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Frailty: wenn die Reserven knapp werden – Wissen

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Frailty: wenn die Reserven knapp werden

Warum kleine Belastungen grosse Folgen haben – und was die Puffer wieder aufbaut

Ratgeber · Stand August 2026 · Lesezeit ca. 25 Minuten · alle DOI einzeln geprüft

1. Warum dieser Text?

Zwei Menschen, beide 82 Jahre alt, beide mit einer Lungenentzündung im Spital. Die eine ist nach zwei Wochen wieder zu Hause und macht weiter wie vorher. Der andere kommt zwar auch nach Hause – aber er steht nicht mehr allein aus dem Sessel auf, geht nicht mehr einkaufen und braucht ein halbes Jahr später Hilfe im Alltag.

Dieselbe Krankheit, dieselbe Behandlung, ein völlig anderer Ausgang. Der Unterschied liegt selten in der Lungenentzündung. Er liegt darin, wie viel Reserve jemand vor der Erkrankung hatte. Genau diese Reserve – und ihr Fehlen – beschreibt der Fachbegriff Frailty.

Frailty ist kein Randthema. Sie ist in der Medizin des Alterns eines der wenigen Konzepte, das erklärt, warum Menschen mit denselben Diagnosen so unterschiedlich zurechtkommen [1]. Und sie hat eine ungewöhnlich gute Eigenschaft: Sie ist in einem erheblichen Teil der Fälle beeinflussbar – wenn man sie früh genug bemerkt.

Dieser Text erklärt, was Frailty ist, wie häufig sie vorkommt, wie Sie sie bei sich oder bei einem Angehörigen einschätzen können und was nachweislich hilft. Er sagt auch, wo die Grenzen liegen – das gehört dazu. Alle Aussagen sind mit Quellenangaben belegt; die Nummern in eckigen Klammern verweisen auf das Literaturverzeichnis am Ende.

2. Was Frailty bedeutet

Frailty beschreibt einen Zustand verminderter Reserven über mehrere Körpersysteme hinweg. Muskeln, Kreislauf, Immunsystem, Stoffwechsel, Nervensystem – jedes für sich vielleicht noch knapp im Rahmen, aber zusammen ohne Puffer.

Die international meistzitierte Formulierung lautet: ein klinischer Zustand, in dem die Anfälligkeit einer Person, nach einer Belastung abhängig zu werden oder zu sterben, erhöht ist [3]. Entscheidend ist dabei das Wort Belastung. Gemeint ist nicht ein Unfall mit Schwerverletzung, sondern das Alltägliche: eine Grippe, eine Harnwegsinfektion, eine geplante Operation, ein neues Medikament, eine Hitzewelle.

2.1 Das Bild, das am besten passt

Stellen Sie sich zwei Bankkonten vor. Auf dem einen liegen 10 000 Franken, auf dem anderen 200. Eine unerwartete Rechnung über 300 Franken ist für das erste Konto ein Ärgernis. Für das zweite ist sie eine Krise.

Frailty ist das zweite Konto. Die Fachliteratur zeigt das gerne als Kurve: Nach einer kleinen Belastung fällt die Funktionsfähigkeit ab – und bei einer Person mit guten Reserven steigt sie danach wieder auf das alte Niveau. Bei einer Person mit Frailty bleibt sie tiefer [4]. Nicht, weil die Krankheit schlimmer war, sondern weil nichts mehr da war, um sie aufzufangen.

Deshalb ist Frailty auch mehr als die Summe der Diagnosen. Man kann nicht alle Krankheiten einer Person aufzählen und daraus ihre Belastbarkeit berechnen. Frailty ist eine eigene Grösse – und in Studien sagt sie Stürze, Spitalaufenthalte, Pflegebedürftigkeit und Sterblichkeit unabhängig von den Einzeldiagnosen voraus [2], [1].

2.2 Warum wir das englische Wort verwenden

Die naheliegende Übersetzung wäre «Gebrechlichkeit». Im deutschsprachigen Fachbereich wird dieser Begriff aber zunehmend gemieden, und zwar aus zwei guten Gründen.

Erstens klingt er nach Urteil, nicht nach Befund. «Gebrechlich» beschreibt eine Person; Frailty beschreibt einen Zustand, der sich ändern kann. Das ist kein Wortspiel – es entscheidet mit darüber, ob jemand ein Trainingsprogramm überhaupt beginnt.

Zweitens ist «Gebrechlichkeit» im Deutschen fest mit hohem Alter verknüpft. Frailty ist das nicht. Sie kommt auch bei Menschen im mittleren Alter vor, besonders bei chronischen Erkrankungen – dazu gleich mehr.

Wir verwenden deshalb in diesem Text den englischen Begriff. Aber auch er braucht eine Einordnung: Frailty bedeutet nicht, dass jemand dem Lebensende nahe ist. Sie bedeutet, dass die Puffer knapp geworden sind – und dass man an ihnen arbeiten kann.

2.3 Die fünf Zeichen (Fried-Phänotyp)

Der am häufigsten verwendete Zugang stammt aus einer grossen amerikanischen Studie von 2001 [5]. Sie beschreibt fünf messbare Zeichen:

  • Ungewollter Gewichtsverlust – mehr als rund 4,5 kg im letzten Jahr, ohne Diät und ohne Trainingsumstellung.
  • Erschöpfung – das Gefühl, dass alles anstrengend ist und man nicht in Schwung kommt, an mehreren Tagen pro Woche.
  • Geringe körperliche Aktivität – gemessen über einen Fragebogen zu den Aktivitäten der letzten Wochen.
  • Langsames Gehen – als Richtwert gilt eine Gehgeschwindigkeit unter etwa 0,8 Metern pro Sekunde.
  • Schwache Handkraft – gemessen mit einem geeichten Handkraftmesser, mit Grenzwerten je nach Geschlecht und Körperbau.

Die Auswertung ist einfach: kein Kriterium erfüllt heisst robust, ein bis zwei Kriterien heissen pre-frail (also eine Vorstufe), drei oder mehr heissen frail [5].

Merken Sie sich vor allem die mittlere Stufe. Pre-Frailty ist keine Zwischenkategorie für die Statistik – sie ist das eigentliche Zeitfenster, in dem sich am meisten bewegen lässt. Dazu Abschnitt 6.

2.4 Der zweite Zugang: Defizite zählen

Neben dem Phänotyp gibt es einen zweiten, ganz anders gebauten Zugang: den Frailty Index [6]. Statt fünf festgelegter Zeichen zählt er möglichst viele Gesundheitsprobleme zusammen – Krankheiten, Symptome, Einschränkungen, Laborwerte – und teilt sie durch die Anzahl der geprüften Punkte. Wer von 40 geprüften Punkten 10 aufweist, hat einen Index von 0,25.

Der Index ist feiner und erfasst kleine Veränderungen besser; der Phänotyp ist schneller und in der Praxis leichter durchführbar. Eine europäische Auswertung von über 311 000 Befragungen hat beide Methoden parallel angewendet und kommt zum Schluss: Sie sind ergänzend, nicht austauschbar [8].

Für Sie als Leserin oder Leser heisst das: Wenn zwei Fachpersonen unterschiedliche Zahlen nennen, ist das kein Widerspruch, sondern oft nur ein anderes Messinstrument.

3. Wie häufig ist Frailty?

Die bisher breiteste Auswertung fasst Studien aus 62 Ländern mit rund 1,76 Millionen Menschen zusammen [7]. Die Zahlen steigen erwartungsgemäss mit dem Alter:

  • Frailty: 11 bis 16 Prozent bei den 50- bis 69-Jährigen, 20 bis 51 Prozent bei den 70-Jährigen und Älteren.
  • Pre-Frailty: 41 bis 45 Prozent bei den 50- bis 69-Jährigen, 49 bis 56 Prozent ab 70.

Die Spannweiten sind gross, und das hat einen ehrlichen Grund: Prävalenzzahlen hängen von drei Dingen ab – vom Alter, vom verwendeten Messinstrument und vom Ort. In Akutspitälern, in Pflegeheimen und in ärmeren Ländern liegen die Werte deutlich höher als in der Allgemeinbevölkerung [1]. Eine europäische Auswertung zeigt zudem eine starke Verbindung zum Wohlstand: In der Altersgruppe 65–79 Jahre ist Frailty in Ländern mit niedrigem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf zwei- bis dreimal häufiger als in einkommensstarken Ländern [8]. Frauen sind in praktisch allen Altersgruppen häufiger betroffen als Männer [8].

Pre-Frailty ist dabei kein harmloser Zwischenzustand. Eine Auswertung von 26 Studien mit über 222 000 Personen ab 65 Jahren fand für Pre-Frailty ein um rund 38 Prozent erhöhtes Sterberisiko [9]. Das ist keine Zahl zum Erschrecken, sondern eine zum Handeln: Der Zustand, in dem am meisten möglich ist, ist zugleich der häufigste.

3.1 Frailty beginnt früher als gedacht

Die grösste Untersuchung zum mittleren Alter stammt aus der britischen UK-Biobank-Studie: Bei 493 737 Teilnehmenden zwischen 37 und 73 Jahren waren 3 Prozent frail und 38 Prozent pre-frail [10]. Frailty war dort eng mit Mehrfacherkrankungen, sozialer Benachteiligung, Rauchen und Übergewicht verbunden – und sagte die Sterblichkeit in praktisch allen Altersgruppen voraus.

Das räumt mit einem verbreiteten Missverständnis auf: Frailty ist kein Pflegeheim-Thema. Sie beginnt oft zwei bis drei Jahrzehnte früher, in einer Lebensphase, in der man sich noch für gesund hält.

3.2 Zahlen aus der Schweiz und aus der Physiotherapie

Für die Schweiz gibt es keine grosse landesweite Erhebung, aber zwei brauchbare Ausschnitte.

Im Kanton Genf wiesen in einer Bevölkerungsstudie mit 2930 Personen 22,2 Prozent der 50- bis 65-Jährigen einen Frailty-Indikator auf, weitere 2,7 Prozent zwei oder mehr [11]. Im Tessin lag bei 660 älteren Erwachsenen die Frailty-Häufigkeit bei 10,3 Prozent, die Pre-Frailty-Häufigkeit bei 48,2 Prozent [12].

Besonders aufschlussreich ist eine Untersuchung aus einer ambulanten Physiotherapie-Praxis in Deutschland – dem Setting, in dem auch wir arbeiten. Von 258 Patientinnen und Patienten (Durchschnittsalter 74 Jahre, drei Viertel mit einer orthopädischen Anmeldediagnose) waren nach dem Fried-Phänotyp 17,8 Prozent frail und 43,4 Prozent pre-frail [13]. Die drei häufigsten Auffälligkeiten waren langsames Gehen, verminderte Handkraft und Erschöpfung.

Anders gesagt: In einem gewöhnlichen Wartezimmer mit überwiegend Schulter-, Knie- und Rückenbeschwerden ist nicht einmal jede vierte Person über 65 vollständig robust. Wer wegen des Knies kommt, bringt das Thema Frailty oft unbemerkt mit.

4. Frailty, Sarkopenie, Multimorbidität – was ist was?

Drei Begriffe, die ständig verwechselt werden, obwohl sie Verschiedenes meinen.

Sarkopenie ist eine Muskelerkrankung: zu wenig Muskelkraft, zu wenig Muskelmasse. Fachgesellschaften stufen sie heute als behandelbare Erkrankung ein, nicht als normale Alterserscheinung [14]. Sie ist meist der körperliche Kern der Frailty – aber nicht das Ganze. Wer sich dafür im Detail interessiert: Wir haben dazu einen eigenen Beitrag, Muskelschwäche im Alter.

Frailty ist breiter. Zu den Muskeln kommen Erschöpfung, ungewollter Gewichtsverlust, reduzierte Aktivität – und in vielen Modellen auch kognitive und soziale Aspekte. Frailty beschreibt die Belastbarkeit des ganzen Systems, nicht nur eines Gewebes.

Multimorbidität heisst schlicht: mehrere Krankheiten gleichzeitig. Das ist etwas anderes als Frailty, auch wenn beides oft zusammen auftritt. Eine Auswertung von neun Studien mit 14 704 Personen zeigt die Richtung dieser Beziehung deutlich: Die Mehrheit der Menschen mit Frailty ist auch multimorbid, aber nur ein kleinerer Teil der multimorbiden Menschen ist frail [15].

Warum die Unterscheidung zählt: Sie bestimmt, wo man ansetzt. Bei führender Sarkopenie steht Krafttraining im Zentrum. Bei Frailty kommen mehrere Bausteine dazu. Bei Multimorbidität geht es zusätzlich um die Abstimmung der Behandlungen und der Medikamente untereinander.

5. Wie Frailty entsteht: zwei Kreisläufe

Frailty entsteht auf zwei Wegen gleichzeitig – einem langsamen und einem sprunghaften. Beide zu kennen ist nützlich, weil sie unterschiedliche Gegenmassnahmen verlangen.

5.1 Der langsame Kreislauf

Der erste Kreislauf dreht sich über Monate und Jahre und hat den Muskelabbau im Zentrum:

Weniger Appetit und weniger Eiweiss im Essen → weniger Muskelmasse und Muskelkraft → weniger Bewegung, weil alles anstrengender wird → geringerer Energieverbrauch und noch weniger Appetit → noch weniger Muskel. Dazu kommen eine dauerhafte, niedrigschwellige Entzündungsaktivität und hormonelle Veränderungen, die den Muskelabbau zusätzlich begünstigen.

Das Tückische daran: Jeder einzelne Schritt ist klein und für sich vernünftig erklärbar. Man isst weniger, weil man weniger Hunger hat. Man geht weniger, weil es mühsam ist. Erst über Jahre wird daraus eine Abwärtsspirale.

Die gute Nachricht ist die gleiche wie bei jedem Kreislauf: Man kann ihn an jeder Stelle unterbrechen. Und die zwei wirksamsten Stellen sind gut untersucht – Krafttraining und Eiweiss (Abschnitt 8).

5.2 Der sprunghafte Kreislauf

Der zweite Weg sieht ganz anders aus. Hier passiert lange nichts – und dann kommt ein Ereignis: eine Lungenentzündung, ein Sturz, eine Operation, ein Spitalaufenthalt.

Die Grunderkrankung wird korrekt behandelt und heilt aus. Aber die Funktion kehrt nicht vollständig zurück. Jede solche Episode etabliert eine neue, tiefere Ausgangslage – und erhöht die Verletzlichkeit für die nächste Krise [17]. Der Verlauf ist nicht eine schiefe Ebene, sondern eine Treppe nach unten.

Der Hauptgrund dafür ist banal und deshalb umso wichtiger: Inaktivität. Ein paar Tage Bettruhe kosten im Alter unverhältnismässig viel Muskel, und der Wiederaufbau geht deutlich langsamer als der Abbau [16].

Im Spital hat dieses Phänomen einen eigenen Namen: Hospital Associated Disability – der Verlust einer Alltagsfähigkeit während eines Spitalaufenthalts, obwohl die Erkrankung erfolgreich behandelt wurde. Frailty ist dafür der stärkste bekannte Risikofaktor, und die Häufigkeit ist hoch genug, um sie ernst zu nehmen [18]. Wir haben dem Thema einen eigenen Beitrag gewidmet: Schwächer aus dem Spital.

6. Der wichtigste Befund: Frailty ist keine Einbahnstrasse

Wenn Sie aus diesem Text nur einen Abschnitt behalten, dann diesen.

Eine Zusammenfassung von 16 Studien mit 42 775 zu Hause lebenden älteren Menschen hat über durchschnittlich knapp vier Jahre verfolgt, wie sich der Frailty-Status verändert – ohne jede gezielte Behandlung [19]:

  • 56,5 Prozent blieben in derselben Kategorie.
  • 29,1 Prozent verschlechterten sich.
  • 13,7 Prozent verbesserten sich.

Fast jede siebte Person wurde also von selbst besser. Frailty ist damit keine Diagnose, die nur eine Richtung kennt.

6.1 Das Zeitfenster

Noch aufschlussreicher wird es, wenn man nach der Ausgangslage aufschlüsselt [19]:

  • Wer robust war, blieb es zu 54,0 Prozent; 40,6 Prozent wurden pre-frail, nur 4,5 Prozent frail.
  • Wer pre-frail war, wurde zu 23,1 Prozent wieder robust; 58,2 Prozent blieben pre-frail, 18,2 Prozent wurden frail.
  • Wer frail war, wurde nur noch zu 3,3 Prozent wieder robust; 40,3 Prozent verbesserten sich auf pre-frail, 54,5 Prozent blieben frail.

Diese Zahlen sind unsymmetrisch, und genau darin liegt die Botschaft. In der Vorstufe kehrt fast jede vierte Person ganz von allein zurück in die Robustheit – mit gezieltem Training liegt dieser Anteil höher. Ist die Frailty erst einmal manifest, sinkt die Chance auf eine vollständige Rückkehr auf rund 3 Prozent.

Das heisst nicht, dass sich Training bei manifester Frailty nicht lohnt – im Gegenteil, auch dort verbessern sich Kraft, Gehen und Selbstständigkeit messbar (Abschnitt 8). Es heisst: Je früher, desto mehr ist möglich.

6.2 Drei Verlaufstypen – und warum das die Botschaft ändert

Zwei Menschen mit demselben Frailty-Wert können völlig verschiedene Verläufe vor sich haben – je nachdem, was die Frailty antreibt. Eine aktuelle Arbeit schlägt deshalb drei Typen vor [17]:

Umkehrbare Frailty. Dahinter steckt etwas Behandelbares – eine unbehandelte Herzklappenverengung, eine schwere Hüftarthrose, eine Blutarmut, eine Schilddrüsenunterfunktion, eine durchgemachte Lungenentzündung. Wird die Ursache behandelt, kehrt sich der Zustand tatsächlich um.

Stabile Frailty. Die Grundbedingung ist nicht mehr umkehrbar, aber sie schreitet auch nicht voran – etwa nach einem Schlaganfall. Hier geht es um Erhalt: Kraft, Funktion, passende Hilfsmittel, angepasste Wohnung.

Fortschreitende Frailty. Eine fortschreitende Erkrankung treibt den Verlauf – fortgeschrittene Demenz, Organversagen im Endstadium. In frühen Stadien lässt sich der Verlauf verlangsamen; in späten Stadien greifen Trainingsprogramme nicht mehr und können sogar belasten. Dann verschiebt sich das Ziel zu Beschwerdelinderung, ehrlicher Kommunikation und Entlastung der Angehörigen.

Warum wir das so ausführlich schreiben: Der Satz «Frailty ist umkehrbar» ist bei den ersten beiden Typen richtig und motivierend. Beim dritten ist er falsch – und weckt Erwartungen, die niemandem helfen [17]. Eine gute Fachperson klärt den Typ, bevor sie die Botschaft wählt.

7. Wie Sie es selbst einschätzen können

Eine internationale Fachgruppe empfiehlt, ab 70 Jahren auf Frailty zu screenen – und ausserdem bei jeder Person, die im letzten Jahr mehr als 5 Prozent ihres Körpergewichts verloren hat [3]. Dafür gibt es kurze Fragebogen, die Sie auch selbst ausfüllen können.

7.1 Die FRAIL-Skala

Die FRAIL-Skala besteht aus fünf Fragen; jede zählt einen Punkt [20]:

  1. Erschöpfung – Waren Sie im letzten Monat die meiste Zeit oder immer erschöpft?
  2. Widerstandskraft – Fällt es Ihnen schwer, zehn Treppenstufen ohne Pause und ohne Hilfsmittel zu steigen?
  3. Gehstrecke – Fällt es Ihnen schwer, mehrere hundert Meter am Stück zu gehen?
  4. Erkrankungen – Wurden bei Ihnen mehr als fünf chronische Erkrankungen festgestellt?
  5. Gewichtsverlust – Haben Sie im letzten Jahr mehr als 5 Prozent Ihres Körpergewichts verloren, ohne es zu wollen? (Bei 70 kg wären das 3,5 kg.)

Auswertung: 0 Punkte = robust. 1 bis 2 Punkte = Vorstufe (pre-frail). 3 oder mehr Punkte = Hinweis auf Frailty [20].

Wichtig ist die mittlere Kategorie. Ein oder zwei Punkte sind kein Anlass zur Beruhigung, sondern der beste Zeitpunkt zum Handeln – siehe die Übergangszahlen in Abschnitt 6.1.

7.2 Und jetzt die ehrliche Einordnung

Kurze Fragebogen sind bequem – und ungenau. Eine Netzwerk-Meta-Analyse hat die gängigen Screening-Instrumente (FRAIL-Skala, PRISMA-7, Groningen- und Tilburg-Indikator) direkt verglichen und kommt zum Schluss, dass keines davon gut genug ist, um für sich allein eine Diagnose zu tragen [21].

Konkret bedeutet das:

  • Ein unauffälliges Ergebnis schliesst Frailty nicht aus.
  • Ein auffälliges Ergebnis beweist sie nicht.

Dazu kommt ein Punkt, der oft untergeht: Wie aussagekräftig ein Testresultat ist, hängt davon ab, wie häufig Frailty in der Gruppe ist, aus der die getestete Person kommt. Derselbe auffällige Wert bedeutet auf einer geriatrischen Station etwas ganz anderes als bei einer 68-Jährigen, die zum Wandern kommt.

Der Selbsttest ist also ein Türöffner für ein Gespräch, kein Befund. Genau so sollten Sie ihn benutzen.

7.3 Was in der Physiotherapie gemessen wird

Über den Fragebogen hinaus arbeitet die Physiotherapie mit kurzen, standardisierten Bewegungstests. Sie dauern zusammen etwa zehn Minuten:

  • Gehgeschwindigkeit über vier Meter in gewohntem Tempo.
  • Fünfmal aus dem Stuhl aufstehen ohne Armeinsatz, auf Zeit.
  • Gleichgewichtsstände – Füsse geschlossen, halber Tandemstand, Tandemstand, je 10 Sekunden.
  • Handkraft mit einem geeichten Messgerät.
  • Timed Up and Go – vom Stuhl aufstehen, drei Meter gehen, umkehren, zurück, hinsetzen.

Die ersten drei ergeben zusammen die Short Physical Performance Battery mit maximal 12 Punkten. Diese Tests sind nicht Selbstzweck: Eine Meta-Analyse über 40 Untersuchungen mit 85 515 zu Hause lebenden älteren Menschen zeigt, dass sie den späteren Verlust von Alltagsfähigkeiten vorhersagen. Für den Timed Up and Go stuften die Autorinnen und Autoren die Aussagekraft der Daten als hoch ein – bei den übrigen Tests fiel sie geringer aus [22].

Ein Test verdient eine besondere Erwähnung. Aus dem Aufstehtest lässt sich die Aufsteh-Leistung berechnen – also nicht nur, ob Sie aufstehen können, sondern wie schnell Sie dabei Kraft entwickeln. In einer europäischen Untersuchung mit 9320 Personen war das Risiko für Mobilitätseinschränkungen bei Frauen unter 2,1 Watt pro Kilogramm und bei Männern unter 2,6 Watt pro Kilogramm deutlich erhöht [23]. Die Berechnung dauert eine Minute und braucht nur Körpergewicht, Körpergrösse, Stuhlhöhe und eine Stoppuhr.

Wichtig: Machen Sie den Aufstehtest zu Hause nur, wenn Sie sich sicher fühlen, und stellen Sie den Stuhl an eine Wand.

8. Was wirklich hilft

Hier wird die Datenlage erfreulich klar. Eine Übersicht über 23 systematische Übersichtsarbeiten mit 18 768 Teilnehmenden fasst es so zusammen: Körperliche Aktivität mit einer Krafttrainings-Komponente, mindestens zweimal pro Woche, ist die wirksamste einzelne Massnahme gegen Frailty [24]. Eine Ernährungskomponente verstärkt den Effekt zusätzlich.

Die stärkste Einzelschätzung stammt aus einer Meta-Analyse von 18 randomisierten Studien mit 3457 älteren Erwachsenen: Mehrkomponenten-Training senkte das Frailty-Risiko um rund 55 Prozent [25]. Solche Effektgrössen sieht man in der Medizin des Alterns selten.

8.1 Krafttraining ist die Basis

Welche Bewegungsform wirkt am besten? Eine Netzwerk-Meta-Analyse von 69 randomisierten Studien hat die Trainingsformen direkt gegeneinander gestellt [26]. Die Rangliste:

  1. Krafttraining – Rang 1
  2. Körper-Geist-Verfahren wie Tai Chi oder Qigong – knapp dahinter
  3. Gemischte Physiotherapie
  4. Mehrkomponenten-Training
  5. Reines Ausdauertraining

Zwei Dinge sind daran bemerkenswert. Erstens steht Krafttraining oben – das ist der Grund, warum es in jedem Frailty-Programm vorkommen sollte. Zweitens steht Tai Chi fast gleichauf. Für Menschen, die mit Hanteln und Geräten nichts anfangen können, ist das keine Notlösung, sondern eine evidenzbasierte Alternative.

Die klassische Studie zum Thema ist inzwischen über dreissig Jahre alt und immer noch die schönste Illustration: Hundert Bewohnerinnen und Bewohner eines Pflegeheims – Durchschnittsalter 87 Jahre, die älteste Person 98 – trainierten zehn Wochen lang mit progressivem Krafttraining bei 80 Prozent der Maximalkraft. Kraft und Funktion verbesserten sich deutlich. Eine Nährstoffergänzung allein, ohne Training, tat das nicht [27].

Dieselbe Kernaussage steht heute in den internationalen Leitlinien: Ein Mehrkomponenten-Bewegungsprogramm mit Krafttrainings-Anteil ist die Erstlinien-Behandlung bei Frailty [29], [28]. Medikamente als alleinige Therapie werden in beiden Dokumenten abgelehnt.

8.2 Wie oft, wie schwer, wie lange

Für Menschen, die bereits pre-frail oder frail sind, gibt es eine eigene Dosis-Wirkungs-Auswertung. Sie zeigt: Krafttraining verbessert das Aufstehen und die allgemeine körperliche Leistung deutlich, und drei Einheiten pro Woche waren das Optimum. Ein sehr hohes Trainingsvolumen pro Einheit brachte dagegen keine besseren Ergebnisse [30].

Das ist eine entlastende Botschaft: Es geht nicht darum, lange zu trainieren, sondern regelmässig und ausreichend fordernd.

Wie schwer? Studien geben die Belastung meist in Prozent der Maximalkraft an – im Alltag unbrauchbar, weil niemand zu Hause einen Maximaltest macht. Der praktische Zugang läuft über die Wiederholungen:

Wählen Sie einen Widerstand, mit dem Sie 8 bis 12 saubere Wiederholungen schaffen. Am Ende des Satzes sollten Sie das Gefühl haben: Zwei bis vier weitere wären noch möglich gewesen – mehr nicht. Schaffen Sie plötzlich problemlos 15, ist die Belastung zu leicht geworden und wird gesteigert.

Genau dieses schrittweise Steigern ist der Wirkstoff. Zwei Jahre mit demselben Theraband sind kein Krafttraining mehr, sondern eine Gewohnheit.

Ein häufiger Fehler ist, zu früh aufzuhören. Die meisten Menschen unterschätzen anfangs deutlich, wie viele Wiederholungen sie noch geschafft hätten. Diese Selbsteinschätzung lässt sich trainieren – am besten in den ersten Sitzungen gemeinsam mit einer Fachperson.

Wie lange? Die meisten Studien finden positive Effekte ab zwei bis drei Einheiten pro Woche über mindestens zwölf Wochen. Kürzere Programme – etwa acht Wochen – reichten in mehreren Untersuchungen nicht aus, um Frailty umzukehren [24]. Rechnen Sie also von Anfang an mit einem Quartal, nicht mit einem Monat.

8.3 Schnellkraft mittrainieren

Kraft ist nicht gleich Kraft. Maximalkraft ist, wie viel Sie bewegen können. Schnellkraft ist, wie schnell Sie es bewegen können. Und die Schnellkraft geht im Alter früher und rascher verloren.

Das ist keine Feinheit für Sportlerinnen und Sportler. Fast alle kritischen Momente im Alltag sind Schnellkraft-Momente: Ein Stolpern kündigt sich nicht an. Der Bus fährt nicht langsamer. Die Stufe kommt nicht später.

Die Datenlage dazu ist positiv, aber differenziert. Eine frühe Meta-Analyse aus unserem eigenen Umfeld verglich Schnellkraft- mit klassischem Krafttraining bei über 60-Jährigen und fand einen kleinen Vorteil für das Schnellkrafttraining bei den Alltagsfunktionen [31]. Eine neuere Auswertung von 20 Studien mit 566 Personen bestätigt das: leichter Vorteil bei der körperlichen Funktion, deutlicher Vorteil bei der Muskelleistung – bei Maximalkraft, Muskelmasse und Gehgeschwindigkeit dagegen kein Unterschied. Die Sicherheit dieser Aussage wird als niedrig bis mässig eingestuft [32].

Ehrlich gesagt: Der Unterschied zwischen den beiden Trainingsformen ist kleiner als der Unterschied zwischen «trainieren» und «nicht trainieren».

Praktisch ist Schnellkrafttraining einfacher, als es klingt – und es bedeutet nicht, mit leichten Gewichten herumzuwedeln. Entscheidend ist die Absicht, zügig zu beschleunigen: die Aufwärtsbewegung so schnell wie möglich, die Abwärtsbewegung kontrolliert und langsam. Beim Aufstehen vom Stuhl heisst das: zügig hoch, langsam runter. Wer beim Aufstehtest unter den Richtwerten von 2,1 beziehungsweise 2,6 Watt pro Kilogramm liegt [23], ist ein klarer Kandidat dafür.

8.4 Fertige Programme: Vivifrail und Otago

Sie müssen das Rad nicht neu erfinden. Zwei Programme sind für genau diese Situation entwickelt und geprüft worden.

Vivifrail kombiniert Kraft, Gleichgewicht, Beweglichkeit und Ausdauer und wird in vier Stufen an den Funktionszustand angepasst. Üblich ist eine betreute Phase von etwa vier Wochen, danach ein strukturiertes Heimprogramm. Die Weltgesundheitsorganisation führt das Programm in ihren Empfehlungen zur integrierten Versorgung älterer Menschen. Eine multizentrische randomisierte Studie hat es bei zu Hause lebenden Personen mit Frailty und leichter kognitiver Beeinträchtigung oder leichter Demenz geprüft: Schon nach einem Monat verbesserten sich körperliche Funktion und Gehgeschwindigkeit, nach drei Monaten zusätzlich Kognition, Muskelfunktion und Stimmung – bei guter Verträglichkeit [33]. Das ist bemerkenswert, weil gerade diese Gruppe oft von Trainingsangeboten ausgeschlossen wird.

Das Otago-Programm ist in der Schweiz aus der Sturzprävention bekannt: 17 Kraft- und Gleichgewichtsübungen plus ein Gehprogramm, mit klarem Steigerungsschema. Eine Meta-Analyse von zehn Studien zeigt, dass es auch bei Frailty und Pre-Frailty wirkt – Frailty-Status, Mobilität, Gleichgewicht und Handkraft verbesserten sich [34]. Ein wichtiger Vorbehalt: Diese Effekte auf die Frailty zeigten sich erst nach etwa zwölf Wochen. Eine kurze Otago-Sequenz genügt für die Sturzprävention, aber nicht für eine Umkehr der Frailty.

Beide Programme werden in der Physiotherapie eingeführt und dann selbstständig weitergeführt. Der betreute Teil dient dazu, die Dosierung richtig einzustellen – nicht dazu, Sie dauerhaft an Termine zu binden.

8.5 Eiweiss: wichtig, aber kein Ersatz

Muskeln brauchen Baustoff, und ältere Muskeln reagieren schwächer auf den Reiz von Eiweiss als junge. Deshalb liegen die Empfehlungen höher als früher.

Die europäische Fachgesellschaft für klinische Ernährung empfiehlt gesunden älteren Menschen mindestens 1,0 bis 1,2 Gramm Eiweiss pro Kilogramm Körpergewicht und Tag; bei Krankheit oder in der Erholung nach einem Spitalaufenthalt liegt der Bedarf höher, bei etwa 1,2 bis 1,5 Gramm [35]. Für eine Person mit 70 kg sind das rund 70 bis 85 Gramm pro Tag – ungefähr ein Becher Quark, eine Portion Fisch oder Fleisch, ein Ei und eine Portion Hülsenfrüchte, über den Tag verteilt.

Verteilen Sie das Eiweiss über den Tag. Viele Menschen essen morgens fast keines und abends sehr viel. Über den Tag verteilt nutzen Sie den Aufbaureiz mehrmals statt nur einmal.

Aber: Eiweiss ohne Training bringt wenig. Das zeigte schon die Studie von 1994 [27], und es bestätigt sich in den aktuellen Übersichtsarbeiten: Reine Ernährungsmassnahmen ohne Bewegungskomponente bleiben in der Wirkung unklar [24]. Der Baustoff nützt erst, wenn ein Reiz da ist, der den Bau anstösst.

Bei Nierenerkrankungen gelten andere Regeln – besprechen Sie die Eiweissmenge in diesem Fall mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Und wenn ungewollt Gewicht verloren geht, gehört eine Ernährungsberatung dazu; eine allgemeine Empfehlung ersetzt keinen individuellen Plan.

8.6 Was allein nicht reicht

Der Vollständigkeit halber, weil es viel Zeit und Geld spart:

  • Spazieren allein. Wertvoll für Herz, Kreislauf und Stimmung – aber als Reiz für den Muskelaufbau zu schwach. Der Muskel braucht eine Belastung, die deutlich über der Alltagsanforderung liegt.
  • Nahrungsergänzung allein. Ohne Training bleibt die Wirkung unklar [24].
  • Apps und Online-Programme allein. Reine Telegesundheits-Angebote wirken nur dann, wenn sie mit ausreichend intensiver körperlicher Aktivität verbunden sind [24].
  • Medikamente. Für Frailty als solche gibt es kein Medikament; die Leitlinien lehnen eine medikamentöse Monotherapie ab [29].

Umgekehrt zeigt eine Meta-Analyse aus der Grundversorgung, was funktioniert: Krafttraining plus Eiweissergänzung, Krafttraining plus Ernährungsberatung und Krafttraining allein senkten das Frailty-Risiko jeweils deutlich; eine umfassende geriatrische Abklärung ebenfalls, wenn auch etwas schwächer [36].

9. Vom Boden aufstehen können

Diese Fähigkeit wird fast nie besprochen – bis sie fehlt. Dabei ist sie im Alltag ständig gefragt: beim Gartenarbeiten, beim Aufheben eines heruntergefallenen Gegenstands, beim Spielen mit Enkelkindern, beim Turnen auf der Matte.

Und sie ist ein Sicherheitsfaktor ersten Ranges. In einer britischen Untersuchung, die ein Jahr lang sämtliche Stürze von 110 Personen ab 90 Jahren erfasste, konnten 80 Prozent nach mindestens einem Sturz nicht selbstständig aufstehen; 30 Prozent lagen mindestens eine Stunde am Boden [37]. Langes Liegen war verbunden mit ernsthaften Verletzungen, mit Spitaleintritten und mit späterem Heimeintritt.

Der ernüchterndste Befund dieser Studie: 97 Prozent der Personen, die lange am Boden lagen, hatten ein Notrufsystem – und haben es nicht benutzt [37]. Manche trugen den Sender gerade nicht, manche wollten es unbedingt allein schaffen, manche fürchteten, ins Spital eingewiesen zu werden.

Daraus folgt nicht, dass Notrufsysteme unnötig sind. Es folgt, dass sie das Training der Aufstehfähigkeit nicht ersetzen.

Wie man es trainiert. Die am besten untersuchte Methode heisst Backward Chaining – Rückwärtsverkettung. Statt vom Liegen aus zu üben, wird die Bewegung von hinten aufgebaut: Sie beginnen im Stand, gehen einen Schritt zurück in den Halbkniestand, dann in den Vierfüsslerstand, dann in den Seitsitz, schliesslich in die Rückenlage. Jede Stufe wird einzeln sicher gemacht, bevor die nächste dazukommt. Der Vorteil: kein Erlebnis von Hilflosigkeit am Boden, und das Selbstvertrauen wächst mit jedem gemeisterten Schritt.

Ein systematischer Review von sieben Studien mit 446 Personen (Durchschnittsalter 82,4 Jahre) zeigt, dass diese Methode die Aufstehfähigkeit verbessert, die Mobilität steigert, die Sturzhäufigkeit senkt und die Sturzangst verringern kann [38]. Die Autorinnen und Autoren weisen zugleich darauf hin, dass sie in der Praxis erstaunlich selten eingesetzt wird.

In der Therapie reichen dafür fünf bis zehn Minuten pro Sitzung über drei bis sechs Wochen, parallel zum übrigen Programm. Üben Sie es nicht ohne Anleitung allein zu Hause, wenn Sie unsicher sind.

10. Stürze und Sturzangst

Frailty und Stürze verstärken sich gegenseitig. Eine Meta-Analyse bestätigt Frailty als eigenständigen Risikofaktor für Stürze [39] – und jeder Sturz kann über Verletzung, Schonung und Angst wieder in die Frailty zurückführen.

Zur Sturzprävention gibt es seit 2022 weltweite Leitlinien, die eine klare Reihenfolge vorgeben: Risiko einschätzen, gezielt abklären, dann an mehreren Stellen gleichzeitig ansetzen – Training, Medikamentenüberprüfung, Sehen, Blutdruck, Wohnumfeld [40]. Wir behandeln das ausführlich in unserem Beitrag Sturzprävention.

Hier soll ein Punkt hervorgehoben werden, der bei Frailty besonders zählt: die Sturzangst.

Sie ist nicht einfach die Folge eines Sturzes – sie kann auch ohne jeden Sturz auftreten, und sie ist ein eigenständiger Antrieb des Geschehens. Der Ablauf ist immer derselbe: Wer Angst hat zu stürzen, vermeidet Aktivitäten. Wer Aktivitäten vermeidet, verliert Kraft und Gleichgewicht. Wer Kraft und Gleichgewicht verliert, stürzt eher. Die Angst erfüllt sich selbst.

Die gute Nachricht: Bewegungsprogramme wirken auch gegen die Angst. Eine Meta-Analyse von 30 randomisierten Studien fand einen kleinen bis mässigen Effekt [41]. Am besten belegt sind drei Zutaten: Körper-Geist-Verfahren mit Atem- und Achtsamkeitsanteil (allen voran Tai Chi), Mehrkomponenten-Programme mit Kraft und Gleichgewicht – und individuell gesteigerte Programme.

Bei ausgeprägter Sturzangst stösst reine Bewegungstherapie an ihre Grenzen. Dann hilft zusätzlich ein psychologisches Verfahren, das die katastrophisierenden Gedanken bearbeitet («Wenn ich falle, breche ich mir die Hüfte und lande im Heim»). Sprechen Sie das an – es ist kein Zeichen von Schwäche, sondern der wirksamere Weg.

11. Die kritischen Wochen: Krankheit, Operation, Spital

Weil Inaktivität der stärkste Beschleuniger ist [16], lohnt sich ein bewusster Umgang mit genau den Phasen, in denen einem am wenigsten nach Bewegung zumute ist.

Bei Grippe oder Erkältung. Ruhe ist richtig, solange Fieber besteht. Danach zählt jeder Tag. Stehen Sie regelmässig auf, machen Sie mehrmals täglich ein paar Aufstehbewegungen vom Stuhl.

Vor einer geplanten Operation. Die Wochen davor sind wertvoll. Wer mit mehr Kraft in eine Operation geht, hat mehr Reserve für danach. Fragen Sie aktiv nach einem Vorbereitungsprogramm – bei Frailty ist das keine Extravaganz, sondern sinnvoll investierte Zeit.

Im Spital. Fragen Sie nach, ob Sie aufstehen dürfen, und nach Physiotherapie. Sitzen im Sessel ist besser als Liegen, Gehen auf dem Gang ist besser als Sitzen. Klären Sie die Sicherheitsfragen mit dem Personal – aber lassen Sie das Thema nicht liegen. Genau hier entsteht der Funktionsverlust, den man später mühsam zurückholen muss [18].

Nach dem Spitalaufenthalt. Das ist die entscheidende Phase. Ein Teil der verlorenen Kraft kommt ohne gezieltes Training nicht von selbst zurück. Und zugleich ist das die Situation mit dem grössten Potenzial: Eine Frailty, die durch eine überstandene Erkrankung entstanden ist, gehört zum umkehrbaren Typ [17].

Bei einem gebrochenen Arm oder Bein. Der Gips betrifft ein Körperteil, nicht den ganzen Körper. Die gesunde Seite und der Rumpf können und sollen weiter trainiert werden.

12. Was sonst noch zählt: Schlaf, Kontakte, Medikamente

Frailty ist mehr als Muskel. Vier Bereiche sind gut belegt und werden in der Praxis oft übergangen.

Schlaf. Eine Meta-Analyse zeigt für die Schlafdauer eine U-Form: Sowohl weniger als sechs als auch mehr als acht Stunden waren gegenüber sechs bis acht Stunden mit einem erhöhten Frailty-Risiko verbunden [42]. Auch schlechte Schlafqualität und Schlafapnoe gehören dazu. Wenn Sie schnarchen und tagsüber müde sind, ist das ein Thema für die Hausarztpraxis.

Einsamkeit und soziale Isolation. Eine grosse britische Längsschnittstudie zeigt, dass beides – das subjektive Gefühl von Einsamkeit ebenso wie objektive Isolation – das Risiko erhöht, frail zu werden [43]. Das ist kein weiches Randthema: In den Daten steht es neben den körperlichen Risikofaktoren.

Ein hübscher Gegenbefund dazu: Tanzen hat in einer Auswertung mehrerer Studien einen günstigen Effekt auf Frailty gezeigt [44]. Bewegung, Musik, Gleichgewicht, Menschen – vier Wirkstoffe in einer Aktivität.

Medikamente. Je mehr Dauermedikamente, desto höher das Frailty- und Sturzrisiko. Ab etwa fünf Dauermedikamenten lohnt sich eine strukturierte Überprüfung durch Ärztin, Arzt oder Apotheke. Setzen Sie nie selbst etwas ab – gerade bei Schlaf- und Beruhigungsmitteln kann ein abruptes Absetzen gefährlicher sein als das Mittel.

Stimmung und Gedächtnis. Depression und kognitive Einschränkungen sind mit Frailty eng verflochten, in beide Richtungen. Sie gehören abgeklärt – auch weil eine unbehandelte Depression jedes Trainingsprogramm ausbremst.

Wo mehrere dieser Bereiche zusammenkommen, ist eine umfassende geriatrische Abklärung sinnvoll. Eine Cochrane-Übersichtsarbeit über 29 Studien mit 13 766 Patientinnen und Patienten zeigt: Wer im Spital eine solche Abklärung erhält, lebt drei bis zwölf Monate später mit höherer Wahrscheinlichkeit noch zu Hause [45]. Der Effekt ist nicht riesig – aber er betrifft genau das Ergebnis, das den meisten Menschen am wichtigsten ist.

13. Erschöpfung – und wie man Energie einteilt

Erschöpfung ist eines der fünf Frailty-Kriterien und zugleich einer der stärksten Motoren des Kreislaufs: Sie senkt die Aktivität, die Aktivität senkt die Kraft, die fehlende Kraft macht alles anstrengender.

Der wichtigste – und für viele überraschende – Punkt: Das wirksamste Mittel gegen Erschöpfung ist Bewegung. Das ist gut untersucht, am besten in der Krebsrehabilitation, und die Mechanismen sind übertragbar: bessere Muskelfunktion, gedämpfte Entzündung, besserer Schlaf, bessere Stimmung.

Wichtig ist die Steigerung in kleinen Schritten. In den ersten ein bis zwei Wochen kann die Erschöpfung durch die Aktivierung zunehmen. Das ist normal – wer es nicht weiss, hört genau dann auf.

Ergänzend hilft Pacing, also die bewusste Einteilung der Energie:

  • Prioritäten setzen. Am Vorabend drei bis vier Hauptpunkte für den nächsten Tag festhalten. Alles Weitere ist Bonus.
  • Planen. Anstrengendes in den energiereichsten Tagesabschnitt legen – bei den meisten der Vormittag. Grosse Aufgaben teilen (die Wäsche in zwei Etappen statt einer).
  • Pausen vorher. Pausen einplanen, bevor die Erschöpfung kommt, nicht erst danach.

Ein einfaches Energietagebuch über ein bis zwei Wochen macht das Muster sichtbar: pro Tag drei Zeilen (Vormittag, Nachmittag, Abend), dazu jeweils die Energie auf einer Skala von 1 bis 10. Danach wissen Sie, wann Ihre guten Stunden sind – und können den Einkauf dorthin legen.

Eine Abgrenzung ist wichtig: Pacing ist nicht dasselbe wie Schonung. Es ist die Methode, mit der man möglichst viel und möglichst gleichmässig tun kann – nicht möglichst wenig.

Und nicht jede Erschöpfung gehört zum Altern. Neu aufgetretene, unerklärte Erschöpfung über mehr als vier Wochen, dazu Atemnot bei Belastung, Schwindel, Kälteempfindlichkeit oder anhaltende Niedergeschlagenheit – das gehört ärztlich abgeklärt. Blutarmut, Schilddrüsenprobleme und Depression sind häufig und behandelbar.

14. Sechs verbreitete Missverständnisse

«Frailty ist einfach das Alter.»
Nein. Frailty ist ein eigenständiger Zustand, der Ereignisse unabhängig vom Alter und von den Einzeldiagnosen vorhersagt [2]. Es gibt robuste 90-Jährige und frail gewordene 60-Jährige.

«Frailty betrifft nur sehr alte Menschen.»
In der UK-Biobank-Studie waren unter 493 737 Personen zwischen 37 und 73 Jahren 3 Prozent frail und 38 Prozent pre-frail [10]. Das Thema beginnt im mittleren Alter.

«Wenn man einmal frail ist, geht es nur noch abwärts.»
Ohne jede Behandlung verbesserten sich in vier Jahren 13,7 Prozent, und aus der Vorstufe kehrten 23,1 Prozent in die Robustheit zurück [19]. Mit Training ist mehr möglich.

«Krafttraining ist in diesem Alter zu gefährlich.»
Progressives Krafttraining wurde bei Pflegeheimbewohnenden mit einem Durchschnittsalter von 87 Jahren durchgeführt [27] und wird von internationalen Leitlinien als Erstlinien-Behandlung empfohlen [29]. Gefährlicher als das Training ist der Kraftverlust, der zu Stürzen führt.

«Ich bewege mich genug – ich gehe jeden Tag spazieren.»
Spazieren ist wertvoll, aber als Reiz für den Muskelaufbau zu schwach. In der direkten Gegenüberstellung der Trainingsformen liegt reines Ausdauertraining am Ende der Rangliste, Krafttraining an der Spitze [26]. Beides wird gebraucht – aber es ersetzt sich nicht.

«Ein Eiweisspulver löst das Problem.»
Ernährungsmassnahmen ohne Bewegungskomponente bleiben in der Wirkung unklar [24]. Eiweiss unterstützt das Training – es ersetzt es nicht.

15. Wann Sie eine Fachperson beiziehen sollten

Sprechen Sie das Thema an, wenn eine oder mehrere dieser Aussagen zutreffen:

  • Die FRAIL-Skala ergibt 1 Punkt oder mehr.
  • Fünfmal aus dem Stuhl aufstehen dauert länger als 15 Sekunden.
  • Sie sind im letzten Jahr gestürzt – oder Sie haben Angst davor.
  • Sie konnten nach einem Sturz nicht selbstständig aufstehen.
  • Sie haben ungewollt Gewicht verloren.
  • Sie fühlen sich nach einer Krankheit, einer Operation oder einem Spitalaufenthalt nicht wieder «wie vorher».
  • Sie sind dauernd erschöpft.
  • Sie vermeiden Aktivitäten, die früher selbstverständlich waren.

Was Sie in der Physiotherapie erwartet: die Tests aus Abschnitt 7.3, daraus ein Trainingsprogramm mit klaren Steigerungsschritten – und, das ist der entscheidende Teil, ein Heimprogramm, das Sie zwischen den Terminen selbst durchführen. Nach vier bis sechs Wochen wird neu gemessen. Verbessert sich nichts, obwohl Sie regelmässig trainiert haben, gehört das zurück an die Hausarztpraxis: Dann liegt die Ursache oft ausserhalb der Reichweite der Physiotherapie – Blutarmut, Schilddrüse, eine neue Erkrankung, die Medikamentenliste.

Was ärztlich abgeklärt gehört: ungewollter Gewichtsverlust, neu aufgetretene starke Erschöpfung, Verdacht auf Mangelernährung, Stürze ohne erkennbaren Anlass, Gedächtnisprobleme, Verdacht auf Depression – und eine Medikamentenliste, die über die Jahre lang geworden ist.

Und was Angehörige beitragen können: oft mehr als sie denken. Mitgehen zum Training. Beim Einkauf auf Eiweiss achten. Nachfragen, ob der Wochenplan noch soziale Termine enthält. Die drei häufigsten Frühzeichen – langsameres Gehen, weniger Kraft, mehr Erschöpfung – sieht das Umfeld meist zuerst.

16. Zusammengefasst

Frailty ist der Zustand, in dem die Reserven knapp geworden sind. Sie erklärt, warum dieselbe Lungenentzündung die eine Person zwei Wochen und die andere ihre Selbstständigkeit kostet.

Sie ist häufig – in der Vorstufe betrifft sie rund die Hälfte der Menschen über 70 [7] – und sie beginnt früher, als die meisten denken [10]. Sie ist zugleich einer der wenigen Zustände im Alter, bei denen Rückkehr dokumentiert und Behandlung wirksam ist [19], [24].

Was Sie dafür brauchen, ist überschaubar: zwei bis drei fordernde Krafteinheiten pro Woche über mindestens drei Monate, Gleichgewichtsübungen möglichst täglich, genug Eiweiss über den Tag verteilt, Aufmerksamkeit für die Wochen mit Krankheit oder Schonung, ein wachsames Auge auf Schlaf, Stimmung, Kontakte und Medikamentenliste – und die Bereitschaft, «das ist halt das Alter» nicht mehr als Erklärung zu akzeptieren.

Der Körper ist auch mit 85 anpassungsfähig. Langsamer als mit 40 – aber er antwortet.

Literatur

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