochendichtemessung – zeigte dagegen keinen Zusammenhang [19].
Und im Spital selbst? Eine japanische Untersuchung mit Ultraschall fand, dass die Dicke der Oberschenkelmuskulatur mit dem Verlust von Bewegungsfähigkeiten zusammenhing – die Handkraft dagegen nicht mehr, sobald man Kognition, Ernährung und Ausgangsselbstständigkeit berücksichtigte [16]. Der Grund liegt nahe: Die Handkraft bildet die Beine schlecht ab. In einer britischen Verlaufsstudie sank die Kniestreckkraft während des Aufenthalts um 11 Prozent, während die Handkraft unverändert blieb [16].
Dieselbe Arbeit fand noch etwas Aufschlussreiches: Der Funktionsverlust betraf die Bewegungsfähigkeiten häufiger als die Selbstpflege (37,5 gegenüber 30,0 Prozent) – und für die Selbstpflege liess sich kein Zusammenhang mit irgendeinem Muskelmass finden [16]. Beim Waschen und Anziehen entscheidet offenbar weniger der Muskel als die Umgebung: ob man gelassen wird, ob man Zeit bekommt, ob jemand danebensteht statt es zu übernehmen.
5. Was danach kommt
Dieser Abschnitt ist der unangenehmste, aber er gehört dazu, weil er erklärt, warum Vorbeugung so viel wert ist.
In einer Untersuchung an älteren Menschen, die im Spital Alltagsfähigkeiten verloren hatten, sah die Lage ein Jahr später so aus: 41 Prozent waren verstorben, 29 Prozent waren weiterhin eingeschränkt, und nur 30 Prozent hatten den Stand vor der Erkrankung wieder erreicht [5]. Das sind Zahlen, wie man sie sonst von einem Oberschenkelhalsbruch kennt [1].
Auch bei denen, die es nach Hause schaffen, bleibt oft etwas zurück. In einer Verlaufsstudie mit 515 zu Hause lebenden älteren Menschen, die wegen einer nicht lebensbedrohlichen Erkrankung im Spital waren, konnten sechs Monate später 53 Prozent keine Viertelmeile mehr gehen und 61 Prozent nicht mehr Auto fahren [3].
Die guten Nachrichten in dieser Statistik sind zwei. Erstens: Ein Teil der Erholung ist real und findet statt – vor allem in den ersten drei Monaten. Eine chinesische Verlaufsstudie mit 375 Betroffenen zeigte, dass der Unterstützungsbedarf in dieser Zeit am stärksten zurückgeht und danach abflacht [20]. Zweitens: Was in dieser Phase geschieht, lässt sich beeinflussen – dazu Abschnitt 9.
6. Was im Spital hilft
6.1 Bewegung – und die ehrliche Evidenzlage
Hier muss man zwei Dinge auseinanderhalten, die oft vermischt werden.
Das eine: Sind Trainingsprogramme im Spital wirksam? Die Antwort ist ernüchternder, als man in diesem Text gern schreiben würde.
Die massgebliche Cochrane-Übersicht fasst 24 Studien mit 7511 Personen zusammen (Durchschnittsalter 73 bis 88 Jahre) [9]:
- Selbstständigkeit im Alltag: 1,8 Punkte besser auf dem Barthel-Index (−0,43 bis +4,12; Skala 0–100). Als bedeutsam gilt ein Unterschied von etwa 11 Punkten. Niedrige Vertrauenswürdigkeit – also wahrscheinlich kein spürbarer Unterschied.
- Bewegungsfähigkeit: 0,78 Punkte besser auf der Kurzen Leistungsbatterie (−0,02 bis +1,57; Skala 0–12; bedeutsam ab etwa 1 Punkt). Sehr niedrige Vertrauenswürdigkeit.
- Lebensqualität: 6,0 Punkte besser (0,9–11,2; Skala 0–100; bedeutsam ab etwa 10 Punkten). Niedrige Vertrauenswürdigkeit.
- Stürze: 34 pro 1000 Personen in beiden Gruppen (Risikoverhältnis 0,99; 0,59–1,65) – mittlere Vertrauenswürdigkeit. Es fand sich also kein Hinweis darauf, dass Training zu mehr Stürzen führt – das Vertrauensintervall schliesst eine Zu- oder Abnahme aber nicht vollständig aus.
- Delir: 73 statt 81 pro 1000 (0,90; 0,58–1,41), sehr niedrige Vertrauenswürdigkeit – unklar.
Andere Auswertungen fallen freundlicher aus. Eine spanische Übersichtsarbeit von 2025 fand für begleitete Mehrkomponenten-Programme eine Verbesserung der körperlichen Leistung (standardisierte Mittelwertdifferenz 0,42; 0,12–0,72) und der Selbstständigkeit (0,45; 0,14–0,77) [11]. Die bekannteste Einzelstudie dahinter: 370 Personen mit einem Durchschnittsalter von 87 Jahren, zweimal täglich 20 Minuten Kraft-, Gang- und Gleichgewichtstraining während des Aufenthalts – mit besseren Werten bei Leistung, Alltagsselbstständigkeit, Handkraft und sogar beim kognitiven Test [13].
Warum die Unterschiede? Weil die Übersichten unterschiedliche Studien einschliessen und unterschiedlich streng bewerten. Cochrane rechnet alles zusammen, auch schwache Programme. Die spanische Arbeit betrachtet gezielt begleitete, mehrteilige Programme. Die vorsichtige Zusammenfassung lautet: Die untersuchten Programme erschienen insgesamt sicher, ein Hinweis auf mehr Stürze fand sich nicht, und wenn Training wirkt, dann am ehesten als begleitetes Programm mit Kraftanteil – aber die Effekte auf den Alltag sind kleiner, als es die Begeisterung in manchen Fachartikeln vermuten lässt.
Das andere – und wahrscheinlich Wichtigere: Was passiert in den übrigen 23 Stunden? Eine australische Übersichtsarbeit von 2026 hat genau das untersucht: nicht Trainingsprogramme, sondern das Einbauen von Bewegung in den normalen Tagesablauf – zum Essen aufstehen, selbst zur Toilette gehen, sich selbst waschen, im Stuhl statt im Bett sitzen [10]. Ergebnis aus randomisierten Studien: mehr Selbstständigkeit beim Austritt (standardisierte Mittelwertdifferenz 0,29; 0,05–0,52), niedrige Vertrauenswürdigkeit. Aus nicht randomisierten Studien zusätzlich: höhere Chance, die Funktion zu halten (1,95; 1,53–2,50), weniger Druckstellen (0,53; 0,32–0,89) und ein um rund einen Tag kürzerer Aufenthalt [10].
Auch hier sind die Autorinnen und Autoren fair: Auf dem Barthel-Index entspricht der Effekt in den randomisierten Studien 1,86 Punkten – ebenfalls unterhalb der Schwelle, ab der ein Unterschied spürbar wird [10]. Der wichtigste Befund ist deshalb vielleicht ein anderer: Menschen, die zum Bewegen ermutigt wurden, glaubten häufiger daran, dass Bewegung ihrer Erholung hilft (84 gegenüber 71 Prozent) [10]. Und diese Überzeugung nehmen sie mit nach Hause.
6.2 Ein Rückblick aus unserer Praxis
Marielle Tschopp und Roger Hilfiker haben 2017 eine systematische Literaturübersicht mit Meta-Analyse zu genau dieser Frage durchgeführt: Kann Physiotherapie den spitalassoziierten Funktionsverlust verhindern oder verringern? Aus 1319 gesichteten Arbeiten blieben sieben randomisierte Studien mit 692 Patientinnen und Patienten übrig – eingeschlossen wurden nur Menschen ab 65 Jahren mit Erkrankungen, die nicht von sich aus zu einer dauerhaften Behinderung führen [26].
Das Muster war damals schon dasselbe wie heute [26]:
- Für Massnahmen während des Aufenthalts: ein kleiner, statistisch nicht abgesicherter Unterschied (standardisierte Mittelwertdifferenz 0,28; −0,01 bis 0,57).
- Für Massnahmen, die im Spital beginnen und danach weiterlaufen: ebenfalls klein (0,24; −0,01 bis 0,48).
- Für Massnahmen nach dem Austritt: ein grosser Effekt (0,78; 0,47 bis 1,09) – aus nur drei Studien, die aber alle in dieselbe Richtung zeigten (Heterogenität I² = 0 %).
Zur Einordnung dieser Zahlen: Bei einer standardisierten Mittelwertdifferenz gilt 0,2 als kleiner, 0,5 als mittlerer und 0,8 als grosser Effekt. Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz stuften die beiden nach GRADE insgesamt als sehr niedrig ein. Ihre erste Schlussfolgerung lautete: Obwohl der spitalassoziierte Funktionsverlust häufig ist, gibt es erstaunlich wenige Studien zu vollständigen physiotherapeutischen Programmen während und nach dem Aufenthalt [26]. Ihre Empfehlung an die Fachwelt – solche Programme umzusetzen und zu untersuchen – richtete sich ausdrücklich an beide Seiten der Spitaltür.
Bemerkenswert ist, was in den acht Jahren danach passiert ist. Dazu Abschnitt 9.
6.3 Stationen, die anders arbeiten
Wirksamer als jede einzelne Massnahme ist es, wenn eine ganze Station anders organisiert ist. Drei Modelle sind untersucht:
Akutgeriatrische Stationen. Interdisziplinäre Teams, Böden und Zimmer, die zum Gehen einladen, Verzicht auf Bettruhe-Anordnungen, tägliche Überprüfung von Medikamenten und Kathetern, Planung der Rückkehr nach Hause ab dem ersten Tag [1]. Die aktuellste Meta-Analyse über 11 randomisierte Studien mit 7496 Personen zeigt: beim Austritt noch kein gesicherter Unterschied (Risikoverhältnis 0,89; 0,75–1,04), nach sechs Monaten aber deutlich weniger Funktionsverlust (0,79; 0,66–0,93; mittlere Vertrauenswürdigkeit) [21]. Die Chance, nach drei Monaten zu Hause zu leben, war leicht erhöht, ohne statistische Sicherheit (1,06; 0,99–1,13) [21].
Das Hospital Elder Life Program. Kein Trainingsprogramm, sondern ein Bündel einfacher Dinge: Reorientierung, Schlaf ohne Medikamente, Brille und Hörgerät verfügbar machen, Trinken anbieten, tagsüber aktivieren – meist von geschulten Freiwilligen umgesetzt. In der Meta-Analyse sank die Häufigkeit von Delirien um mehr als die Hälfte (Chancenverhältnis 0,47; 0,37–0,59), und in den Beobachtungsstudien traten weniger Stürze auf (0,58; 0,35–0,95) [22]. Wichtig ist dabei die Lesart: Untersucht wurde das Bündel als Ganzes. Dass jede einzelne Komponente – Brille, Hörgerät, Tageslicht, Mobilisation, Schlafhygiene, Orientierung – für sich allein schützt, zeigen diese Studien nicht [22].
Stationsprogramme wie „Eat Walk Engage". In der cluster-randomisierten CHERISH-Studie mit 539 Personen ab 65 Jahren halbierte ein solches Programm die Delir-Häufigkeit nahezu (angepasstes Chancenverhältnis 0,53; 0,31–0,90); bei den übrigen Komplikationen, der Austrittsdestination und der Sterblichkeit fand sich kein Unterschied [24].
Das Muster ist immer dasselbe: Essen, Bewegen, geistig anregen – von allen im Team getragen, nicht von einer Berufsgruppe allein [3].
6.4 Spital zu Hause
Ein Teil der akuten Behandlungen lässt sich zu Hause durchführen. Die Übersichtsarbeit dazu ist vorsichtig: Bei den Alltagsfähigkeiten sind die Ergebnisse uneinheitlich – zwei von fünf Studien fanden einen Vorteil für die Behandlung zu Hause, drei nicht. Bei der geistigen Verfassung war das Bild klarer: In beiden Studien, die das untersuchten, verschlechterte sich die Kognition bei den Spitalpatientinnen und -patienten häufiger als bei denen zu Hause [11].
Die naheliegende Erklärung nennen die Autoren selbst: Das eigene Zuhause ist eine Umgebung, in der Verwirrtheit seltener entsteht – vertraute Räume, eigener Tagesrhythmus, bekannte Menschen [11]. Sicher belegt ist das noch nicht, und Spital zu Hause eignet sich längst nicht für jede Erkrankung. Aber es ist ein Grund, bei einer geplanten Behandlung nachzufragen, ob sie stationär sein muss.
7. Was Sie im Spital selbst tun können
Nichts davon ersetzt medizinische Anordnungen. Aber vieles darf man ansprechen, und fast alles wird gerne unterstützt, wenn man es sagt.
- Fragen Sie, ob Sie aufstehen dürfen – und wenn ja, wie oft. „Muss ich im Bett bleiben, oder darf ich?" ist die wichtigste Frage der ersten 24 Stunden. Bettruhe wird oft nicht angeordnet, sondern einfach vorausgesetzt [18].
- Essen Sie im Stuhl, nicht im Bett. Das sind drei Aufstehvorgänge pro Tag, und meistens kostet es niemanden zusätzliche Zeit.
- Gehen Sie zur Toilette, solange es medizinisch vertretbar und sicher ist – selbst oder begleitet. Nachts eher begleitet: Bei Verwirrtheit, Schwindel beim Aufstehen, Sauerstoffbedarf oder hohem Sturzrisiko ist der Weg allein gefährlich, und ob das zutrifft, beurteilt das Behandlungsteam. Eine Einlage, die man einmal hat, wird man schwer wieder los [3].
- Waschen und anziehen Sie sich so weit selbst, wie Sie können – auch wenn es länger dauert. Sagen Sie es der Pflege: „Ich mache das selbst, ich brauche einfach etwas Zeit."
- Tragen Sie Ihre eigenen Kleider und feste Schuhe, sobald es geht. Wer im Spitalhemd steckt, geht seltener auf den Gang.
- Nehmen Sie Brille, Hörgerät und Gehhilfe mit – und bestehen Sie darauf, dass sie erreichbar bleiben. Sehen und Hören gehören zu den wichtigsten schützenden Faktoren gegen Verwirrtheit und sind fester Bestandteil der wirksamen Stationsprogramme [22].
- Fragen Sie täglich, ob Katheter, Infusion und andere Zugänge noch nötig sind. Jeder Schlauch weniger ist ein Weg auf den Gang mehr [1]. Angepasst oder abgesetzt wird ausschliesslich durch die zuständigen Fachpersonen – Sauerstoff und Medikamente gehören ausdrücklich dazu und werden nie einem Bewegungsziel zuliebe reduziert.
- Halten Sie ein Glas Wasser in Reichweite und trinken Sie regelmässig, sofern nichts dagegen spricht [17].
- Setzen Sie sich ein Tagesziel. Zweimal auf den Gang, dreimal aus dem Bett – aufgeschrieben auf einem Zettel am Nachttisch. Die 900 Schritte aus der Beobachtungsstudie sind kein Zielwert, aber sie zeigen, wie wenig Bewegung schon mit einem Unterschied einherging [8].
- Fragen Sie nach Physiotherapie, wenn Sie unsicher gehen. Das Fehlen einer physiotherapeutischen Behandlung war in der französischen Untersuchung der häufigste einzelne Grund für vermeidbaren Funktionsverlust [18].
- Schlafen Sie ohne Schlafmittel, wenn es irgend geht. Ohrstöpsel, Augenmaske, gedämpftes Licht. Beruhigungs- und Schlafmittel gehören zu den stärksten Auslösern von Verwirrtheit [1].
8. Was Angehörige tun können
Angehörige sind kein Besuch, sie sind Teil der Behandlung. In mehreren Studien wurde genau das untersucht – Programme, bei denen die Familie gezielt einbezogen wird, um Bewegung und Selbstständigkeit zu erhalten [10].
- Gehen Sie mit. Ein Spaziergang über den Gang ist oft wertvoller als eine Stunde am Bettrand – wenn die Person mag und ihr Zustand es erlaubt.
- Bringen Sie das Vorher mit ins Gespräch. „Sie hat vor zwei Wochen noch allein eingekauft" ist eine medizinisch wichtige Information. Ohne sie kann niemand beurteilen, ob sich etwas verändert hat – und in Krankenakten fehlt der Funktionszustand vor der Erkrankung meistens [1].
- Melden Sie Veränderungen im Verhalten sofort. „Er ist verwirrter als sonst" ist die einfachste und eine überraschend treffsichere Frage zur Erkennung eines Delirs [3]. Auch ungewohnte Stille zählt.
- Bringen Sie Brille, Hörgerät, Zahnprothese, eigene Kleider, Hausschuhe mit Fersenhalt, ein paar Fotos, eine Uhr mit grossem Zifferblatt.
- Seien Sie zu den Mahlzeiten da, wenn Essen schwerfällt. Wer beim Essen begleitet wird, isst mehr [3].
- Fragen Sie früh nach dem Danach. Nicht am Austrittstag. Was braucht es zu Hause – Spitex, Physiotherapie, Hilfsmittel, ein Handlauf, eine angepasste Wohnsituation?
9. Nach dem Austritt: die ersten drei Monate
Hier ist die Beweislage am besten – vor allem, was die körperliche Leistungsfähigkeit betrifft.
Was Tschopp und Hilfiker 2017 an sieben Studien erst vermuten konnten [26], lässt sich heute an deutlich mehr Material zeigen. Eine Übersichtsarbeit von 2025 hat 17 randomisierte Studien mit 1458 Personen ausgewertet, die nach einem akuten Spitalaufenthalt ein Trainingsprogramm erhielten. Ergebnis [12]:
- Deutliche Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit (standardisierte Mittelwertdifferenz 0,78; 0,52–1,05) – gemessen mit der Kurzen Leistungsbatterie aus Gleichgewicht, Gehtempo und Aufstehen vom Stuhl.
- Auch beim Timed Up and Go (−0,40; −0,65 bis −0,15) und in der Sechs-Minuten-Gehstrecke (0,27; 0,08–0,46) verbesserten sich die Werte.
- Kein gesicherter Effekt auf Handkraft, Lebensqualität, Stimmung oder auf die Rückkehr ins Spital (Risikoverhältnis 0,64; 0,39–1,05).
- Praktisch alle Studien berichteten keine ernsthaften unerwünschten Ereignisse.
Ein Detail am Rande, das die Sache rundet: Die Effektgrösse ist dieselbe wie 2017 – eine standardisierte Mittelwertdifferenz von 0,78, damals mit einem Vertrauensintervall von 0,47 bis 1,09, heute von 0,52 bis 1,05 [26] [12]. Was damals auf drei Studien zur Nachsorge beruhte und als sehr unsichere Evidenz gelten musste, ruht heute auf einer breiteren Grundlage – bei praktisch unverändertem Schätzwert.
Was die Programme mit den günstigsten Ergebnissen gemeinsam hatten – als Beschreibung der erfolgreichen Studien, nicht als bewiesene Mindestdosis [12]:
- Krafttraining, kombiniert mit Gehen oder Gleichgewichtsübungen – in den Studien ohne Kraftanteil zeigten sich keine überzeugenden Effekte.
- Mindestens dreimal pro Woche, mehrere Studien mit fünf und mehr Einheiten.
- Länger als vier Wochen. Eine Studie fand nach 30 Tagen noch nichts und nach 60 Tagen einen deutlichen Effekt.
- Meistens zu Hause, mit Anleitung sowie Telefonanrufen oder Hausbesuchen zur Begleitung – nicht als reines Merkblatt.
- Beginn direkt beim Austritt oder in den Tagen danach.
Welcher dieser Bestandteile entscheidend ist und wie viel es mindestens braucht, ist damit nicht geklärt. Dass ein Programm ohne Kraftanteil grundsätzlich nichts nützt, folgt daraus ebenso wenig [12].
Dazu passt der Verlauf des Unterstützungsbedarfs: Er sinkt in den ersten drei Monaten am stärksten und flacht dann ab [20]. In diesen drei Monaten ist am meisten zu gewinnen. Verbesserungen sind aber auch danach möglich – wer später beginnt, beginnt nicht umsonst.
9.1 Wie das in der Schweiz aussieht
Drei Wege stehen offen, und sie schliessen sich nicht aus:
- Akut- und Übergangspflege (AÜP). Vom Spitalarzt beim Austritt verordnete Pflege für höchstens 14 Tage, ambulant zu Hause oder stationär. Sie wird verordnet, wenn keine längere Rehabilitation nötig ist. Die Pflegekosten übernehmen Krankenversicherung und Wohnkanton; Unterkunft und Verpflegung zahlen Sie selbst [25].
- Physiotherapie mit ärztlicher Verordnung. Für ein aufbauendes Kraft- und Gleichgewichtsprogramm – ambulant in der Praxis oder, wenn Sie das Haus nicht verlassen können, mit dem ärztlichen Vermerk „Domizilbehandlung" bei Ihnen zu Hause.
- Spitex für Pflege und Unterstützung im Haushalt, solange es nötig ist.
Der praktische Rat: Verlangen Sie diese Gespräche vor dem Austrittstag. Wird am letzten Morgen improvisiert, entstehen genau die Lücken, die eine gute Erholung verhindern [1].
10. Sechs verbreitete Missverständnisse
«Im Spital soll man sich schonen.»
Für ein akut krankes Organ vielleicht. Für den Rest des Körpers ist es der schnellste Weg in die Abhängigkeit. Zehn Tage Liegen kosten selbst gesunde 67-Jährige rund ein Kilogramm Beinmuskel und ein Sechstel ihrer Kniestreckkraft [6]. Und es fand sich kein Hinweis darauf, dass Bewegung im Spital zu mehr Stürzen führt [9].
«Das kommt vom Alter.»
Das Alter ist ein Risikofaktor, aber der schwächste der vier, aus denen der japanische Punktwert besteht – Gebrechlichkeit, Kognition und Notfalleintritt wiegen schwerer [15]. Und wo der Funktionsverlust auf die Versorgung zurückging, galten 82 Prozent dieser Fälle als potenziell vermeidbar [18].
«Ein paar Tage im Bett machen doch nichts.»
Doch. Und der Verlust ist nicht symmetrisch: Was in zehn Tagen weggeht, braucht Monate, um zurückzukommen – wenn es zurückkommt. Ein Jahr nach einem Funktionsverlust im Spital hatten nur 30 Prozent den Stand von vorher wieder erreicht [5].
«Physiotherapie im Spital bringt ohnehin nichts.»
Die Wirkung von Trainingsprogrammen auf den Alltag ist tatsächlich kleiner, als oft behauptet wird [9]. Aber das ist ein Argument gegen die Vorstellung, zwei Therapieeinheiten würden 23 Stunden Liegen ausgleichen – nicht gegen Physiotherapie. Deren fehlender Einsatz war in der französischen Untersuchung der häufigste einzelne Grund für vermeidbaren Funktionsverlust [18].
«Zu Hause kommt die Kraft von allein zurück.»
Nur zum Teil. Aufbauende Programme nach dem Austritt gehören zum am besten belegten Teil dieses ganzen Themas – mit einem klaren Effekt auf die körperliche Leistungsfähigkeit [12]. Ohne sie bleibt oft ein Teil der Lücke bestehen: Sechs Monate nach dem Aufenthalt konnte über die Hälfte keine Viertelmeile mehr gehen [3].
«Eine Einlage ist doch praktischer als der nächtliche Weg zur Toilette.»
Kurzfristig ja. Eine im Spital neu entstandene Inkontinenz besteht aber oft über den Austritt hinaus – begünstigt durch eingeschränkte Beweglichkeit, Katheter, Delir, Medikamente und fehlende Toilettenmöglichkeiten [3]. Unnötige Einlagen standen bei den vermeidbaren Fällen mit 49 Prozent an zweiter Stelle [18].
11. Wann sollten Sie eine Fachperson beiziehen?
Sprechen Sie das Thema an, wenn eine oder mehrere dieser Aussagen zutreffen:
- Ein Spitalaufenthalt steht bevor oder liegt gerade hinter Ihnen
- Sie gehen seit dem Aufenthalt unsicherer als vorher
- Sie brauchen für Dinge Hilfe, die Sie vor der Erkrankung allein geschafft haben
- Sie kommen nicht mehr ohne Hände vom Stuhl hoch
- Sie haben im Spital abgenommen oder deutlich weniger gegessen
- Angehörige berichten, Sie seien seither vergesslicher oder langsamer
- Sie meiden Wege, die Sie vorher selbstverständlich gemacht haben
Was Sie in der Physiotherapie erwartet: ein Gespräch über den Zustand vor der Erkrankung – das ist der wichtigste Bezugspunkt –, Messungen von Ganggeschwindigkeit, Aufstehen vom Stuhl und Gleichgewicht, ein Blick auf Kraft und Belastbarkeit, auf Hilfsmittel und Wohnsituation. Daraus entsteht ein aufbauendes Kraft- und Gleichgewichtsprogramm mit klaren Steigerungsschritten und ein Heimprogramm für die Tage dazwischen – also genau die Form, die sich in den Studien nach dem Austritt als wirksam erwiesen hat [12].
In unserer Praxis finden Sie dazu die Angebote Kraft im Alter, Powertraining im Alter, Sturzprävention und – wenn Sie das Haus noch nicht verlassen können – die Behandlung bei Ihnen zu Hause.
Was ärztlich abgeklärt gehört: anhaltende Verwirrtheit oder Vergesslichkeit nach dem Aufenthalt, ungewollter Gewichtsverlust, Schwindel oder Schwarzwerden beim Aufstehen, eine Medikamentenliste, die im Spital länger geworden ist, sowie neu aufgetretene Inkontinenz. Nichts davon muss bleiben, und nichts davon ist eine normale Alterserscheinung.
Wenn ein Eingriff geplant ist, haben Sie den grössten Vorteil überhaupt: Zeit. Die Wochen davor lassen sich für Kraft- und Gleichgewichtstraining nutzen. Wer mit mehr Reserve eintritt, hat mehr zu verlieren, bevor es kritisch wird – das ist die Logik hinter dem Punktwert, in dem Gebrechlichkeit schwerer wiegt als das Alter [15].
12. Zusammengefasst
Rund ein Drittel der älteren Menschen verlässt das Spital weniger selbstständig, als sie es vor der Erkrankung waren. Ein Teil davon geht auf die Krankheit selbst zurück, mit Entzündung, Stressstoffwechsel und zu wenig Essen. Ein weiterer Teil hängt an Bedingungen, die sich ändern lassen: Liegen, abgenommene Tätigkeiten, Schläuche, Einlagen, Schlafmittel. In einer französischen Untersuchung war bei 11,9 Prozent aller Aufenthalte ein durch die Versorgung mitverursachter Funktionsverlust festzustellen; 82 Prozent dieser Fälle galten als potenziell vermeidbar. Wie gross der vermeidbare Anteil insgesamt ist, lässt sich nicht beziffern – dass es ihn gibt, schon.
Die wirksamsten Massnahmen sind unspektakulär: aufstehen zum Essen, selbst zur Toilette, eigene Kleider, Brille und Hörgerät griffbereit, jeden Tag ein paar Meter mehr, jeden Tag ein Schlauch weniger. Keine davon braucht ein Gerät, und die wenigsten scheitern am Geld – wohl aber manchmal an Zeit und Personal.
Das beste Zeitfenster liegt danach: In den ersten drei Monaten nach dem Austritt kommt am meisten zurück, und aufbauende Kraft- und Gleichgewichtsprogramme sind hier am besten belegt – am klarsten für die körperliche Leistungsfähigkeit. Sie sollten beim Austritt beginnen, nicht wenn man merkt, dass es nicht von selbst geht. Später zu beginnen ist immer noch besser, als es zu lassen.
Und ein Satz, der die Richtung vorgibt: Das Spital behandelt nicht nur die Krankheit – es sollte auch die Selbstständigkeit schützen. Patientinnen und Patienten, Angehörige und Behandlungsteam können gemeinsam viel dafür tun, dass möglichst viel Bewegung und Eigenaktivität erhalten bleibt. Fragen kostet nichts, und gefragt wird zu selten.
Eine Einschränkung zum Schluss, der Ehrlichkeit halber: Die Zahlen in diesem Text stammen weit überwiegend aus einkommensstarken Ländern, und die Messmethoden unterscheiden sich zwischen den Studien so stark, dass die genaue Häufigkeit unsicher bleibt [4]. Was sich nicht unterscheidet, ist die Richtung: Wo Menschen im Spital in Bewegung bleiben, essen und geistig angeregt werden, geht es ihnen danach besser.
Literatur
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