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Sturzrisiko abklären – Wissen

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Sturzrisiko abklären

Wie genau die Tests sind und wonach eine gute Abklärung sucht

Ratgeber · Stand August 2026 · Lesezeit ca. 25 Minuten · alle DOI einzeln geprüft

1. Diese zwei Fragen beantwortet die Abklärung

Eine Sturzrisikoabklärung geht zwei Fragen nach:

  1. Ist mein Sturzrisiko erhöht?
  2. Warum ist es erhöht, und was verbessere ich, um seltener zu stürzen?

Auf die zweite Frage gibt die Abklärung eine brauchbare Antwort. Sie findet Ursachen, an denen eine Behandlung ansetzt.

Bei der ersten Frage bleibt sie ungenau. Die Zahlen dazu stehen in Abschnitt 6. Für Ihren Alltag hat das eine angenehme Folge: Sie können mit dem Wichtigsten sofort beginnen.

2. Wir alle stürzen, die einen häufiger als die anderen

Rund 30 von 100 Menschen über 65 stürzen jedes Jahr mindestens einmal [1]. Wir nennen diese Zahl im Folgenden Ihr Ausgangsrisiko.

Ein Sturzrisiko trägt jede Person. Bei den einen liegt es höher, bei den anderen tiefer. Das Risiko verteilt sich fliessend über alle Altersgruppen.

Daraus folgt die wichtigste Empfehlung dieses Textes. Trainieren Sie Kraft und Gleichgewicht, auch ohne Abklärung. Ohne Training kommen auf 100 Menschen ab 60 Jahren im Jahr rund 85 Stürze. Mit Training sind es rund 66 Stürze [19]. Das ist gut untersucht, gestützt auf 59 Studien mit fast 13'000 Personen.

Wirksam ist ein Gleichgewichtstraining, das Sie an Ihre Grenze bringt. Dazu gehört ein Krafttraining für die Beine. Rechnen Sie mit drei Einheiten pro Woche über mindestens zwölf Wochen [19].

Warten Sie damit auf keinen Abklärungstermin. Wie ein solches Programm aussieht, steht in unserem Ratgeber Stürze vermeiden.

2.1 Ihr Sturzrisiko ändert sich laufend

Ihr Sturzrisiko ist eine Wahrscheinlichkeit. Sie ändert sich mit dem Training, mit einer neuen Brille, mit einer Grippe und mit einer Umstellung Ihrer Medikamente. Ein Testergebnis gilt für den Tag, an dem Sie den Test gemacht haben.

3. Das findet die Abklärung zusätzlich

Training deckt Kraft und Gleichgewicht ab. Einige Sturzursachen erreicht es nie. Genau dort liegt der Nutzen einer Abklärung.

3.1 Ihre Augen

Ein unbehandelter grauer Star (Katarakt) erhöht Ihr Sturzrisiko. Nach der Operation des ersten Auges sinkt die Zahl der Stürze [1].

Auch Ihre Brille zählt. Eine Gleitsichtbrille verzerrt den unteren Blickbereich. Genau dort schätzen Sie Randsteine und Stufen ein [1].

Eine Studie hat 606 Menschen mit Gleitsichtbrille zusätzlich eine Einstärkenbrille für die Ferne gegeben [27]. Wer regelmässig draussen unterwegs war, stürzte damit seltener. Wer wenig nach draussen ging, stürzte draussen sogar häufiger.

Eine zweite Brille für draussen passt also zu Menschen, die viel unterwegs sind. Besprechen Sie das mit Ihrer Augenärztin oder Ihrem Optiker. Lassen Sie Ihre Augen ausserdem regelmässig prüfen.

3.2 Ihre Wohnung

In der Schweiz verletzen sich jedes Jahr rund 127'000 Menschen bei einem Sturz zu Hause [25].

Die BFU hat zusammen mit physioswiss, der Rheumaliga Schweiz, Spitex Schweiz, Pro Senectute und dem Ergotherapie-Verband eine Checkliste für die Wohnung entwickelt [25]. Sie nennt folgende Gefahrenstellen:

  • Herumliegende Gegenstände und Kabel auf Ihren täglichen Wegen
  • Zu schwache Beleuchtung, besonders auf dem nächtlichen Weg zur Toilette
  • Fehlende Handläufe an Treppen, im Idealfall auf beiden Seiten
  • Rutschige Böden, etwa frisch gewischte oder nasse Stellen
  • Rutschige Badewannen und Duschen

Solche Anpassungen wirken gezielt. Bei Menschen mit erhöhtem Sturzrisiko kamen ohne Anpassung auf 100 Personen im Jahr rund 185 Stürze. Mit Anpassung waren es rund 115 Stürze [26].

Bei Menschen ohne erhöhtes Risiko blieb die Zahl gleich. Sie lag mit und ohne Anpassung bei rund 132 Stürzen pro 100 Personen und Jahr [26]. Beide Ergebnisse sind gut untersucht.

Damit lohnt sich die erste Frage aus Abschnitt 1 doch. Sie entscheidet darüber, ob sich der Aufwand in Ihrer Wohnung für Sie auszahlt.

In den wirksamen Studien kam meist eine Fachperson ins Haus, häufig aus der Ergotherapie [26]. Sie schaute sich an, wie sich die Person tatsächlich in ihrer Wohnung bewegt.

3.3 Diese elf Bereiche gehören zur Abklärung

Bei erhöhtem Risiko empfehlen die Leitlinien, alle behandelbaren Bereiche systematisch durchzugehen [1]:

  • Gang, Gleichgewicht und Muskelkraft
  • Medikamente, vor allem Schlaf-, Beruhigungs- und Stimmungsmittel
  • Blutdruck im Liegen und wiederholt im Stehen
  • Sehen und Hören
  • Füsse, Fussschmerzen und Schuhwerk
  • Gedächtnis und Konzentration
  • Ernährung und Vitamin-D-Versorgung
  • Kontinenz und nächtliche Toilettengänge
  • Sturzangst
  • Wohnumgebung
  • Knochengesundheit und Bruchrisiko

Jeden dieser elf Punkte können Sie behandeln lassen. Suchen Sie mit Ihrer Fachperson die zwei oder drei Punkte heraus, bei denen eine Behandlung bei Ihnen am meisten bewirkt.

3.4 Wann sich eine Abklärung besonders lohnt

Melden Sie sich für eine Abklärung, sobald einer dieser drei Punkte auf Sie zutrifft [1]:

  • Sie sind in den letzten zwölf Monaten gestürzt.
  • Sie fühlen sich beim Stehen oder Gehen unsicher.
  • Sie haben Angst zu stürzen.

Diese drei Punkte sind zugleich die Einstiegsfragen der internationalen Leitlinien (Abschnitt 4.2).

4. Zählen Sie Ihre Stürze

Die nützlichste Angabe der ganzen Abklärung kommt von Ihnen. Sie kostet nichts und dauert eine halbe Minute. Sagen Sie, wie oft Sie im letzten Jahr gestürzt sind.

4.1 Die Anzahl sagt mehr als ein Kreuz im Formular

Viele Formulare fragen nur: gestürzt ja oder nein. Damit geht der grösste Teil der Auskunft verloren.

Eine Schweizer Arbeit hat drei Studien mit zusammen 1'850 Teilnehmenden zusammengeführt [17]. Sie hat die Anzahl der früheren Stürze gezählt. Aus ihrem Modell ergeben sich folgende Sturzzahlen pro 100 Personen und Jahr:

  • ohne Sturz im Vorjahr: rund 59 Stürze
  • nach 1 Sturz: rund 83 Stürze
  • nach 3 Stürzen: rund 156 Stürze
  • nach 5 oder mehr Stürzen: rund 500 Stürze

Diese Zahlen sagen, wie viele Stürze zu erwarten sind. Die Testwerte in Abschnitt 6 beantworten eine andere Frage: wie wahrscheinlich mindestens ein Sturz ist. Die beiden Zahlen lassen sich deshalb nicht gegeneinander aufrechnen.

Die Zahl Ihrer früheren Stürze trägt besonders viel Information über die kommende Sturzzahl. Bewegungstests sagen etwas über Gang, Kraft und Gleichgewicht. Wer im nächsten Jahr stürzt, sagen sie nur ungenau voraus.

Zählen Sie deshalb mit. Schreiben Sie jeden Sturz mit Datum auf und nehmen Sie die Liste zur Abklärung mit.

4.2 Diese drei Fragen stellt Ihnen die Fachperson

Die internationalen Leitlinien empfehlen drei kurze Fragen als Einstieg [1]. Im Schweizer Vorgehen heissen sie Alarmfragen:

  1. Sind Sie in den letzten 12 Monaten gestürzt? Falls ja: Wie oft? Haben Sie sich verletzt?
  2. Fühlen Sie sich unsicher beim Stehen oder Gehen?
  3. Haben Sie Angst zu stürzen?

Alle drei Fragen zusammen finden mehr Menschen als die erste allein. Bei den 65- bis 74-Jährigen erfasst die Sturzfrage allein nur etwa 43 von 100 der später Stürzenden [1].

Dazu kommt ein zweites Problem. Viele Menschen erzählen von sich aus nichts von einem Sturz. Bei Männern erwähnt weniger als ein Drittel den Sturz von sich aus. Erst die direkte Frage bringt ihn zur Sprache [1].

Diese drei Fragen stecken zusammen mit neun weiteren in einem kurzen Fragebogen. Sie können ihn hier ausfüllen: Sturzrisiko – der kurze Selbsttest. Er rechnet auf Ihrem eigenen Gerät und speichert nichts. Am Schluss drucken Sie einen Bericht aus und nehmen ihn in die Sprechstunde mit.

4.3 Melden Sie auch die Beinahe-Stürze

Sie sind gestolpert und haben sich gerade noch gefangen. Erzählen Sie auch davon. Die Leitlinien stützen sich zwar vor allem auf die Stürze selbst, auf Gang und Gleichgewicht und auf Ihre Sorge vor Stürzen [1]. Ein Beinahe-Sturz verrät der Fachperson trotzdem oft die Situation: beim Umdrehen, im Dunkeln, beim Tragen, auf dem Weg zur Toilette.

5. Diese Tests erwarten Sie in der Praxis

Die folgenden Tests begegnen Ihnen in einer Schweizer Praxis am ehesten. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) stellt die Formulare im Portal StoppSturz kostenlos bereit [14].

5.1 Der Timed Up and Go misst Aufstehen, Gehen und Umdrehen

Diesen Test bekommen Sie in einer Schweizer Physiotherapie am ehesten. Er steht im Schweizer Vorgehen und in den internationalen Leitlinien [1], [14]. In diesem Text kommt er deshalb am häufigsten vor.

Sie stehen von einem Stuhl auf, gehen drei Meter, drehen um, gehen zurück und setzen sich wieder. Die Fachperson stoppt die Zeit, bis Ihr Gesäss den Stuhl berührt. Der Schweizer Grenzwert liegt bei 13,5 Sekunden [14]. Die internationalen Leitlinien nennen 15 Sekunden [1].

Der Test enthält vier Bewegungen, bei denen Menschen häufig stürzen: Aufstehen, Losgehen, Umdrehen und Hinsetzen. Alle vier ergeben zusammen eine einzige Zahl. Aus dieser Zahl lesen Sie später nur ab, dass etwas langsam ging. Welcher Teil geklemmt hat, bleibt offen.

5.2 Das fünfmalige Aufstehen misst Ihre Beinkraft

Sie stehen fünfmal so schnell wie möglich vom Stuhl auf und setzen sich wieder hin. Die Arme bleiben vor der Brust verschränkt. Bei selbstständig lebenden Menschen gilt der Test ab 12 Sekunden als auffällig [14].

Dieser Test prüft die Kraft Ihrer Beine und Ihre Schnellkraft. Er liegt damit nahe an dem, was Sie anschliessend trainieren.

5.3 Die Ganggeschwindigkeit über vier Meter

Sie gehen vier Meter in Ihrem gewohnten Tempo. Vor und nach der Messstrecke liegt eine kurze Anlaufstrecke. Der Test gilt ab 4 Sekunden als auffällig, also ab 1 Meter pro Sekunde [15]. Die World Falls Guidelines setzen die Schwelle tiefer bei 0,8 Metern pro Sekunde [1].

Die internationalen Leitlinien empfehlen diesen Test am stärksten [1]. Ihre Ganggeschwindigkeit hängt zugleich mit Gebrechlichkeit, Spitalaufenthalten und Sterblichkeit zusammen. Für die Sturzvorhersage bleibt sie trotzdem ungenau (Abschnitt 6.2).

5.4 Der Mini-BESTest prüft vier Anteile des Gleichgewichts

Der Test umfasst 14 Aufgaben und höchstens 28 Punkte. Er prüft vier Bereiche. Dazu gehören Ihr vorausschauendes Gleichgewicht und Ihre Reaktion auf einen Schubs. Dazu kommen Ihre Orientierung bei geschlossenen Augen und auf weichem Untergrund sowie Ihr Gehen unter Anforderung. Bei älteren Menschen gilt ein Ergebnis von 16 von 28 Punkten oder weniger als auffällig [14]. Dieser Wert stammt aus einer Untersuchung, die nach zurückliegenden Stürzen unterschied [28]. In anderen Gruppen ergeben sich andere Werte.

Der Test dauert 15 bis 20 Minuten. Dafür zeigt er als einziger, welcher Anteil Ihres Gleichgewichts nachgelassen hat. Daraus ergibt sich Ihr Trainingsziel.

5.5 Bei den Standtests entscheidet die erlaubte Zeit

Sie stehen nacheinander mit den Füssen nebeneinander, im Semitandem, im Tandem und auf einem Bein. Jede Position ist schwieriger als die vorige. Üblich sind 10 Sekunden pro Position.

Eine Untersuchung an 153 Personen zeigt, dass 10 Sekunden zu kurz sind [21]. Die Teilnehmenden hielten den Einbeinstand im Mittel 14,8 Sekunden durch und den Tandemstand 22,2 Sekunden. Die Forschenden schlagen deshalb mindestens 23 Sekunden vor.

Dieses Muster kehrt im ganzen Text wieder. Sobald ein Test eine Zeitgrenze hat, verschwinden genau die Menschen darin, die Sie früh finden möchten.

5.6 Der FES-I fragt nach Ihrer Sturzangst

Der Fragebogen nennt sechzehn alltägliche Situationen. Sie geben zu jeder an, wie besorgt Sie sind, dabei zu stürzen. Die Leitlinien empfehlen ausdrücklich einen standardisierten Fragebogen für die Sturzangst [1]. Warum das zählt, steht in Abschnitt 12.2.

6. Wie genau sagen die Tests einen Sturz voraus?

Die folgenden Zahlen stammen grösstenteils vom Timed Up and Go. Das hat einen einfachen Grund: Er ist der am häufigsten gemachte und am besten untersuchte Test. Für die übrigen Tests aus Abschnitt 5 sehen die Zahlen ähnlich aus (Abschnitt 6.2).

Ordnen Sie Ihr eigenes Ergebnis deshalb mit Mass ein. Ein Testwert zählt so viel wie Ihre Sturzgeschichte, Ihre Medikamentenliste und Ihr eigenes Gefühl beim Gehen. Erst alle vier zusammen ergeben ein Bild.

6.1 Die Zahlen zum Timed Up and Go

Eine Übersichtsarbeit mit Schweizer Beteiligung hat elf Studien zusammengefasst [7]. Daran nahmen 3'148 selbstständig lebende Personen teil. Beim Grenzwert von rund 13 Sekunden ergaben sich zwei Werte.

Von 100 Personen, die später stürzen, fallen 39 im Test auf. 61 bleiben unauffällig. Diesen Anteil nennen Fachleute die Trefferquote (Sensitivität).

Von 100 Personen, die sturzfrei bleiben, sind 74 im Test unauffällig. 26 fallen trotzdem auf. Dieser Anteil heisst Spezifität.

Für Sie bedeuten diese beiden Werte Folgendes. Ihr Ausgangsrisiko liegt bei 30 von 100. Nach einem auffälligen Test steigt es auf 43 von 100. Nach einem unauffälligen Test sinkt es auf 25 von 100 [7].

Die Trennschärfe des Tests betrug 0,63. Fachleute nennen diesen Wert die AUC.

Stellen Sie sich zwei Personen vor. Die eine stürzt im kommenden Jahr, die andere bleibt sturzfrei. Sie kennen von beiden nur die benötigte Zeit im Timed Up and Go. Sie tippen auf die langsamere Person. Bei einer Trennschärfe von 0,63 liegen Sie in 63 von 100 solchen Paaren richtig.

Reines Raten trifft in 50 von 100 Paaren zu. Der Timed Up and Go trifft also 13 Paare mehr als der Zufall. Bei einem Wert von 1,0 lägen Sie in allen 100 Paaren richtig.

Diese Zahl vergleicht immer zwei Personen miteinander. Ihr persönliches Risiko steht im Absatz davor. Nach einem auffälligen Test liegt es bei 43 von 100, nach einem unauffälligen bei 25 von 100.

Eine irische Meta-Analyse kam auf dieselben Werte: Trefferquote 31 von 100, Spezifität 74 von 100 beim Grenzwert von 13,5 Sekunden. Ihr Fazit lautet im Wortlaut [8]: «The Timed Up and Go test has limited ability to predict falls in community dwelling elderly and should not be used in isolation to identify individuals at high risk of falls.»

Die grösste Arbeit zum Thema fasste 53 Studien mit 12'832 Personen zusammen [9]. Bei fitten, selbstständigen älteren Menschen brauchten die später Stürzenden im Mittel 0,63 Sekunden länger. Diesen Unterschied misst niemand verlässlich. Stuhlhöhe, Schuhe und Tagesform verschieben Ihr Ergebnis stärker.

Bei Menschen im Pflegeheim betrug der Unterschied 3,59 Sekunden. Der Test trennt also dort gut, wo Sie das Problem schon von blossem Auge sehen. Bei rüstigen Menschen trennt er schlecht.

6.2 Die anderen Tests schneiden gleich ab

Eine kanadische Studie prüfte 2026 sieben gängige Tests am selben Kollektiv [3]. Teilgenommen haben 514 Personen ab 65 Jahren. Die Forschenden erfassten die Stürze über zwölf Monate mit monatlichen Sturzkalendern. 95 von 100 Teilnehmenden blieben bis zum Schluss dabei, und 52 von 100 stürzten mindestens einmal.

Geprüft wurden der Timed Up and Go in drei Ausführungen, der Brief-BESTest, das fünfmalige Aufstehen, der Einbeinstand und die Ganggeschwindigkeit. Die Trennschärfe lag für mindestens einen Sturz zwischen 0,56 und 0,59. Alle sieben Tests schnitten damit ähnlich ab und lagen nahe beim Raten. Für Stürze mit Verletzung erreichte die Ganggeschwindigkeit 0,70.

Für die Ganggeschwindigkeit gibt es zusätzlich eine Auswertung der Rohdaten aus 28 Studien [6]. Beim Grenzwert von 0,8 Metern pro Sekunde lag die Treffsicherheit bei 58 von 100. Die Trefferquote lag bei 35 von 100 und die Spezifität bei 77 von 100. Langsam gehende Menschen stürzen häufiger als schnell gehende.

Die Forschenden empfehlen deshalb den Grenzwert von 1,0 Metern pro Sekunde. Damit erfassen Fachpersonen 30 von 100 der späteren Stürzenden statt 9 von 100 [6].

Eine grosse amerikanische Übersichtsarbeit hat für alle gängigen Verfahren ausgerechnet, wohin sie das Risiko verschieben [11]. Nach einem auffälligen Ergebnis lag das Risiko bei folgenden Werten:

  • Berg-Balance-Skala: 59 von 100
  • Timed Up and Go ab 12 Sekunden: 47 von 100
  • Sturz im Vorjahr: 44 von 100
  • fünfmaliges Aufstehen ab 12 Sekunden: 41 von 100
  • Ganggeschwindigkeit unter 1,0 Metern pro Sekunde: 39 von 100

Ihr Fazit: Jedes einzelne Verfahren blieb für sich allein schwach. Mehrere auffällige Befunde zusammen verschieben das Risiko stärker als jeder Einzelbefund.

6.3 Was diese Zahlen für Sie bedeuten

  • Nach einem unauffälligen Test bleibt Ihr Risiko bei rund 25 von 100. Die Mehrheit der späteren Stürze passiert Menschen mit unauffälligem Testergebnis.
  • Nach einem auffälligen Test steigt Ihr Risiko auf rund 43 von 100. Von hundert Menschen mit auffälligem Test bleiben rund 57 im nächsten Jahr sturzfrei.
  • Mehrere Befunde zusammen sagen mehr als der beste Einzelwert [11].
  • Die Tests erfassen Ihren heutigen Zustand recht zuverlässig. Für den Verlauf einer Behandlung eignen sie sich gut (Abschnitt 11.2).

In unserem Spiel Trügerische Sicherheit können Sie selbst durchrechnen, warum ein guter Test bei einem seltenen Ereignis wenig aussagt.

7. So läuft die Abklärung in der Schweiz

In der Schweiz arbeiten alle Gesundheitsberufe seit einigen Jahren nach einem gemeinsamen Vorgehen. Es heisst StoppSturz und wird von der BFU und den Berufsverbänden getragen. Es gibt eigene Manuals für die Ärzteschaft, die Physiotherapie, die Ergotherapie sowie für Spitex und Pflege [14], [15]. Der Ablauf lautet überall gleich: Risiko erkennen, Risiko abklären, Risiko reduzieren.

Offenlegung in eigener Sache. Roger Hilfiker ist Mitautor von zwei hier zitierten Arbeiten: der Übersichtsarbeit zur Testgenauigkeit [7] und dem Sturzraten-Modell [17]. Marielle Tschopp gehörte der Begleitgruppe des StoppSturz-Manuals Physiotherapie an [14]. Wir kritisieren hier also ein Dokument, an dem wir mitgewirkt haben. Deshalb sagen wir es offen.

StoppSturz stellt alle Formulare kostenlos bereit. Wenige Länder haben ein solches Vorgehen. StoppSturz empfiehlt zusätzlich, die drei Alarmfragen bei jeder Erhebung ab 65 Jahren zu stellen [14]. Diese Empfehlung bringt Ihnen mehr als jeder Test.

7.1 Zwei Manuals verwenden zwei verschiedene Tests

Beim Screening bekommen Sie je nach Berufsgruppe einen anderen Test:

  • In der Arztpraxis [15]: den 4-Meter-Gehtest und den Uhren-Test für das Denken.
  • In der Physiotherapie [14]: den Timed Up and Go und das fünfmalige Aufstehen.

Beide Manuals leiten ihren Ablauf vom Algorithmus des amerikanischen STEADI-Programms ab [16]. Dort stehen genau diese Tests als gleichwertige Auswahl nebeneinander: der Timed Up and Go, ein Aufstehtest und ein Gleichgewichtstest.

Damit steht schon ein Teil der Antwort fest. StoppSturz wählte den Timed Up and Go, weil er im übernommenen amerikanischen Ablauf stand. In der Physiotherapie gehört er ausserdem zu den geläufigsten Tests. Die Auswahl beruhte also auf Herkunft und Bekanntheit.

7.2 Nach dem Screening entscheidet Ihre Sturzgeschichte

Fällt einer der Screening-Tests auf, unterscheidet StoppSturz nach Ihrer Sturzgeschichte [14]. Höchstens ein Sturz ohne Verletzung ergibt ein moderates Sturzrisiko. Zwei oder mehr Stürze oder ein Sturz mit Verletzung ergeben ein hohes Sturzrisiko.

In beiden Fällen folgen der Mini-BESTest, der FES-I und je nach Situation weitere Tests. Beim hohen Risiko kommen eine Wohnraumabklärung und die Absprache mit anderen Berufsgruppen dazu.

Ihre Einstufung hängt also an Ihrer Sturzgeschichte. Der Testwert entscheidet nur darüber, ob die Abklärung überhaupt weitergeht. Diese Gewichtung passt zu den Zahlen aus Abschnitt 4.1.

8. Warum wählte StoppSturz den Timed Up and Go?

Der Timed Up and Go bekommt in diesem Text viel Platz. Der Grund liegt in seiner Verbreitung: In der Schweiz setzt ihn fast jede Physiotherapie ein. Über seine Auswahl diskutieren Fachleute seit Jahren.

Die nächsten Abschnitte tragen die Argumente in beide Richtungen zusammen. Für Sie als Patientin oder Patient bleibt die Folgerung aus Abschnitt 6 dieselbe: Ihr Testwert ist ein Hinweis neben mehreren anderen.

8.1 Diese Punkte sprechen für den Test

  • Sie brauchen wenig dafür. Ein Stuhl, drei Meter Platz und eine Stoppuhr genügen. Eine saubere Ganggeschwindigkeitsmessung braucht eine markierte Strecke mit Anlauf und Auslauf. In einem Behandlungszimmer von zwölf Quadratmetern zählt dieser Unterschied.
  • Der Test dauert eine Minute. Die Erklärung ist dabei eingerechnet. Kurze Tests machen Fachpersonen im Alltag. Lange Tests bleiben oft liegen.
  • Der Test enthält vier Sturzsituationen. Aufstehen, Losgehen, Umdrehen und Hinsetzen kommen alle vor. Eine gerade Gehstrecke prüft nur das Gehen.
  • Der Test misst zuverlässig. Bei einer Wiederholung kommt fast dasselbe heraus. Verschiedene Untersuchende erhalten ähnliche Werte [7]. Erst dadurch eignet sich der Test als Verlaufsmass.
  • Der Test reagiert auf Training. Nach drei Monaten Training sehen Sie den Fortschritt an der Zahl.
  • Alle kennen ihn. Er steht in jedem Physiotherapie-Curriculum, in STEADI, in den World Falls Guidelines und in vielen Studien. Ihre Hausärztin, die Reha-Klinik und die Spitex lesen denselben Wert gleich.

8.2 Diese Punkte sprechen gegen den Test

  • Die Trennschärfe liegt bei 0,63 (Abschnitt 6.1). Die World Falls Guidelines stufen den Test deshalb unter der Ganggeschwindigkeit ein. Die Ganggeschwindigkeit empfehlen sie stärker und stützen sich dabei auf besser gesicherte Belege. Beim Timed Up and Go nennen sie die Belege für die Sturzvorhersage «less consistent» [1].
  • Die Übersichtsarbeit mit Schweizer Beteiligung empfiehlt für dieses Setting andere Tests. Für selbstständig lebende Menschen nennt sie fünf Tests [7]. Dazu gehören der Mini-BESTest, der Functional Reach Test und die schnelle Ganggeschwindigkeit. Dazu kommen der Timed Up and Go in der schnellen Ausführung und dieselbe Ausführung mit Rechenaufgabe. Die normale Ausführung empfiehlt sie für das Pflegeheim. Das Schweizer Manual verwendet bei selbstständig lebenden Menschen die normale Ausführung. Beide Arbeiten erschienen im selben Jahr und haben eine Autorin gemeinsam. Zur Fairness gehört: Die Übersichtsarbeit nennt ihre eigenen Empfehlungen schwach, weil die zugrunde liegenden Studien klein waren [7].
  • Bei rüstigen Menschen bleiben fast alle unter dem Grenzwert. Eine australische Auswertung von 693 Personen zwischen 70 und 90 Jahren zeigt die Folge [4]. Mit dem Grenzwert von 15 Sekunden landeten fünf von 693 Personen in der mittleren Risikogruppe. Eine Einteilung mit einer leeren Gruppe teilt kaum ein.
  • Der Grenzwert stammt aus einer sehr kleinen Studie. Dazu Abschnitt 8.3.
  • Eine Zahl fasst sechs Fähigkeiten zusammen. Zwei Menschen mit je 14 Sekunden haben oft verschiedene Gründe dafür: schwache Beine, ein unsicheres Umdrehen, Vorsicht, Schmerzen oder langsameres Denken. Für die Behandlungsplanung braucht die Fachperson diese Gründe einzeln.
  • Kleine Umstände verschieben Ihr Ergebnis. Stuhlhöhe, Armlehnen, Schuhe, Gehhilfe und die Anweisung wirken sich alle aus. Dasselbe gilt für die Frage, ob die Uhr beim Sitzkontakt stoppt. Dieselbe Person landet in zwei Praxen auf zwei Seiten des Grenzwerts. Das StoppSturz-Manual regelt diese Punkte sorgfältig [14]. Es erlaubt allerdings Armlehnen, das Abstützen mit den Händen und normales Tempo. Dadurch bleiben noch mehr Menschen unter dem Grenzwert.

8.3 Woher der Grenzwert von 13,5 Sekunden stammt

Der Schweizer Grenzwert stammt aus einer amerikanischen Arbeit von 2000 [12]. Diese Arbeit hat drei Eigenschaften, die Sie kennen sollten:

  • Sie umfasste 30 Personen. Davon waren 15 gestürzt und 15 sturzfrei geblieben.
  • Die Forschenden bildeten die beiden Gruppen im Nachhinein, nach bereits geschehenen Stürzen. Damit unterscheidet die Arbeit zwei Gruppen. Eine Vorhersage prüft sie damit nicht.
  • Die beiden Gruppen waren verschieden alt. Die Gestürzten waren im Mittel 86,2 Jahre alt, die Sturzfreien 78,4 Jahre. Der Altersunterschied betrug acht Jahre.

Bei zwei so verschiedenen Gruppen trennt fast jeder Test gut. Sogar ein Test, der nur das Alter misst, trennt sie. Solche Vergleiche überschätzen die Genauigkeit deshalb systematisch.

Spätere Arbeiten mit sauberer Nachbeobachtung fanden schlechtere Werte. In einer britischen Kohorte mit 259 Personen und einem Jahr Nachbeobachtung lag die Trennschärfe bei 0,58 [10].

Dazu kommt: Im Umlauf sind mindestens vier Grenzwerte, jeder davon mit Belegen.

  • über 10 Sekunden, aus altersbezogenen Normwerten hergeleitet [4]
  • ab 12 Sekunden, aus der amerikanischen Übersichtsarbeit [11]
  • ab 13,5 Sekunden, im Schweizer StoppSturz [14]
  • über 15 Sekunden, in den World Falls Guidelines [1]

Die Leitlinienautoren schlagen inzwischen vor, das Alter einzubeziehen [5]. Als Bezug nennen sie die Durchschnittszeiten gesunder älterer Menschen [29]:

  • 8,1 Sekunden für 60- bis 69-Jährige
  • 9,2 Sekunden für 70- bis 79-Jährige
  • 11,3 Sekunden für 80- bis 99-Jährige

Das sind Mittelwerte, keine an künftigen Stürzen geprüften Grenzwerte. Ihr Aufsatz trägt den Titel «One size doesn't fit all».

Eine Sekundenzahl gilt immer für eine bestimmte Altersgruppe. Fragen Sie deshalb nach, für wen Ihr Grenzwert gemessen wurde.

8.4 Was wir vom Timed Up and Go halten

Die Skepsis gegenüber dem Test hat gute Gründe. Sie trifft allerdings nur einen Teil des Problems.

Die kanadische Vergleichsstudie hat sieben Tests am selben Kollektiv geprüft. Alle sieben sagten Stürze ähnlich ungenau voraus [3]. Ein klar besserer Einzeltest steht also gar nicht zur Verfügung.

Am Schweizer Vorgehen kritisieren wir drei konkrete Punkte:

  1. Der Grenzwert von 13,5 Sekunden stammt aus einer Studie mit 30 Personen und ungleich alten Gruppen. Ein tieferer oder ein altersabhängiger Wert wäre heute besser begründet.
  2. Die normale statt der schnellen Ausführung hat für selbstständig lebende Menschen die schwächere Beleglage. So steht es in jener Übersichtsarbeit, an der das Manual personell beteiligt war [7].
  3. Das Manual stammt von 2021 und damit aus der Zeit vor den World Falls Guidelines und vor allen Validierungsarbeiten der Jahre 2024 bis 2026. Eine Aktualisierung wäre fällig.

Ein Punkt spricht für das Schweizer Vorgehen. In StoppSturz entscheidet Ihr Testwert nur darüber, ob die Abklärung weitergeht (Abschnitt 7.2). In dieser Rolle passt der Timed Up and Go gut.

9. Wie gut funktioniert der Algorithmus der World Falls Guidelines?

2022 erschien die bisher gründlichste internationale Leitlinie zum Thema. 96 Fachleute haben daran gearbeitet [1]. Im Zentrum steht ein Ablaufdiagramm: drei Fragen, dann eine Prüfung auf Schweregrad, dann ein Bewegungstest. Am Ende stehen drei Gruppen: geringes, mittleres und hohes Risiko.

Zum Schweregrad zählen ein verletzender Sturz, mehrere Stürze, Gebrechlichkeit, längeres Liegen nach einem Sturz und Bewusstlosigkeit.

9.1 Was die Überprüfungen zeigen

Eine systematische Übersicht fand acht Kohorten mit zusammen 25'027 Personen [2]. Ihre Befunde:

  • Jede Studie hat den Algorithmus angepasst. Sechs änderten ihn stark, zwei leicht. Keine setzte ihn so um wie veröffentlicht.
  • Die Gruppe «hohes Risiko» erfasste je nach Studie 27 bis 52 von 100 der späteren Stürzenden.
  • Die Gruppe «hohes Risiko» stürzte häufiger als die Gruppe «geringes Risiko». Diese Einteilung funktioniert.
  • Die mittlere Gruppe umfasste je nach Studie 0,4 bis 18 von 100 Teilnehmenden. Ihr Risiko lag kaum höher als in der Gruppe «geringes Risiko».

Die kanadische Studie mit den 514 Personen hat zusätzlich geprüft, ob die Bewegungstests den Algorithmus verbessern [3].

  • Ohne Bewegungstests stufte der Algorithmus 282 Personen als «geringes Risiko» ein. 41 von 100 stürzten im folgenden Jahr.
  • Mit Bewegungstests stieg dieser Anteil auf 56 von 100.

Das Etikett «geringes Risiko» wurde mit den Tests also weniger verlässlich. Die Forschenden schliessen daraus: Ihre Ergebnisse stützen den Einsatz keines Gleichgewichts- oder Mobilitätstests innerhalb des Algorithmus [3].

Für Sie zählt vor allem eine Zahl. Von den Menschen mit dem Etikett «geringes Risiko» stürzten 41 von 100 im folgenden Jahr.

9.2 Zwei Änderungen verbessern die Einteilung

Die australische Arbeit an den 693 Personen hat zwei einfache Änderungen erprobt [4]. Erstens machten die Forschenden den Bewegungstest bei allen Teilnehmenden. Zweitens senkten sie den Grenzwert von 15 auf 10 Sekunden. Damit entstanden drei brauchbar grosse Gruppen: 50 von 100 geringes, 18 von 100 mittleres und 31 von 100 hohes Risiko.

Eine Einschränkung bleibt. Die neue mittlere Gruppe hatte körperlich ähnliche Werte wie die Hochrisikogruppe: weniger Kraft, schlechteres Gleichgewicht und langsameres Denken. Ihre Sturzrate glich jedoch der Niedrigrisikogruppe. Die Einteilung wurde also übersichtlicher, ohne dass die Vorhersage besser wurde.

Daraus ergibt sich der Kernsatz dieses Textes. Diese Tests erfassen Ihren heutigen Zustand recht zuverlässig. Ihre Zukunft sagen sie ungenau voraus.

10. Was empfiehlt NICE seit 2025?

Im April 2025 hat das britische Institut NICE seine Sturz-Leitlinie neu herausgegeben [13]. Sie zieht aus derselben Datenlage drei klare Schlüsse:

  • Punktwertsysteme bleiben aus der Vorhersage draussen. Fachpersonen sollen mit einem Punktwert nicht das Sturzrisiko einer Person vorhersagen.
  • Fachpersonen fragen aktiv nach. Bei Routinekontakten und Jahreskontrollen fragen sie Menschen ab 65 Jahren nach Stürzen im letzten Jahr. Dasselbe gilt für Menschen zwischen 50 und 64 Jahren mit bekannten Risikofaktoren.
  • Danach folgt eine gründliche Abklärung. Wer die Kriterien erfüllt, erhält eine vollständige Abklärung aller Bereiche.

Das Fachgremium begründet das kurz. Die Studien konnten keine Abklärungsmethode benennen, die Stürze am besten vorhersagt. Zudem erfasst jeder einzelne Test nur einen Bereich, etwa das Gleichgewicht oder den Gang.

NICE empfiehlt Gleichgewichts- und Gangtests weiterhin für die Abklärung. Über Ihr weiteres Vorgehen soll allerdings die Fachperson entscheiden, nicht eine Punktzahl.

11. Was nach der Abklärung folgt

11.1 Eine Abklärung allein senkt Ihr Risiko kaum

Die grösste Studie zu diesem Vorgehen fiel enttäuschend aus [20]. In den USA wurden 86 Hausarztpraxen zufällig zugeteilt. In der Interventionsgruppe führten geschulte Pflegefachpersonen bei über 5'000 Menschen ab 70 Jahren eine strukturierte Abklärung durch. Jede Person erhielt einen persönlichen Massnahmenplan. Bei den schweren Sturzverletzungen blieb der Unterschied zur üblichen Betreuung klein und statistisch unsicher.

Anders sieht es beim Training aus. Es senkt die Sturzzahl von rund 85 auf rund 66 Stürze pro 100 Personen und Jahr [19]. Das ist gut untersucht.

Sorgen Sie deshalb dafür, dass nach Ihrer Abklärung ein Training beginnt. Fragen Sie am Ende des Termins nach dem nächsten Schritt.

11.2 Die zweite Messung ist mehr wert als die erste

Der grösste Nutzen dieser Tests liegt in der Verlaufsmessung. Die Leitlinien nennen genau das als ihre Aufgabe: Übungen auswählen, die Dosierung festlegen und den Verlauf verfolgen [1]. Ein einzelner Wert sagt dagegen wenig über Ihre Zukunft. Eine Verbesserung von 16 auf 12 Sekunden nach drei Monaten Training zeigt Ihnen dagegen, dass das Training wirkt.

Jede Messung schwankt allerdings. Eine Verbesserung um eine Sekunde liegt im Bereich dieser Schwankung. Wechseln zwischendurch Stuhl, Schuhe oder Tageszeit, wird die Schwankung noch grösser. Verlässlich wird ein Verlauf erst über mehrere Messungen unter gleichen Bedingungen.

12. Was Sie zur Abklärung beitragen

12.1 Diese Angaben brauchen wir von Ihnen

  • Ihre Sturzgeschichte in Zahlen. Wie oft im letzten Jahr? Mit Verletzung? Konnten Sie selbst wieder aufstehen? Wie lange lagen Sie am Boden? Diese Angaben liefern nur Sie, und sie wiegen am schwersten (Abschnitt 4).
  • Auch die Beinahe-Stürze. Melden Sie ebenso die Stürze, bei denen Ihnen nichts passiert ist, und die peinlichen.
  • Ihre vollständige Medikamentenliste. Rezeptfreie Mittel, Schlafmittel und Augentropfen gehören dazu.
  • Die Situation, in der es passiert. Nachts auf dem Weg zur Toilette? Beim Umdrehen in der Küche? Beim Absteigen vom Trottoir? Draussen bei Nässe? Diese Angabe führt oft schneller zur Ursache als jeder Test.
  • Den ausgefüllten Selbsttest. Sie können ihn ausdrucken und mitbringen.

12.2 Sagen Sie es, wenn Sie Angst haben

Eine australische Untersuchung an 500 Menschen zwischen 70 und 90 Jahren hat das gemessene und das empfundene Risiko verglichen [18]. Bei vielen Teilnehmenden stimmten beide überein. Bei anderen gingen sie auseinander.

Eine Gruppe fiel besonders auf. Diese Menschen hatten körperlich ein geringes Risiko und fühlten sich trotzdem sehr unsicher. Sie stürzten häufiger, als ihr körperlicher Befund erwarten liess. Bei ihnen fanden die Forschenden zudem Hinweise auf eine schwächere Planungsleistung des Gehirns.

Ihre Sturzangst erhöht Ihr Sturzrisiko also messbar. Sie lässt sich behandeln. Die Fachperson erfasst sie mit dem FES-I [14]. Sprechen Sie das Thema deshalb von sich aus an.

12.3 Stellen Sie am Ende diese drei Fragen

  1. Was genau haben Sie gefunden? Lassen Sie sich den Befund benennen: welche Fähigkeit, welche Situation, welcher Messwert.
  2. Was tun wir dagegen? Lassen Sie sich den nächsten Schritt und einen Termin dafür nennen.
  3. Wann messen wir wieder? Erst der zweite Wert zeigt Ihnen, ob die Behandlung wirkt.

Sagen Sie es auch, wenn Ihr Test unauffällig war und Sie sich trotzdem unsicher fühlen. Ihre eigene Einschätzung wiegt hier so schwer wie der gemessene Testwert.

13. Für Fachpersonen: acht Folgerungen für die Praxis

Dieser Abschnitt richtet sich an Kolleginnen und Kollegen aus Physiotherapie und Medizin. Er fasst zusammen, wie wir die Datenlage in unserer Praxis umsetzen.

  1. Erheben Sie die Sturzzahl als Zähler. Nach einem Sturz im Vorjahr erwartet das Modell rund 83 Stürze pro 100 Personen und Jahr, nach fünf oder mehr rund 500 [17]. Stellen Sie die drei Alarmfragen ab 65 Jahren in jeder Ersterhebung.
  2. Verwenden Sie keinen Screening-Test als Ausschlusskriterium. Die Trefferquote liegt bei 30 bis 40 von 100. Bei negativem Screening und positivem klinischem Eindruck gilt der Eindruck. So steht es auch im StoppSturz-Manual [14].
  3. Dokumentieren Sie die Testbedingungen. Notieren Sie Stuhlhöhe, Armlehnen, Schuhwerk, Hilfsmittel und Instruktion. Ohne diese Angaben taugt ein Verlaufsvergleich wenig, und der Verlauf ist der Hauptnutzen.
  4. Erwägen Sie die schnelle Ausführung. Für selbstständig lebende Personen haben TUG FAST und die schnelle Ganggeschwindigkeit die bessere Beleglage [7]. Wer wechselt, wechselt den Grenzwert mit und bleibt dabei.
  5. Bauen Sie einen Altersbezug ein. 13,5 Sekunden bedeuten bei einer 68-Jährigen etwas anderes als bei einem 89-Jährigen [5]. Kommunizieren Sie wo möglich den Rohwert statt der Einstufung.
  6. Nehmen Sie für die Behandlungsplanung den Mini-BESTest. Er liefert vier Subskalen und damit ein Trainingsziel. Seine AUC lag in der Übersichtsarbeit bei 0,79 aus zwei Studien, jene des Timed Up and Go bei 0,63 aus acht Studien [7]. Das Vertrauensintervall der 0,79 ist entsprechend breit.
  7. Messen Sie die Abklärung an der Massnahme. Der belegte Nutzen liegt im anschliessenden Training [19]. Die STRIDE-Studie zeigt, dass die Abklärung allein zu wenig bewirkt [20].
  8. Erfassen Sie die Sturzangst standardisiert. Verwenden Sie den FES-I. Eine Abweichung zwischen gemessenem und empfundenem Risiko ist selbst ein Befund [18].

Zur Einordnung: Die schwache Vorhersage liegt am Gegenstand. Stürze sind häufig, im Einzelfall aber schwer vorherzusagen. Sie haben viele Ursachen und hängen stark von der Situation ab. Dazu kommt das Verhalten: Wer sich kaum noch bewegt, stürzt seltener.

Dasselbe Bild zeigt sich bei den Punktwertsystemen im Spital. Eine Übersicht über 38 Instrumente kommt zum Schluss, dass jedes Instrument nur für bestimmte Situationen taugt [22]. Eine Übersicht über Vorhersagemodelle für stationäre Stürze bemängelt vor allem die Berichtsqualität [23]. Auch der Timed Up and Go mit Bewegungssensoren liefert bisher vor allem Ergebnisse aus Studien und wenig für den Praxisalltag [24].

14. Was Sie über die Sturzabklärung wissen sollten

  • Trainieren Sie Kraft und Gleichgewicht, auch ohne Abklärung. Training senkt die Sturzzahl von rund 85 auf rund 66 Stürze pro 100 Personen und Jahr [19].
  • Die Abklärung findet, was das Training übersieht. Dazu gehören Ihre Augen, Ihre Medikamente, Ihr Blutdruck im Stehen und Ihre Wohnung.
  • Wohnraumanpassungen wirken bei erhöhtem Risiko. Dort sank die Sturzzahl von rund 185 auf rund 115 pro 100 Personen und Jahr. Bei geringem Risiko blieb sie gleich [26].
  • Die Zahl Ihrer früheren Stürze sagt am meisten über die kommende Sturzzahl. Ohne Sturz im Vorjahr erwartet das Modell rund 59 Stürze pro 100 Personen und Jahr, nach fünf oder mehr Stürzen rund 500 [17].
  • Die Tests verschieben Ihr Risiko wenig. Nach einem auffälligen Timed Up and Go steigt es von 30 auf rund 43 von 100. Nach einem unauffälligen sinkt es auf rund 25 von 100 [7].
  • Alle gängigen Tests sagen ähnlich ungenau voraus. Sieben Tests am selben Kollektiv erreichten eine Trennschärfe von 0,56 bis 0,59 [3].
  • Der Grenzwert von 13,5 Sekunden stammt aus einer Studie mit 30 ungleich alten Personen [12]. Als Verlaufsmass bleibt der Test trotzdem brauchbar.
  • NICE verzichtet seit 2025 auf Punktwerte zur Vorhersage und verlangt stattdessen aktives Nachfragen und eine gründliche Ursachensuche [13].

Lassen Sie sich abklären. Fragen Sie danach nach dem Befund, nach der Massnahme und nach dem nächsten Messtermin.

Wie ein Trainingsprogramm aussieht, steht in unserem Ratgeber Stürze vermeiden. Warum ein einzelner Testwert wenig aussagt, können Sie in unserem Spiel Trügerische Sicherheit selbst durchrechnen.

Literatur

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[1] Montero-Odasso M, van der Velde N, Martin FC, et al. World guidelines for falls prevention and management for older adults: a global initiative. Age and Ageing. 2022;51(9):afac205. https://doi.org/10.1093/ageing/afac205

[2] Pieruccini-Faria F, Son S, Delbaere K, et al. Validation of the World Falls Guidelines risk stratification algorithm. A systematic review. Age and Ageing. 2026;55(8):afag231. https://doi.org/10.1093/ageing/afag231

[3] Saunders S, Speechley M, Griffith LE, et al. Prospective evaluation of balance and mobility tests as part of the World Falls Guidelines algorithm. Age and Ageing. 2026;55(2):afag028. https://doi.org/10.1093/ageing/afag028

[4] Hicks C, Menant J, Delbaere K, et al. Two simple modifications to the World Falls Guidelines algorithm improves its ability to stratify older people into low, intermediate and high fall risk groups. Age and Ageing. 2024;53(10):afae192. https://doi.org/10.1093/ageing/afae192

[5] Montero-Odasso M, van der Velde N, Ryg J, Masud T. Falls risk stratification. One size doesn't fit all. Age and Ageing. 2025;54(1):afae292. https://doi.org/10.1093/ageing/afae292

[6] Hicks C, Menant J, Allen N, et al. Predictive accuracy of gait speed for falls: an individual participant data meta-analysis. Ageing Research Reviews. 2026;120:103207. https://doi.org/10.1016/j.arr.2026.103207

[7] Gafner SC, Allet L, Hilfiker R, Bastiaenen CHG. Reliability and diagnostic accuracy of commonly used performance tests relative to fall history in older persons: a systematic review. Clinical Interventions in Aging. 2021;16:1591–1616. https://doi.org/10.2147/CIA.S322506

[8] Barry E, Galvin R, Keogh C, Horgan F, Fahey T. Is the Timed Up and Go test a useful predictor of risk of falls in community dwelling older adults: a systematic review and meta-analysis. BMC Geriatrics. 2014;14:14. https://doi.org/10.1186/1471-2318-14-14

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[13] National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Falls: assessment and prevention in older people and in people 50 and over at higher risk. NICE guideline NG249. London, 29. April 2025. https://www.nice.org.uk/guidance/ng249

[14] Frehner D, Knuchel S, Gafner SC, Zindel B. StoppSturz Vorgehen Physiotherapie. Manual, Version 05.08.2021. Bern: PHS Public Health Services / physioswiss / BFU. https://www.bfu.ch/stoppsturz/physiotherapie

[15] StoppSturz. Manual StoppSturz Vorgehen Ärzteschaft, Version 25.11.2020. Bern: PHS Public Health Services / BFU. https://www.bfu.ch/stoppsturz/arztpraxis

[16] Centers for Disease Control and Prevention (CDC). STEADI – Algorithm for Fall Risk Screening, Assessment, and Intervention. Atlanta, 2017/2019. https://www.cdc.gov/steadi/media/pdfs/STEADI-Algorithm-508.pdf

[17] Wapp C, Mittaz Hager A-G, Rikkonen T, Hilfiker R, et al. Validation of a fall rate prediction model for community-dwelling older adults: a combined analysis of three cohorts with 1850 participants. BMC Geriatrics. 2024;24:287. https://doi.org/10.1186/s12877-024-04811-x

[18] Delbaere K, Close JCT, Brodaty H, Sachdev P, Lord SR. Determinants of disparities between perceived and physiological risk of falling among elderly people: cohort study. BMJ. 2010;341:c4165. https://doi.org/10.1136/bmj.c4165

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[21] Carvalho de Abreu DC, Bandeira ACL, Magnani PE, et al. Standing balance test for fall prediction in older adults: a 6-month longitudinal study. BMC Geriatrics. 2024;24:947. https://doi.org/10.1186/s12877-024-05380-9

[22] Strini V, Schiavolin R, Prendin A. Fall risk assessment scales: a systematic literature review. Nursing Reports. 2021;11(2):430–443. https://doi.org/10.3390/nursrep11020041

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[25] BFU – Beratungsstelle für Unfallverhütung. Checkliste Wohnraumabklärung; Medienmitteilung «127 000 Verletzte durch Stürze zu Hause». Bern, 2026. Erarbeitet mit physioswiss, Rheumaliga Schweiz, Spitex Schweiz, Pro Senectute und dem ErgotherapeutInnen-Verband Schweiz. https://www.bfu.ch/de/die-bfu/magazin/checkliste-wohnraumabklaerung

[26] Clemson L, Stark S, Pighills AC, et al. Environmental interventions for preventing falls in older people living in the community. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2023;(3):CD013258. https://doi.org/10.1002/14651858.CD013258.pub2

[27] Haran MJ, Cameron ID, Ivers RQ, et al. Effect on falls of providing single lens distance vision glasses to multifocal glasses wearers: VISIBLE randomised controlled trial. BMJ. 2010;340:c2265. https://doi.org/10.1136/bmj.c2265

[28] Yingyongyudha A, Saengsirisuwan V, Panichaporn W, Boonsinsukh R. The Mini-Balance Evaluation Systems Test (Mini-BESTest) demonstrates higher accuracy in identifying older adult participants with history of falls than do the BESTest, Berg Balance Scale, or Timed Up and Go Test. Journal of Geriatric Physical Therapy. 2016;39(2):64–70. https://doi.org/10.1519/JPT.0000000000000050

[29] Bohannon RW. Reference values for the Timed Up and Go test: a descriptive meta-analysis. Journal of Geriatric Physical Therapy. 2006;29(2):64–68. https://doi.org/10.1519/00139143-200608000-00004

Transparenz

  • Autorschaft: Roger Hilfiker
  • KI-Unterstützung: Literaturrecherche und Textentwurf entstanden mit Claude (Anthropic). Roger Hilfiker hat alle Aussagen, Zahlen und Quellen geprüft und den Text überarbeitet.
  • Erstellt: 22. August 2026
  • Zuletzt aktualisiert: 22. August 2026
  • Quellen: die 26 Arbeiten im Literaturverzeichnis. Alle DOI wurden gegen das Crossref-Register geprüft.
  • Interessenbindung: siehe die Offenlegung in Abschnitt 7.
  • Finanzierung: Physiotherapie Tschopp & Hilfiker, 3902 Glis. Der Beitrag entstand aus eigenen Mitteln der Praxis.
  • Nächste Überprüfung: geplant für August 2028

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