1. Warum dieser Text?
«Lymphdrainage» ist einer der wenigen Behandlungsnamen, den fast alle schon einmal gehört haben. Viele verbinden damit etwas Angenehmes: sanfte Griffe, ruhige Atmosphäre, das Gefühl, dass etwas «in Bewegung kommt». Andere kennen sie als das, was nach einer Krebsbehandlung verordnet wurde, ohne dass je jemand erklärt hätte, warum.
Beides greift zu kurz. Die manuelle Lymphdrainage ist eine ernsthafte medizinische Behandlung mit einem klaren Anwendungsgebiet – dem Lymphödem. Und sie ist zugleich der Teil dieser Behandlung, dessen Wirkung am schwächsten belegt ist. Das ist ein unangenehmer Satz für eine Praxis, die diese Behandlung anbietet. Er steht trotzdem hier, weil das Gegenteil – so tun, als sei die Lymphdrainage das Herzstück – dazu führt, dass Menschen die wirksameren Teile vernachlässigen.
Denn die wirksameren Teile gibt es, und sie sind gut untersucht: Kompression, Bewegung und Hautpflege. Sie sind weniger angenehm, verlangen mehr von den Betroffenen selbst und lassen sich schlechter verordnen. Genau deshalb geraten sie leicht ins Hintertreffen.
Ein Warnzeichen vorweg, und das ist wichtig. Wenn eine Schwellung plötzlich heiss, rot und schmerzhaft wird und Fieber dazukommt, ist das kein Fall für Physiotherapie, sondern für die Arztpraxis – noch am selben Tag. Was dahintersteckt, steht in Abschnitt 4. Wer nur einen Abschnitt dieses Textes liest, sollte diesen lesen.
Dieser Text erklärt, was das Lymphsystem tut, warum eine Schwellung entsteht und warum sie bleibt, woran man ein Lymphödem erkennt und von anderen Schwellungen unterscheidet, wie häufig es ist, wie es gemessen wird, woraus die Behandlung besteht – und, als eigenes Kapitel, was die manuelle Lymphdrainage leisten kann und was nicht. Alle Aussagen sind belegt; die Zahlen in eckigen Klammern verweisen auf das Literaturverzeichnis am Ende.
Ein Hinweis vorweg: Dieser Beitrag ersetzt keine individuelle Beratung. Wer eine Krebserkrankung, eine Herz- oder Nierenerkrankung, eine Thrombose in der Vorgeschichte oder ein offenes Bein hat, bekommt in der Behandlung eine auf die eigene Situation zugeschnittene Empfehlung – die geht allem hier Beschriebenen vor.
2. Was das Lymphsystem tut
2.1 Ein zweites Leitungsnetz
Neben den Blutgefässen durchzieht ein zweites Netz den Körper: das Lymphsystem. Es beginnt blind im Gewebe, mit feinsten Gefässen, die kaum breiter sind als ein Haar, und sammelt sich über immer grössere Bahnen, bis es kurz vor dem Herzen wieder in eine Vene mündet. Unterwegs liegen die Lymphknoten – rund 600 Filterstationen, in denen das Immunsystem prüft, was da vorbeikommt.
Die Aufgabe dieses Netzes lässt sich mit einem Bild fassen: Es ist die Abwasserkanalisation des Körpers. Aus den kleinsten Blutgefässen tritt ständig Flüssigkeit ins Gewebe aus, damit die Zellen versorgt werden. Der grösste Teil davon wird von den Blutgefässen wieder aufgenommen. Der Rest – vor allem Flüssigkeit mit gelösten Eiweissen, dazu Zellreste, Fette aus dem Darm und Immunzellen – kann nur über das Lymphsystem zurück. Pro Tag sind das mehrere Liter [2].
Anders als der Blutkreislauf hat das Lymphsystem keine Pumpe. Es bewegt sich auf drei Wegen: Die grösseren Lymphgefässe haben eine eigene, sehr feine Muskulatur, die sich rhythmisch zusammenzieht; Klappen im Inneren verhindern, dass die Flüssigkeit zurückläuft; und von aussen drücken die Skelettmuskeln bei jeder Bewegung auf die Gefässe. Dieser dritte Punkt erklärt, warum Bewegung in diesem Text so oft vorkommt: Sie ist keine Zusatzmassnahme, sondern der Antrieb des Systems.
2.2 Wie eine Schwellung entsteht
Eine sichtbare Schwellung entsteht immer dann, wenn im Gewebe mehr Flüssigkeit ankommt, als abtransportiert wird. Dafür gibt es zwei ganz verschiedene Gründe, und die Unterscheidung entscheidet über die Behandlung:
- Es kommt zu viel an. Das ist der Fall bei einer Herzschwäche, bei einer Nierenerkrankung, bei bestimmten Medikamenten, in der Schwangerschaft oder bei einer frischen Verletzung. Das Lymphsystem ist gesund, aber überfordert. Fachleute sprechen von einem Ödem «mit hoher Last».
- Es wird zu wenig abtransportiert. Das ist das Lymphödem im engeren Sinn: Die Leitungen selbst sind zu wenige, zu eng oder unterbrochen. Die anfallende Menge wäre normal – das Netz schafft sie nicht mehr.
In der Praxis liegt oft beides zugleich vor. Ein Bein mit chronischer Venenschwäche schwemmt viel Flüssigkeit ins Gewebe und überlastet mit der Zeit die Lymphbahnen. Man nennt das ein Phlebolymphödem – ein Mischbild, das häufiger ist als das reine Lymphödem.
2.3 Warum ein Lymphödem nicht einfach «Wasser» ist
Das ist der Punkt, an dem die meisten Missverständnisse beginnen. Wer «Wasser in den Beinen» hört, denkt an etwas, das sich ausschwemmen lässt – mit einer Tablette, mit viel Trinken, mit Hochlagern. Beim Lymphödem funktioniert das nicht, und der Grund liegt in dem, was in der Flüssigkeit gelöst ist.
Die Flüssigkeit, die das Lymphsystem abtransportiert, ist eiweissreich. Bleibt sie liegen, bleiben die Eiweisse liegen. Sie ziehen ihrerseits Wasser an, und sie lösen im Gewebe eine stille, langsame Entzündung aus. Über Monate und Jahre verändert diese Entzündung das Gewebe: Bindegewebe wird vermehrt eingelagert, Fettgewebe wächst, die Haut wird dicker und derber [1], [3].
Daraus folgen drei Dinge, die im Alltag wichtig sind. Erstens: Am Anfang ist die Schwellung weich und lässt sich über Nacht oder mit Hochlagern noch deutlich verkleinern – später nicht mehr, weil das, was da geschwollen ist, gar keine Flüssigkeit mehr ist. Zweitens: Entwässerungstabletten helfen nicht; sie entziehen dem Körper Wasser, nicht dem Gewebe die Eiweisse. Drittens: Wer früh behandelt, behandelt eine Schwellung, die noch reversibel ist. Das ist der stärkste Grund, mit einer Schwellung nicht monatelang zuzuwarten.
2.4 Angeboren oder erworben
Zwei Formen werden unterschieden:
- Primäres Lymphödem. Das Lymphsystem ist von Geburt an anders angelegt – zu wenige Gefässe, zu enge Gefässe, fehlende Klappen. Sichtbar wird das oft nicht bei der Geburt, sondern in der Pubertät oder im jungen Erwachsenenalter, meist an einem Bein. Es ist selten.
- Sekundäres Lymphödem. Ein zuvor gesundes System wird beschädigt. Der häufigste Grund in unseren Breiten ist die Krebsbehandlung: Werden Lymphknoten entfernt oder bestrahlt, fehlen Durchgangsstationen. Weitere Gründe sind wiederholte Hautinfektionen, Verletzungen, ausgedehnte Operationen, starkes Übergewicht und langes Bewegungsmangel [1].
Weltweit ist übrigens keine dieser Ursachen die häufigste: Es ist die Filariose, eine durch Mücken übertragene Wurmerkrankung, die in tropischen Regionen viele Millionen Menschen betrifft [8]. In der Schweiz spielt sie keine Rolle, aber sie erklärt, warum die weltweiten Zahlen zum Lymphödem so hoch ausfallen.
3. Woran man ein Lymphödem erkennt
3.1 Die Zeichen
Ein Lymphödem beginnt selten dramatisch. Typisch ist eine Reihe von Beobachtungen, die zunächst jede für sich harmlos wirkt:
- Schwere und Spannung. Der Arm oder das Bein fühlt sich voll an, praller, «wie aufgepumpt». Dieses Gefühl geht dem sichtbaren Umfangsunterschied oft Monate voraus.
- Abdrücke. Uhrenarmband, Socken, Ringe, BH-Träger hinterlassen tiefere Spuren als früher, oder der Ring geht abends nicht mehr ab.
- Ein Seitenunterschied. Am Anfang sieht man ihn nur, wenn man gezielt vergleicht – zum Beispiel beide Handrücken oder beide Knöchel nebeneinander.
- Die Delle. Drückt man mit dem Daumen einige Sekunden fest auf das Schienbein oder den Handrücken, bleibt eine Delle stehen. Das ist ein Zeichen für eine noch weiche, flüssigkeitsbetonte Schwellung. Später verschwindet die Delle wieder – nicht weil es besser wird, sondern weil das Gewebe fester geworden ist.
- Das Stemmer-Zeichen. Der bekannteste Test: Man versucht, die Haut über dem Grundgelenk der zweiten Zehe oder des zweiten Fingers als Falte abzuheben. Gelingt das nicht oder nur mit Mühe, spricht das für ein Lymphödem. Ein positives Zeichen ist ein guter Hinweis; ein negatives schliesst ein frühes Lymphödem aber nicht aus.
Beim krebsbedingten Lymphödem am Arm kommt hinzu, dass die Beschwerden häufig in den ersten zwei Jahren nach der Behandlung beginnen – aber eben nicht immer. Auch fünf oder zehn Jahre danach kann eine Schwellung neu auftreten [5].
3.2 Die vier Stadien
International wird das Lymphödem in vier Stadien eingeteilt [4]. Die Einteilung ist keine Prognose, sondern eine Beschreibung des Ist-Zustands – und sie hilft zu verstehen, was Behandlung in welchem Stadium noch bewirken kann:
| Stadium | Was man sieht und fühlt | Was Hochlagern über Nacht bewirkt |
|---|---|---|
| 0 (latent) | Nichts Sichtbares. Das Lymphsystem ist beschädigt, kompensiert aber noch. Manchmal ein Schwere- oder Spannungsgefühl. | Nicht anwendbar – es ist noch keine Schwellung da. |
| I | Weiche Schwellung, Delle bleibt nach Fingerdruck stehen. | Geht deutlich zurück, oft vollständig. |
| II | Das Gewebe wird fester, die Delle wird schwerer oder gar nicht mehr eindrückbar. | Geht kaum noch zurück. |
| III | Ausgeprägte Umfangszunahme, derbe, verdickte Haut, Hautfalten, Warzen- und Blasenbildung, wiederholte Infekte. | Praktisch keine Veränderung. |
Die wichtigste Zeile ist die erste. Stadium 0 heisst: Das System ist verletzt, aber die Schwellung ist noch nicht da. Genau hier lässt sich am meisten gewinnen – vorausgesetzt, jemand schaut hin. Deshalb geht es in Abschnitt 6.2 um Messungen, die früher anschlagen als das Auge.
3.3 Was sonst hinter einer Schwellung stecken kann
Nicht jede geschwollene Wade ist ein Lymphödem, und einiges davon gehört zuerst ärztlich abgeklärt:
- Venenschwäche. Sehr häufig. Die Schwellung ist meist beidseitig, nimmt im Lauf des Tages zu, ist abends am schlimmsten und geht über Nacht zurück. Oft mit Krampfadern, bräunlichen Verfärbungen an den Unterschenkeln oder Juckreiz.
- Herzschwäche. Beidseitige Schwellung, dazu Atemnot bei Belastung oder im Liegen, nächtliches Wasserlassen, rasche Gewichtszunahme über Tage.
- Nieren- oder Lebererkrankungen. Oft mit Schwellungen auch im Gesicht oder am Bauch.
- Medikamente. Bestimmte Blutdruckmittel (Kalziumantagonisten), Kortison, einige Schmerzmittel, Hormone. Ein Blick auf die Medikamentenliste lohnt sich, bevor eine Therapie beginnt.
- Eine Thrombose. Meist einseitig, relativ plötzlich, oft mit Schmerz, Wärme und Spannungsgefühl – siehe Abschnitt 4.
- Ein Lipödem. Dazu gleich mehr.
Diese Liste ist kein Grund zur Beunruhigung, sondern eine Begründung dafür, warum am Anfang jeder Lymphdrainage eine ärztliche Abklärung steht. Eine Schwellung zu behandeln, ohne zu wissen, woher sie kommt, kann im schlimmsten Fall verschleiern, dass etwas anderes behandelt werden müsste.
3.4 Lipödem ist etwas anderes – auch wenn es ähnlich klingt
Das Lipödem wird oft mit dem Lymphödem verwechselt, ist aber ein eigenes Krankheitsbild. Es betrifft fast ausschliesslich Frauen, beginnt meist in einer hormonellen Umbruchphase und zeigt sich als symmetrische, beidseitige Vermehrung von Fettgewebe an Beinen und oft auch Armen. Charakteristisch ist, dass die Füsse und Hände ausgespart bleiben – es entsteht eine sichtbare Stufe am Knöchel. Und charakteristisch ist der Schmerz: Das Gewebe ist druckempfindlich, es entstehen leicht blaue Flecken [10].
Der wichtigste Unterschied für die Behandlung: Beim Lipödem ist das Lymphsystem zunächst intakt. Manuelle Lymphdrainage lindert bei manchen Betroffenen den Schmerz, verkleinert aber die Beine nicht – dafür ist das Problem nicht Flüssigkeit, sondern Fettgewebe. Wo beides zusammentrifft (ein Lipödem, das mit den Jahren zusätzlich die Lymphbahnen überlastet), spricht man von einem Lipo-Lymphödem; dann greift die Kompression wieder.
Diese Unterscheidung ist auch deshalb wichtig, weil Frauen mit Lipödem häufig jahrelang zu hören bekommen, sie müssten einfach abnehmen. Das trifft nicht zu: Das lipödematöse Fettgewebe reagiert kaum auf Diäten, während das übrige Gewebe abnimmt – was das Missverhältnis eher verstärkt.
4. Die Warnzeichen – wann es dringend ist
Ein Lymphödem selbst ist keine gefährliche Erkrankung. Es gibt aber Situationen, in denen eine Schwellung ärztlich abgeklärt gehört, und eine davon ist häufig genug, dass jede betroffene Person sie kennen sollte.
Noch heute ärztlich abklären lassen – nicht bis morgen warten:
- Die Wundrose (Erysipel). Die Haut wird auf einer scharf begrenzten Fläche rot, heiss und schmerzhaft, oft innerhalb weniger Stunden. Dazu kommen Fieber, Schüttelfrost und ein starkes Krankheitsgefühl. Das ist eine bakterielle Infektion und braucht ein Antibiotikum. Für ein geschwollenes Bein ist sie doppelt gefährlich: Jede Infektion beschädigt die Lymphbahnen zusätzlich, und jede beschädigte Lymphbahn erhöht das Risiko für die nächste Infektion – ein Kreislauf, der in Verlaufsstudien gut belegt ist [35]. In dieser Phase wird nicht drainiert und nicht bandagiert.
- Verdacht auf eine Thrombose. Ein Bein schwillt innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen einseitig an, fühlt sich gespannt und warm an, schmerzt in der Wade. Besonders nach einer Operation, einer längeren Reise, bei Bettlägerigkeit oder in der Schwangerschaft.
- Atemnot, Brustschmerz, plötzliches Herzrasen zusammen mit einer Beinschwellung – das gehört in die Notfallaufnahme.
Innerhalb weniger Tage ärztlich abklären, aber ohne Notfall:
- Eine Schwellung, die neu auftritt und für die es keine Erklärung gibt – besonders, wenn eine Krebserkrankung in der Vorgeschichte besteht. Eine neue Schwellung kann Ausdruck eines Rückfalls sein, und das gehört ausgeschlossen, bevor eine Drainage beginnt.
- Eine bekannte Schwellung, die innerhalb von Wochen deutlich zunimmt, obwohl sich nichts verändert hat.
- Offene oder nässende Stellen an der Haut, eine Wunde, die nicht zugeht, oder Flüssigkeit, die durch die Haut austritt.
- Neue Schmerzen im geschwollenen Arm oder Bein, die es vorher nicht gab, oder Gefühlsstörungen und Kraftverlust.
- Beidseitige Schwellung zusammen mit Atemnot bei Belastung oder rascher Gewichtszunahme.
Zur Einordnung: Diese Liste ist da, damit Sie im Ernstfall richtig reagieren – nicht, damit Sie jeden Abend Ihre Knöchel prüfen. Die weitaus meisten Tage mit einem Lymphödem sind unauffällige Tage.
5. Wie häufig ein Lymphödem ist – und wen es trifft
5.1 Nach Brustkrebs
Am besten untersucht ist das Armlymphödem nach einer Brustkrebsbehandlung. Eine Zusammenfassung von 72 Untersuchungen kam auf eine Häufigkeit von 16,6 % über alle Studien hinweg; beschränkt auf die methodisch besseren Verlaufsstudien, in denen die Frauen von Anfang an begleitet wurden, waren es 21,4 % – also etwa jede fünfte Frau [5]. Das Risiko stieg vor allem in den ersten zwei Jahren nach der Operation.
Entscheidend ist dabei nicht die Brustoperation selbst, sondern was in der Achselhöhle geschieht. Wird nur der Wächterlymphknoten entnommen – der erste Knoten, in den der Lymphabfluss der Brust mündet –, ist das Risiko deutlich kleiner als bei einer vollständigen Ausräumung der Achselhöhle. Eine zusätzliche Bestrahlung der Achsel erhöht es weiter, ebenso ein höheres Körpergewicht [5], [39].
Umgekehrt gelesen heisst das: Vier von fünf Frauen bekommen kein Lymphödem. Die Zahl ist hoch genug, um das Thema ernst zu nehmen, und niedrig genug, um niemandem einzureden, es sei unvermeidlich.
5.2 Nach anderen Krebsbehandlungen
Lymphödeme treten überall dort auf, wo Lymphknoten entfernt oder bestrahlt wurden:
- Am Bein nach Behandlungen im Becken – bei Gebärmutter-, Eierstock-, Gebärmutterhals-, Prostata- oder Blasenkrebs, ebenso nach einer Lymphknotenausräumung in der Leiste bei einem schwarzen Hautkrebs.
- Am Kopf und Hals nach Operation und Bestrahlung von Tumoren im Mund-, Rachen- oder Kehlkopfbereich. Diese Form wird oft übersehen, weil sie sich auch nach innen richtet – auf Schleimhäute im Rachen und Kehlkopf. Sie hängt eng mit Beschwerden, eingeschränkter Halsbeweglichkeit und schlechterer Lebensqualität zusammen [9]. Hier ist die Lymphdrainage, kombiniert mit Übungen für Hals und Schlucken, ein wichtiger Behandlungsteil.
5.3 Die grösste Gruppe hat gar keinen Krebs
Das ist der Befund, der die öffentliche Wahrnehmung am stärksten verschiebt. Eine internationale Erhebung untersuchte, wie häufig chronische Schwellungen in der Bevölkerung und in Gesundheitseinrichtungen überhaupt sind. Ergebnis: Chronische Ödeme sind weit verbreitet, sie werden systematisch unterschätzt, und der grössere Teil hat nichts mit einer Krebsbehandlung zu tun [6]. Die häufigsten Begleitumstände sind Venenschwäche, eingeschränkte Beweglichkeit und Übergewicht.
Der Zusammenhang mit dem Gewicht ist dabei besonders deutlich. In einer Auswertung mit 7397 Betroffenen hatten 14 % der Normalgewichtigen das schwerste Stadium III erreicht – bei ausgeprägter Adipositas waren es 39 %. Und bei starkem Übergewicht liess sich die Schwellung mit Kompression schlechter unter Kontrolle bringen [7].
Für die Praxis heisst das zweierlei. Erstens: Eine chronisch geschwollene Wade bei einer 78-jährigen Frau, die schlecht zu Fuss ist, ist ein genauso echtes Lymphödem wie der Arm nach einer Brustkrebsbehandlung – und wird viel seltener als solches erkannt und behandelt. Zweitens: Die Behandlung setzt dann nicht nur an der Schwellung an, sondern auch an dem, was sie unterhält, nämlich Bewegungsmangel und Gewicht.
6. Wie ein Lymphödem festgestellt und gemessen wird
6.1 Bandmass und Volumen
Die Diagnose entsteht aus dem Gespräch, dem Blick und dem Tasten – Vorgeschichte, Verlauf, Stemmer-Zeichen, Hautbeschaffenheit, Seitenvergleich. Gemessen wird zusätzlich, damit sich der Verlauf beurteilen lässt.
Am gebräuchlichsten ist die Umfangmessung an festgelegten Punkten, im Abstand von jeweils vier Zentimetern von einem definierten Startpunkt aus. Aus diesen Umfängen lässt sich ein Volumen berechnen, indem man den Arm oder das Bein rechnerisch in eine Reihe von Kegelstümpfen zerlegt. Klingt aufwendig, dauert aber wenige Minuten und ist überall verfügbar.
Ab wann gilt eine Schwellung als Lymphödem? Da gibt es keine einzelne, allgemein anerkannte Grenze. Eine Untersuchung verglich vier gebräuchliche Kriterien am selben Kollektiv und fand, dass die Häufigkeit je nach gewähltem Kriterium erheblich schwankt [11]. Gebräuchlich sind ein Umfangsunterschied von zwei Zentimetern an einer Messstelle oder ein Volumenunterschied von 10 % gegenüber der Gegenseite.
Praktisch bedeutet das: Der Vergleich mit dem eigenen früheren Wert ist aussagekräftiger als jede Grenzzahl. Wer vor einer Krebsbehandlung einmal ausgemessen wurde, hat später einen echten Bezugspunkt – und das ist deutlich mehr wert als der Vergleich mit dem anderen Arm, der bei Rechts- oder Linkshändigkeit ohnehin nie gleich ist.
6.2 Früh erkennen, bevor man etwas sieht
Hier hat sich in den letzten Jahren am meisten bewegt. Die Idee: Wenn man die beginnende Flüssigkeitsansammlung erkennt, bevor sie sichtbar wird, genügt möglicherweise eine kurze, einfache Behandlung, um die Entwicklung zu stoppen.
Eine frühe Untersuchung dazu ist eindrücklich. Frauen wurden vor der Brustkrebsoperation ausgemessen und danach regelmässig kontrolliert. Wer eine kleine, noch unsichtbare Volumenzunahme zeigte, bekam für vier Wochen einen Kompressionsärmel – mehr nicht. Das Volumen ging danach signifikant zurück [12]. Die Botschaft: Eine sehr kleine Massnahme zum richtigen Zeitpunkt kann mehr bewirken als eine grosse Massnahme später.
Bestätigt und verfeinert wurde das durch eine grosse internationale Studie mit 963 Frauen. Verglichen wurden zwei Wege, den richtigen Zeitpunkt zu finden: das Bandmass oder die Bioimpedanzmessung – ein Verfahren, das mit einem sehr schwachen Wechselstrom misst, wie viel Flüssigkeit im Gewebe steckt. Wer auffällig wurde, bekam für vier Wochen einen Kompressionsärmel. Ergebnis: In der Bioimpedanzgruppe entwickelten 7,9 % trotzdem ein dauerhaftes Lymphödem, in der Bandmassgruppe 19,2 % [13].
In der Schweiz ist die Bioimpedanzmessung noch nicht überall verfügbar. Was aber überall möglich ist: eine Ausgangsmessung vor der Krebsbehandlung und regelmässige Kontrollen danach. Wer eine solche Nachkontrolle nicht angeboten bekommt, darf danach fragen.
6.3 Was bildgebende Verfahren leisten
Für die Alltagsdiagnose braucht es keine Bilder. Wo Zweifel bestehen oder eine Operation erwogen wird, kommen zwei Verfahren zum Einsatz:
- Lymphszintigraphie. Ein schwach radioaktiv markierter Stoff wird zwischen die Zehen oder Finger gespritzt; eine Kamera verfolgt, wie er abtransportiert wird. Das zeigt, ob und wo der Abfluss stockt.
- Indocyaningrün-Lymphographie. Ein Farbstoff wird in die Haut gespritzt und mit einer Infrarotkamera sichtbar gemacht. Das ergibt in Echtzeit ein Bild der oberflächlichen Lymphbahnen und wird vor allem in der rekonstruktiven Chirurgie und in der Forschung genutzt [33].
7. Die Behandlung – vier Bausteine
Die anerkannte Behandlung des Lymphödems heisst Komplexe Entstauungstherapie (KPE). «Komplex» meint dabei nichts Kompliziertes, sondern: aus mehreren Teilen zusammengesetzt. Diese vier Teile sind Kompression, Bewegung, Hautpflege und manuelle Lymphdrainage [4], [17].
Die Behandlung läuft in zwei Phasen. In der Entstauungsphase wird die Schwellung so weit wie möglich verkleinert – mit täglichen oder fast täglichen Terminen und Bandagen, über zwei bis vier Wochen. In der Erhaltungsphase, die anschliessend beginnt und in der Regel dauerhaft bleibt, geht es darum, das Erreichte zu halten – mit einem angepassten Kompressionsstrumpf oder -ärmel, mit Bewegung und mit Selbstbehandlung. Die zweite Phase ist die längere und die wichtigere.
7.1 Kompression – der Motor
Kompression wirkt auf mehreren Wegen: Sie erhöht den Druck im Gewebe und verringert dadurch, wie viel Flüssigkeit überhaupt austritt; sie unterstützt die Muskelpumpe, weil die Muskeln bei jeder Bewegung gegen einen Widerstand arbeiten; und sie hält den Erfolg der Entstauung fest, statt ihn über Nacht zurückfliessen zu lassen.
Wie viel sie beiträgt, zeigt eine ältere, methodisch saubere Studie besonders klar. Verglichen wurden zwei Wege: Bandagen für zwei Wochen und danach ein Kompressionsstrumpf – oder gleich nur der Strumpf. Die Bandagen-Gruppe schnitt deutlich besser ab, und der Vorsprung hielt über ein Jahr an [14]. Bandagen zuerst, Strumpf danach: Diese Reihenfolge ist bis heute der Standard.
Auch vorbeugend wirkt Kompression. In einer Studie mit 307 Frauen, denen die Achsellymphknoten ausgeräumt worden waren, trug die eine Hälfte nach der Operation vorsorglich einen Kompressionsärmel. Nach einem Jahr hatten in der Kompressionsgruppe 14 % eine relevante Armschwellung entwickelt, in der Kontrollgruppe 25 % [15].
Was in der Praxis über Erfolg oder Misserfolg entscheidet, ist meist nicht die Technik, sondern der Alltag mit der Kompression. Ein Strumpf, der drückt, scheuert, schwer anzuziehen ist oder unter der Kleidung stört, wird nicht getragen – und ein nicht getragener Strumpf wirkt nicht. Deshalb gehören diese Punkte offen besprochen: Anziehhilfen, Materialien, Farben, ein zweites Paar zum Wechseln, flachgestrickte statt rundgestrickter Ware bei ausgeprägten Formen. Wer seine Kompression nicht erträgt, hat kein Motivationsproblem, sondern ein Passformproblem.
Zur Schweizer Praxis: Kompressionsstrümpfe und -ärmel sind auf ärztliche Verordnung Teil der Grundversicherung; sie stehen in der Mittel- und Gegenständeliste (MiGeL) und werden bis zu einem Höchstbetrag vergütet, in der Regel zwei Paar pro Jahr. Massanfertigungen bei ausgeprägten Formen sind ebenfalls vorgesehen. Da die Bestimmungen sich ändern, lohnt sich vor der Anschaffung ein kurzer Anruf bei der Krankenkasse.
7.2 Bewegung und Krafttraining – der zweite Motor
Über Jahrzehnte lautete der ärztliche Rat nach einer Brustkrebsoperation: den Arm schonen, nichts Schweres heben, keine Anstrengung. Diese Empfehlung war gut gemeint und beruhte auf einer plausiblen Überlegung – mehr Belastung, mehr Durchblutung, mehr Flüssigkeit im Gewebe. Sie wurde nur nie geprüft. Als man sie schliesslich prüfte, ergab sich das Gegenteil.
Die Wende brachte eine Studie mit 141 Frauen, die bereits ein Armlymphödem hatten. Die eine Hälfte begann ein langsam gesteigertes Krafttraining mit Gewichten, zweimal pro Woche, angeleitet und mit Kompressionsärmel; die andere Hälfte trainierte nicht. Nach einem Jahr war der Anteil der Frauen mit einer Zunahme des Armvolumens um mindestens 5 % in beiden Gruppen gleich (11 % gegenüber 12 %). Die Trainingsgruppe hatte dafür weniger Verschlechterungsschübe (14 % gegenüber 29 %), weniger Beschwerden und deutlich mehr Kraft [18].
Eine zweite Studie derselben Gruppe untersuchte 154 Frauen, die noch kein Lymphödem hatten, aber ein erhöhtes Risiko. Auch hier führte das Krafttraining nicht zu mehr Lymphödemen – im Gegenteil: 11 % gegenüber 17 %, und bei den Frauen mit fünf oder mehr entfernten Lymphknoten 7 % gegenüber 22 % [19].
Bleibt die Frage, wie schwer trainiert werden darf. Auch die wurde geprüft: Eine australische Studie verglich schweres Krafttraining mit leichtem und mit gar keinem. Beim Armvolumen und den Beschwerden gab es zwischen den Gruppen keinen Unterschied; Kraft, Kraftausdauer und körperliche Lebensqualität verbesserten sich in beiden Trainingsgruppen [20].
Zusammenfassende Auswertungen bestätigen das Bild. Eine Metaanalyse über verschiedene Trainingsformen und Krebsarten kam zum Schluss, dass Menschen mit einem sekundären Lymphödem regelmässig und progressiv trainieren können, ohne dass sich Schwellung oder Beschwerden verschlechtern [21]. Eine speziell auf Krafttraining ausgerichtete Metaanalyse fand sogar eine leichte Abnahme der Schwellung [22].
Der eine Satz zum Mitnehmen: Es gibt keine Belastungsgrenze, die Sie einhalten müssen, um Ihren Arm zu schützen – es gibt nur eine Steigerungsgeschwindigkeit, die Sie einhalten sollten. Langsam beginnen, in kleinen Schritten steigern, auf die Reaktion in den folgenden ein bis zwei Tagen achten.
Eine offene Frage bleibt: Ob während des Trainings zwingend ein Kompressionsärmel getragen werden muss, ist nicht geklärt – dafür gibt es schlicht zu wenige Studien [21]. In den erwähnten Studien wurde er getragen, und solange die Frage offen ist, empfehlen wir das ebenfalls.
7.3 Hautpflege – der unterschätzte Teil
Dieser Baustein klingt nach einer Nebensächlichkeit und ist es nicht. Ein geschwollenes Bein hat eine schlechtere Immunabwehr vor Ort, weil die Immunzellen genau über jene Bahnen transportiert werden, die beschädigt sind. Jeder kleine Riss in der Haut ist deshalb eine echte Eintrittspforte, und jede durchgemachte Infektion beschädigt die Lymphbahnen weiter [35].
Was hilft, ist unspektakulär und wirksam:
- Täglich eincremen mit einer rückfettenden, parfümfreien Creme, am besten abends nach dem Ausziehen der Kompression.
- Fusspilz behandeln und die Zehenzwischenräume trocken halten. Die Risse zwischen den Zehen sind die häufigste Eintrittsstelle für die Wundrose.
- Nägel vorsichtig schneiden, nicht in die Ecken. Bei eingeschränkter Beweglichkeit oder Diabetes: medizinische Fusspflege.
- Kleine Verletzungen ernst nehmen – reinigen, desinfizieren, beobachten. Bei Rötung, die sich ausbreitet, am selben Tag in die Arztpraxis.
- Sonnenbrand und Insektenstiche vermeiden, soweit das im Alltag möglich ist.
Wer bereits mehrere Wundrosen durchgemacht hat, sollte die Frage einer vorbeugenden Antibiotikagabe ärztlich besprechen. Eine grosse Studie mit 274 Betroffenen zeigte, dass eine tägliche niedrig dosierte Penicillingabe die Rückfälle während der Einnahme senkte (22 % gegenüber 37 %). Der Schutz liess allerdings nach dem Absetzen wieder nach [36]. Das ist eine ärztliche Entscheidung, keine physiotherapeutische – aber eine, an die man denken darf.
7.4 Was wie viel trägt
Wenn man die Studienlage zu den vier Bausteinen nebeneinanderlegt, ergibt sich eine klare Rangfolge – und sie entspricht nicht der Bekanntheit der Verfahren:
| Baustein | Wie gut belegt | Wer macht die Arbeit |
|---|---|---|
| Kompression | Gut belegt – der grösste einzelne Beitrag zur Volumenreduktion und zum Halten des Ergebnisses | Sie selbst, täglich |
| Bewegung und Krafttraining | Gut belegt als sicher; verbessert Kraft, Beschwerden und Lebensqualität, senkt die Zahl der Schübe | Sie selbst, mit Anleitung |
| Hautpflege | Indirekt gut begründet – verhindert Infekte, und Infekte verschlechtern das Lymphödem | Sie selbst, täglich |
| Manuelle Lymphdrainage | Schwach und widersprüchlich für das Volumen; besser für Beschwerden und Wohlbefinden | Die Therapeutin oder der Therapeut |
Diese Tabelle enthält die unbequeme Pointe des ganzen Beitrags: Die drei wirksamsten Bausteine sind genau jene, die Sie selbst leisten müssen. Der Baustein, den man verordnet bekommt und der angenehm ist, ist der am schwächsten belegte. Eine gute Behandlung dreht dieses Verhältnis nicht um, aber sie verschweigt es auch nicht.
8. Die manuelle Lymphdrainage im Einzelnen
8.1 Was in einer Sitzung geschieht
Die manuelle Lymphdrainage hat mit einer Massage wenig gemeinsam. Sie arbeitet mit sehr geringem Druck – die Lymphgefässe liegen unmittelbar unter der Haut und werden von kräftigem Druck eher zugedrückt als geöffnet. Die Griffe verschieben die Haut in kreisenden, pumpenden Bewegungen, langsam und im Rhythmus von etwa einer Bewegung pro Sekunde.
Die Reihenfolge folgt einer Logik: Zuerst werden die gesunden Abflussgebiete behandelt – Hals, Bauch, die gegenüberliegende Achsel oder Leiste. Der Gedanke dahinter ist, «Platz zu schaffen», bevor Flüssigkeit aus dem gestauten Gebiet dorthin geleitet wird. Erst danach folgt der betroffene Arm oder das betroffene Bein, und zwar körpernah beginnend und nach aussen fortschreitend.
Eine Sitzung dauert je nach betroffenem Gebiet 30 bis 60 Minuten. In der Entstauungsphase folgt unmittelbar danach die Bandage – das ist wichtig, weil ohne Kompression ein grosser Teil der verschobenen Flüssigkeit innerhalb von Stunden zurückkehrt. Eine Lymphdrainage ohne anschliessende Kompression ist in der Entstauungsphase eine halbe Behandlung.
Ein modernerer Ansatz arbeitet mit einem Farbstoff, der die tatsächlichen Abflusswege sichtbar macht, sodass die Griffe individuell angepasst werden können statt nach einem Standardschema. Das klingt überzeugend – wie es sich in Zahlen ausgewirkt hat, steht gleich unten.
8.2 Was die Studien zeigen
Hier wird es unübersichtlich, deshalb der Reihe nach.
Die Cochrane-Übersicht von 2015 fasste sechs Studien mit 208 Frauen zusammen. Für die Kombination aus Lymphdrainage und Bandage gegenüber Bandage allein fand sie in zwei Studien (83 Teilnehmerinnen) einen zusätzlichen Effekt: Die Bandage allein senkte das überschüssige Volumen um 30 bis 38,6 %, die zusätzliche Lymphdrainage brachte weitere 7,1 Prozentpunkte. Auffällig war, dass davon vor allem Frauen mit leichten bis mittleren Schwellungen profitierten. Die Übersicht hielt ausserdem fest: Die Lymphdrainage war in allen Studien gut verträglich und sicher [23].
Die einzelne Studie, die dem zugrunde liegt, ist ebenso lesenswert. 45 Frauen erhielten vier Wochen lang entweder Bandagen allein oder Bandagen plus Lymphdrainage. Beide Gruppen verbesserten sich deutlich, ein Unterschied zwischen ihnen liess sich nicht sichern. Die Autorinnen und Autoren zogen daraus den Schluss, die Bandage allein solle als primäre Behandlung gelten – mit einem möglichen Zusatznutzen der Lymphdrainage bei leichten Formen [24].
Eine kanadische Studie ging der Frage von der anderen Seite nach: Sie verglich die volle Entstauungstherapie – mit Lymphdrainage und Bandagen – gegen den einfacheren Weg mit Kompressionsstrumpf allein. 103 Frauen nahmen teil. Das überschüssige Armvolumen ging in der aufwendigen Gruppe um 29,0 % zurück, in der einfachen um 22,6 %; der Unterschied liess sich statistisch nicht sichern. Lebensqualität und Armfunktion unterschieden sich nicht [16].
Eine Metaanalyse von zehn Studien mit 566 Betroffenen fand weder für die Vorbeugung noch für die Behandlung einen belegten Nutzen der Lymphdrainage – wies aber auf erhebliche Unterschiede zwischen den Studien hin, die eine klare Antwort erschweren [25]. Eine spätere systematische Übersicht von 17 Studien kam zum gleichen gemischten Bild: einige Studien positiv, andere ohne Zusatznutzen, und methodisch überwiegend schwach [26].
Die grösste und sorgfältigste Studie zu dieser Frage stammt aus Belgien und wurde 2022 veröffentlicht. Sie verglich nicht zwei, sondern drei Gruppen: Entstauungstherapie mit bildgeführter Lymphdrainage, mit klassischer Lymphdrainage oder mit einer Scheinbehandlung – Griffen, die sich ähnlich anfühlen, aber nicht dem Prinzip folgen. Alle Teilnehmenden bekamen die übrigen Bausteine der Entstauungstherapie.
Das Ergebnis ist eindeutig: Alle drei Gruppen verbesserten sich in drei Wochen etwa gleich stark. Der Rückgang des überschüssigen Volumens betrug 23,3 % mit bildgeführter, 20,9 % mit klassischer und 24,8 % mit Scheinbehandlung. Zwischen den Gruppen liessen sich keine bedeutsamen Unterschiede finden – auch nicht bei den übrigen gemessenen Grössen [27].
So lässt sich das zusammenfassen: Die manuelle Lymphdrainage ist sicher und gut verträglich. Ihr Beitrag zur Volumenverkleinerung ist – wenn überhaupt vorhanden – klein, am ehesten bei leichten Schwellungen erkennbar, und in der besten verfügbaren Studie nicht nachweisbar. Die Kompression trägt die Wirkung.
8.3 Was sie an den Beschwerden ändert
Volumen ist nicht alles. Betroffene beschreiben ihr Lymphödem selten in Millilitern, sondern über Spannung, Schwere, Steifigkeit, ein Fremdheitsgefühl im eigenen Arm. Und über die psychische Last: Systematisch ausgewertet zeigt sich, dass ein Lymphödem mit Belastung, Scham, verändertem Körperbild und sozialem Rückzug einhergeht – Folgen, die von den Behandelnden regelmässig unterschätzt werden [41].
Zu diesen Beschwerden sagt die Cochrane-Übersicht etwas Interessantes: In vier Studien besserten sich Beschwerden wie Schmerz und Schweregefühl deutlich – aber in allen Gruppen, unabhängig davon, ob eine Lymphdrainage stattfand. 60 bis 80 % der Teilnehmenden berichteten von einer Besserung [23].
Das lässt zwei Lesarten zu, und beide sind vertretbar. Die kritische: Der Effekt kommt von der Kompression, der Zuwendung und dem Verlauf – nicht von den Griffen. Die praktische: Es ist der betroffenen Person ziemlich gleichgültig, welcher Bestandteil der Behandlung die Erleichterung bringt, solange sie eintritt. Was daraus nicht folgt, ist, dass die Erleichterung eingebildet wäre. Sie ist messbar und real – nur eben nicht eindeutig einem Verfahren zuzuordnen.
8.4 Kann Lymphdrainage ein Lymphödem verhindern?
Diese Frage wurde in zwei sorgfältigen Studien untersucht, und sie kamen zu entgegengesetzten Ergebnissen. Das lohnt einen genauen Blick, weil der Unterschied lehrreich ist.
Die belgische Studie begleitete 160 Frauen nach einer Ausräumung der Achsellymphknoten über sechs Monate. Beide Gruppen erhielten Schulung und Bewegungstherapie; die eine zusätzlich manuelle Lymphdrainage. Nach zwölf Monaten hatten 24 % der Lymphdrainage-Gruppe ein Armlymphödem entwickelt und 19 % der Vergleichsgruppe – kein Unterschied, wenn schon eine leichte Tendenz zuungunsten der Drainage [28].
Die spanische Studie untersuchte 120 Frauen in derselben Situation. Auch hier erhielten beide Gruppen eine Schulung; die Interventionsgruppe zusätzlich ein Physiotherapieprogramm aus manueller Lymphdrainage, Narbenbehandlung und einem gestuften Schulterübungsprogramm. Nach einem Jahr hatten 7 % der Interventionsgruppe ein Lymphödem entwickelt gegenüber 25 % der Kontrollgruppe – ein deutlicher Unterschied [29].
Wie passt das zusammen? Am ehesten so: In der spanischen Studie war die Lymphdrainage nur ein Teil eines Bündels, das auch Narbenbehandlung und ein aufbauendes Schulterprogramm enthielt – und die Vergleichsgruppe bekam davon nichts. In der belgischen Studie erhielten beide Gruppen Schulung und Bewegungstherapie; unterschieden haben sie sich nur in der Lymphdrainage. Genau diese Studie fand keinen Unterschied. Die naheliegende Erklärung ist deshalb, dass der Nutzen im spanischen Bündel von den anderen Bestandteilen kam.
Wer wirklich vorbeugen will, hat inzwischen ohnehin einen besser belegten Weg zur Hand: den vorsorglichen Kompressionsärmel [15] und die frühe Erkennung mit Messung [13], beide in Abschnitt 7.1 und 6.2 beschrieben.
8.5 Warum wir sie trotzdem anbieten
Wer bis hierher gelesen hat, könnte fragen, weshalb eine Praxis eine Behandlung anbietet, deren Hauptwirkung sie selbst relativiert. Die Antwort hat vier Teile, und sie ist ehrlich gemeint.
- Sie schadet nicht. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Studienergebnis: Über alle Untersuchungen hinweg war die Lymphdrainage gut verträglich und sicher [23]. Bei einer chronischen Erkrankung ist eine Behandlung, die spürbar entlastet und nichts verschlechtert, etwas wert.
- Sie entlastet spürbar. Das Nachlassen von Spannung und Schwere ist für viele Betroffene der Grund, weshalb sie kommen. Dass sich dieser Effekt in Studien nicht sauber von den übrigen Bestandteilen trennen lässt, ändert nichts an der Erfahrung.
- Sie ist der Rahmen, in dem alles andere stattfindet. In einer Lymphdrainage-Sitzung wird bandagiert, die Haut angeschaut, die Passform des Strumpfs kontrolliert, das Heimprogramm besprochen, eine beginnende Hautrötung entdeckt. Diese Begleitung ist kein Beiwerk – sie ist wahrscheinlich der Teil mit der grössten Wirkung.
- Es gibt Situationen, in denen sie klar sinnvoll ist: bei ausgeprägten Schwellungen am Rumpf, an der Brust, im Gesicht oder am Hals, wo Kompression schwierig oder unmöglich ist – und in der Entstauungsphase einer ausgeprägten Schwellung, wo alle Register gezogen werden.
Was wir nicht tun: eine dauerhafte Serie von Sitzungen anbieten, in der niemand die Kompression überprüft, kein Training aufgebaut wird und nichts gemessen wird. Das wäre angenehm, und es wäre die schlechteste Form dieser Behandlung.
9. Was sonst noch angeboten wird
9.1 Die Kompressionspumpe
Bei der apparativen Kompression wird eine Manschette über Arm oder Bein gezogen, die sich in Kammern nacheinander aufbläst und so von aussen nach innen «auspresst». Geräte gibt es für zuhause.
Eine Zusammenfassung von neun kontrollierten Studien verglich die Entstauungstherapie mit und ohne zusätzliche Pumpe. Bei der Volumenreduktion fand sich kein Unterschied, ebenso wenig bei Schmerz und Schweregefühl. Ein Vorteil zeigte sich bei der Schulterbeweglichkeit nach aussen [30].
Praktisch heisst das: Die Pumpe ist kein Ersatz für Kompressionsstrumpf und Bewegung. Für Menschen, die schlecht an ihre Beine kommen oder allein leben, kann sie ein sinnvoller Zusatz sein – aber sie ersetzt keinen der vier Bausteine.
9.2 Kinesiotape
Die bunten elastischen Klebestreifen werden auch beim Lymphödem eingesetzt, mit der Vorstellung, sie hebten die Haut leicht an und schüfen so mehr Raum für den Abfluss. Untersucht wurde vor allem die Frage, ob Tape die Bandage ersetzen kann. Eine Pilotstudie fand vergleichbare Ergebnisse bei besserer Verträglichkeit im Alltag – bei sehr kleiner Teilnehmerzahl [31]. Als Ersatz für die Kompression bei ausgeprägten Formen ist Tape damit nicht belegt. Wo Bandagen nicht vertragen werden oder die Haut sie nicht zulässt, kann es ein Versuch sein.
9.3 Laser
Die Behandlung mit niedrig dosiertem Laserlicht («Low-Level-Lasertherapie», auch Photobiomodulation) wird seit Jahren beim Armlymphödem untersucht. Eine systematische Übersicht von sieben kontrollierten Studien kam zu einem für dieses Feld ungewöhnlich klaren Ergebnis: Es gibt gute Hinweise darauf, dass Laser gegenüber einer Scheinbehandlung den Umfang beziehungsweise das Volumen kurzfristig verkleinert, und moderate Hinweise auf eine kurzfristige Schmerzlinderung. Einschränkend hielten die Autorinnen und Autoren fest, dass die Zahl der Studien klein ist und die Behandlungsparameter uneinheitlich berichtet wurden [32]. In der Schweiz ist das Verfahren wenig verbreitet und wird von der Grundversicherung nicht gedeckt.
9.4 Medikamente
Es gibt kein Medikament, das ein Lymphödem behandelt. Entwässerungstabletten (Diuretika) gehören ausdrücklich nicht zur Behandlung des Lymphödems [4]. Sie entziehen dem Körper Flüssigkeit, aber sie holen die Eiweisse nicht aus dem Gewebe; das Ergebnis ist eine noch eiweissreichere Restflüssigkeit. Sie haben ihren Platz dort, wo eine Herz- oder Nierenerkrankung die Ursache ist – also bei einem Ödem «mit hoher Last», nicht beim Lymphödem.
Pflanzliche Präparate, Enzympräparate und «entwässernde» Tees sind für das Lymphödem nicht belegt. Sie sind meist harmlos, aber sie ersetzen nichts.
9.5 Operationen
Für ausgewählte Situationen gibt es chirurgische Verfahren, die an spezialisierten Zentren durchgeführt werden [33]:
- Lymphovenöse Anastomose. Unter dem Mikroskop werden feinste Lymphgefässe direkt an kleine Venen angeschlossen, sodass die Lymphe einen neuen Weg findet. Kommt vor allem bei früheren Stadien infrage, in denen die Gefässe noch funktionieren.
- Lymphknotentransplantation. Gesunde Lymphknoten werden mitsamt ihrer Blutversorgung aus einer anderen Körperregion verpflanzt.
- Fettabsaugung. Bei fortgeschrittenen Formen, in denen die Schwellung überwiegend aus Fettgewebe besteht und keine Flüssigkeit mehr enthält, lässt sich der Umfang deutlich verkleinern. Wichtig zu wissen: Danach muss die Kompression lebenslang weitergetragen werden, sonst kehrt das Volumen zurück [34].
Keines dieser Verfahren ersetzt die konservative Behandlung – alle setzen sie voraus und verlangen sie auch danach. Sie sind eine Ergänzung für Menschen, bei denen die konservative Behandlung sorgfältig durchgeführt wurde und nicht ausreicht.
10. Gewicht, Ernährung und das, was sonst noch hilft
Zum Körpergewicht gibt es beim Lymphödem eine ungewöhnlich einheitliche Datenlage. Ein höheres Gewicht erhöht das Risiko, ein Lymphödem zu entwickeln [5], [39]; es geht mit fortgeschritteneren Stadien einher [7]; und bei sehr ausgeprägter Adipositas kann allein das Gewicht ein Lymphödem an den Beinen verursachen, auch ohne jede andere Ursache [37].
Umgekehrt hilft eine Gewichtsabnahme. Eine Studie verglich zwei Ernährungsformen bei Frauen mit Armlymphödem – eine fettreduzierte und eine energiereduzierte Kost – gegen keine Ernährungsumstellung. Zwischen den beiden Diäten gab es beim Armvolumen keinen bedeutsamen Unterschied. Sehr wohl aber zeigte sich: Je mehr Gewicht jemand verlor, desto stärker ging das überschüssige Armvolumen zurück – unabhängig davon, auf welchem Weg [38].
Das ist eine Nachricht mit zwei Seiten. Sie eröffnet eine wirksame Stellschraube. Und sie darf nicht in einen Vorwurf umschlagen. Abnehmen ist schwierig, und wer ein geschwollenes, schweres Bein hat, bewegt sich schlechter, was das Abnehmen zusätzlich erschwert. Wer diesen Weg gehen möchte, findet in unserem Beitrag Abnehmen ohne Muskelverlust das Wichtigste dazu – vor allem, wie sich dabei die Muskulatur erhalten lässt.
Zwei weitere Punkte, die häufig gefragt werden:
- Trinken. Weniger zu trinken hilft nicht. Das Problem ist der Abtransport, nicht die Zufuhr. Eine normale Trinkmenge ist richtig.
- Salz. Eine ausgeprägt salzarme Diät ist für das Lymphödem nicht belegt. Sie ist sinnvoll, wenn ein Bluthochdruck oder eine Herzschwäche vorliegt – dann aus diesen Gründen.
11. Die alten Vorsichtsregeln auf dem Prüfstand
Viele Menschen erhalten nach einer Krebsbehandlung eine Liste mit Dingen, die sie mit dem betroffenen Arm nie wieder tun dürfen: kein Blutdruckmessen, keine Blutentnahme, keine Spritze, keine Sauna, kein Flug ohne Kompression, nichts Schweres tragen. Diese Listen stammen aus einer Zeit, in der man das Lymphödem für eine reine Frage der Belastung hielt. Geprüft wurden sie erst später.
Die grösste Untersuchung dazu begleitete Frauen nach einer Brustkrebsbehandlung über Jahre und wertete 3041 Messungen aus. Gefragt wurde, ob sich Blutentnahmen, Spritzen, Blutdruckmessungen am betroffenen Arm oder Flugreisen mit einer Zunahme des Armvolumens in Verbindung bringen lassen. Das Ergebnis: kein Zusammenhang – weder für Blutentnahmen noch für Spritzen, weder für die Zahl noch für die Dauer der Flüge. Als Faktoren, die tatsächlich mit einer Volumenzunahme einhergingen, blieben ein Körpergewicht im Bereich Übergewicht, die vollständige Ausräumung der Achsellymphknoten – und durchgemachte Hautinfektionen [39].
Eine ausführliche Übersichtsarbeit derselben Arbeitsgruppe kam zum gleichen Schluss und formulierte ihn vorsichtig: Für die klassischen Vorsichtsmassnahmen gibt es keine belastbare Evidenz, und starre Verbote haben ihren eigenen Preis – Angst, Vermeidung und ein Alltag, der sich um das Lymphödem herum organisiert [40].
Wichtig zur Ehrlichkeit: «Nicht nachweisbar» ist nicht dasselbe wie «garantiert unbedenklich». Wo es keine Nachteile bringt, spricht nichts dagegen, den Blutdruck am anderen Arm zu messen. Der Unterschied liegt darin, ob das eine Vorsichtsmassnahme bleibt oder zu einer Regel wird, die Ihren Alltag bestimmt und Ihnen Angst macht.
Was tatsächlich sinnvoll bleibt: die Haut pflegen und Infekte vermeiden, das Gewicht im Blick behalten, sich bewegen und die Kompression tragen. Also genau das, was in den Abschnitten 7 und 10 steht.
12. Wenn die Schwellung gar kein Lymphödem ist
12.1 Nach einer Operation am Knie oder an der Hüfte
Nach einem Gelenkersatz ist das Bein regelmässig geschwollen, und die Lymphdrainage wird in dieser Situation häufig angeboten. Die Datenlage dazu ist dünn und uneinheitlich. Eine kontrollierte Studie nach Knieprothesen-Operation fand eine bessere aktive Kniebeugung in der Lymphdrainage-Gruppe bis sechs Wochen nach dem Eingriff – bei allen übrigen gemessenen Grössen aber keinen Unterschied [42]. Die einschlägige Behandlungsleitlinie empfiehlt Lymphdrainage gegen die postoperative Schwellung ausdrücklich nicht, allerdings auf schwacher Datengrundlage.
Praktisch heisst das: Die Schwellung nach einer Gelenkoperation ist eine normale Wundreaktion, die von selbst zurückgeht. Was in dieser Phase belegt hilft, ist Bewegung, Hochlagerung, Kühlung – und vor allem der Wiederaufbau der Kraft. Details dazu stehen in unserem Beitrag Knieprothese.
12.2 Und die übrigen Anwendungsgebiete?
Die Lymphdrainage wird für vieles beworben. Eine Einordnung:
- Zur «Entgiftung» oder «Entschlackung». Der Körper entgiftet über Leber und Nieren. «Schlacken», die sich im Gewebe ansammeln und ausgeleitet werden müssten, gibt es nicht.
- Gegen Cellulite. Nicht belegt. Cellulite ist eine Frage der Struktur des Unterhautgewebes, nicht der Lymphe.
- Zum Abnehmen. Nicht belegt. Was an Umfang verloren geht, ist Flüssigkeit, kein Fett.
- Nach Verstauchungen und Prellungen. Kann die Schwellung angenehmer machen. Der Verlauf hängt an Belastungsaufbau und Beweglichkeit.
- Bei Schwellungen in der Schwangerschaft. Häufig als angenehm empfunden. Eine plötzliche oder ausgeprägte Schwellung mit Kopfschmerzen oder Sehstörungen gehört zuerst ärztlich abgeklärt.
- Bei Schwellungen nach Schönheitsoperationen. Weitverbreitet, kaum untersucht.
Dass etwas nicht belegt ist, heisst nicht, dass es sich nicht gut anfühlt. Es heisst, dass man es nicht als medizinische Notwendigkeit verkaufen soll – und dass die Grundversicherung es nicht bezahlt.
13. Was Sie selbst tun können
Die Rangfolge in Abschnitt 7.4 hat eine praktische Konsequenz: Der grösste Teil der Behandlung liegt bei Ihnen. Diese sieben Punkte decken das Wesentliche ab.
- Tragen Sie Ihre Kompression – jeden Tag, den ganzen Tag. Anziehen am Morgen vor dem Aufstehen, wenn die Schwellung am kleinsten ist. Ausziehen am Abend. Wenn das Anziehen zu schwer fällt, gibt es Anziehhilfen; fragen Sie danach, statt die Strümpfe wegzulegen.
- Bewegen Sie sich täglich. Jede Muskelanspannung ist eine Pumpe. Zwanzig Minuten Gehen zählen. Wichtig ist die Regelmässigkeit, nicht die Intensität.
- Bauen Sie Kraft auf – langsam, aber wirklich. Zwei Einheiten pro Woche, mit Anleitung beginnen, in kleinen Schritten steigern. Sie brauchen keine Angst vor Gewichten zu haben; das ist untersucht.
- Pflegen Sie die Haut täglich und behandeln Sie Fusspilz, Risse und kleine Wunden konsequent.
- Lernen Sie die Selbstbehandlung. Eine vereinfachte Form der Lymphdrainage lässt sich selbst anwenden – für die Tage zwischen den Terminen und für die Zeit danach.
- Behalten Sie das Gewicht im Blick. Nicht als Vorwurf, sondern als Stellschraube, die nachweislich wirkt.
- Messen Sie in grösseren Abständen. Ein Bandmass und ein Zettel mit Datum genügen. Wer Zahlen hat, merkt Veränderungen, bevor sie sichtbar werden – und sieht auch, wenn etwas besser wird.
14. Wo, wie oft, wie lange
Verordnung. Manuelle Lymphdrainage ist in der Schweiz eine physiotherapeutische Leistung und wird auf ärztliche Verordnung von der Grundversicherung übernommen. Die Verordnung nennt die Diagnose und die Anzahl der Sitzungen; sie kann verlängert werden. Beim Lymphödem gibt es dabei Besonderheiten für langdauernde Behandlungen – Ihre Ärztin oder Ihr Arzt kennt den Weg.
Häufigkeit. In der Entstauungsphase sind kurze, dichte Serien sinnvoll: bei ausgeprägten Schwellungen täglich oder fast täglich über zwei bis vier Wochen, jeweils mit anschliessender Bandage. In der Erhaltungsphase geht es nicht mehr um Frequenz, sondern um Kontrolle: Termine in grösseren Abständen, bei denen die Kompression überprüft, die Haut angeschaut, gemessen und das Heimprogramm angepasst wird.
Dauer. Ein Lymphödem ist in der Regel eine bleibende Erkrankung. Das klingt hart, ist aber nicht dasselbe wie «unbehandelbar»: Gut geführt bleibt ein Lymphödem über Jahre stabil, weich und infektfrei. Die Behandlung endet nicht, aber sie wird mit der Zeit leichter und selbstständiger.
Was Sie in unserer Praxis erwartet: zuerst die Einordnung – ist es überhaupt ein Lymphödem, in welchem Stadium, was ist die Ursache, und ist ärztlich alles abgeklärt, was abgeklärt gehört. Dann Messung und Fotodokumentation als Ausgangspunkt. Danach die Arbeit: Entstauung mit Lymphdrainage und Bandage, sobald es sinnvoll ist die Versorgung mit einer passenden Kompression, ein Heimprogramm mit klarer Dosierung, Anleitung zur Selbstbehandlung und Hautpflege sowie ein stufenweiser Aufbau der Belastung mit Zielen aus Ihrem Alltag. Wir messen im Verlauf und prüfen ehrlich, ob es vorwärtsgeht. Und wir sagen Ihnen, wenn Sitzungen keinen Zusatznutzen mehr bringen und Ihre Zeit anderswo besser investiert ist.
15. Acht Missverständnisse
- «Lymphdrainage ist eine sanfte Massage.» Nein. Sie folgt einem festgelegten Aufbau, arbeitet mit sehr geringem Druck und beginnt bewusst dort, wo es nicht geschwollen ist. Eine kräftige Massage über einem Lymphödem wäre kontraproduktiv.
- «Wenn die Schwellung weg ist, bin ich geheilt.» Das Lymphsystem bleibt beschädigt. Ohne Kompression kehrt die Schwellung zurück – oft innerhalb weniger Tage.
- «Ich darf mit dem Arm nichts Schweres mehr heben.» Widerlegt. Langsam gesteigertes Krafttraining ist sicher und verringert sogar die Zahl der Verschlechterungsschübe.
- «Entwässerungstabletten helfen.» Nein. Sie entziehen dem Körper Wasser, nicht dem Gewebe die Eiweisse – und gehören ausdrücklich nicht zur Behandlung des Lymphödems.
- «Weniger trinken bringt die Schwellung zum Verschwinden.» Nein. Das Problem ist der Abtransport, nicht die Zufuhr.
- «Ein Lymphödem betrifft nur Menschen nach einer Krebsbehandlung.» Nein – der grössere Teil der chronischen Schwellungen hängt mit Venenschwäche, Bewegungsmangel und Übergewicht zusammen.
- «Kompressionsstrümpfe schnüren ab und schaden.» Ein passender Strumpf tut das nicht. Ein Strumpf, der einschneidet, Falten wirft oder Druckstellen macht, ist falsch angepasst und gehört überprüft – nicht weggelegt.
- «Lymphdrainage entgiftet den Körper.» Nein. Sie verschiebt Gewebeflüssigkeit. Entgiftet wird über Leber und Nieren.
16. Wann Sie sich melden sollten
Noch am selben Tag ärztlich abklären:
- Die Haut wird rot, heiss und schmerzhaft, dazu Fieber oder Schüttelfrost – Verdacht auf Wundrose.
- Ein Bein schwillt innerhalb von Stunden bis Tagen einseitig an und schmerzt – Verdacht auf Thrombose.
- Atemnot oder Brustschmerz zusammen mit einer Beinschwellung – in die Notfallaufnahme.
Innerhalb weniger Tage ärztlich abklären:
- Eine neue Schwellung ohne Erklärung, besonders bei einer Krebserkrankung in der Vorgeschichte.
- Eine bekannte Schwellung, die rasch zunimmt.
- Offene Stellen, nässende Haut, eine Wunde, die nicht heilt.
- Neue Schmerzen, Gefühlsstörungen oder Kraftverlust im betroffenen Arm oder Bein.
In der Physiotherapie ansprechen:
- Ihre Kompression drückt, scheuert, rutscht oder lässt sich nicht anziehen.
- Die Schwellung nimmt trotz Kompression über Wochen zu.
- Sie wissen nicht, wie viel Sie Ihrem Arm oder Bein zumuten dürfen.
- Sie möchten die Selbstbehandlung lernen oder auffrischen.
- Sie haben eine Krebsbehandlung mit Lymphknotenentfernung vor sich oder hinter sich und möchten eine Ausgangsmessung.
- Sie sind unsicher, ob Ihre Schwellung überhaupt ein Lymphödem ist.
17. Zusammengefasst
Das Lymphsystem ist die Kanalisation des Körpers. Ist sie beschädigt, bleibt eiweissreiche Flüssigkeit im Gewebe liegen, und aus einer weichen Schwellung wird über Jahre festeres Gewebe. Deshalb ist ein Lymphödem nicht «Wasser», das man ausschwemmen kann – und deshalb lohnt es sich, früh hinzuschauen, solange die Schwellung noch weich ist.
Erkennen lässt es sich an Schwere und Spannung, an Abdrücken, am Seitenunterschied und am Stemmer-Zeichen. Nicht jede Schwellung ist ein Lymphödem: Venen, Herz, Nieren, Medikamente und das Lipödem gehören mitbedacht, und eine plötzlich heisse, rote, schmerzende Schwellung mit Fieber gehört noch am selben Tag in die Arztpraxis.
Die Behandlung steht auf vier Beinen. Kompression trägt den grössten Teil der Wirkung. Bewegung und Krafttraining sind sicher, machen kräftiger und senken die Zahl der Schübe – die alte Regel «nichts Schweres heben» ist widerlegt. Hautpflege verhindert Infekte, und Infekte sind das, was ein Lymphödem am zuverlässigsten verschlechtert.
Die manuelle Lymphdrainage ist der bekannteste dieser vier Bausteine und der am schwächsten belegte. Sie ist sicher, sie entlastet spürbar, und sie ist der Rahmen, in dem Kompression angepasst, Haut kontrolliert und Training aufgebaut wird. Ihren Beitrag zur Volumenverkleinerung sollte man aber nicht überschätzen – in der besten verfügbaren Studie war er nicht nachweisbar.
Die brauchbarste Frage lautet deshalb nicht «Wie viele Sitzungen bekomme ich?», sondern: Sitzt meine Kompression richtig, bewege ich mich genug, und ist meine Haut in Ordnung? Auf diese Frage gibt es fast immer eine Antwort – und meistens beginnt sie damit, dass jemand genau hinschaut.
Literatur
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