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Hüftarthrose: was Physiotherapie bewirkt – und wie gross die Wirkung wirklich ist – Wissen

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Hüftarthrose: was Physiotherapie bewirkt – und wie gross die Wirkung wirklich ist

Warum der Schmerz in der Leiste sitzt, warum das Röntgenbild so wenig darüber aussagt, was Training nachweislich verändert – und warum die neueste Übersichtsarbeit die Erwartungen dämpft, ohne das Training infrage zu stellen

Ratgeber · Stand August 2026 · Lesezeit ca. 45 Minuten · alle DOI einzeln geprüft

1. Warum dieser Text?

Wer mit Hüftschmerzen zur Ärztin geht, bekommt oft zwei Sätze zu hören. Der erste lautet: «Da ist Arthrose.» Der zweite lautet: «Bewegung ist gut, machen Sie Physiotherapie.» Beide Sätze sind richtig. Und beide sind so kurz, dass sie mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten.

Dieser Text beantwortet die Fragen, die danach kommen:

  • Was passiert eigentlich in einer Hüfte mit Arthrose – und warum tut sie ausgerechnet in der Leiste weh?
  • Warum sagt das Röntgenbild so wenig darüber aus, wie schlimm es Ihnen geht?
  • Was bringt Bewegung, in Zahlen – und was bringt sie nicht?
  • Welche Art von Training, wie viel davon, wie oft, und was tun, wenn es ein schlechter Tag ist?
  • Wann ist eine Operation dran – und was passiert davor und danach?

Es gibt auf dieser Seite bereits einen allgemeinen Ratgeber zur Arthrose. Dort steht, was Arthrose überhaupt ist, wie ein Gelenk geschmiert wird und warum Bilder täuschen. Dieser Text hier ist die Hüftfassung: Er geht nur auf das Hüftgelenk ein, und er geht deutlich tiefer in die Studienlage. Wer nach einer Knieprothese sucht, findet sie im Ratgeber zur Knieprothese; das Grundsätzliche zum Krafttraining steht in einem eigenen Beitrag.

Eine Vorbemerkung zur Ehrlichkeit. Im Juli 2026 ist eine neue Cochrane-Übersicht zur Bewegungstherapie bei Hüftarthrose erschienen [2]. Sie kommt zu einem unbequemen Ergebnis: Die durchschnittliche Wirkung auf den Schmerz ist klein – so klein, dass die Autorinnen und Autoren selbst schreiben, sie sei wahrscheinlich nicht spürbar. Gleichzeitig empfiehlt die im November 2025 erschienene amerikanische Behandlungsleitlinie Training mit der höchsten Empfehlungsstufe [1]. Dieser Text löst den Widerspruch nicht auf, indem er sich eine Seite aussucht. Er erklärt ihn.

Geschrieben ist der Text für Betroffene und Angehörige, nicht für Fachleute. Fachwörter kommen vor, weil Sie ihnen im Arztbericht ohnehin begegnen – aber jedes wird erklärt, wenn es zum ersten Mal auftaucht. Die Zahlen in eckigen Klammern verweisen auf das Literaturverzeichnis ganz unten.

Und der übliche, wichtige Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine Untersuchung. Was Ihre Ärztin oder Ihr Arzt für Ihre Situation festlegt, geht vor.

2. Was Hüftarthrose ist

2.1 Ein Kugelgelenk, tief im Körper

Das Hüftgelenk ist ein Kugelgelenk. Der Kopf des Oberschenkelknochens – eine fast perfekte Kugel – steckt in einer Pfanne, die zum Becken gehört. Beide Flächen sind mit Knorpel überzogen, einem glatten, weisslichen Belag, der die Reibung fast auf null senkt. Um die Pfanne herum läuft ein Ring aus festem Fasergewebe, die Gelenklippe (Fachwort: Labrum); sie vertieft die Pfanne und dichtet das Gelenk ab. Aussen umschliesst eine kräftige Gelenkkapsel das Ganze, innen ausgekleidet von einer Haut, die die Gelenkflüssigkeit herstellt.

Drei Dinge unterscheiden die Hüfte vom Knie, und alle drei sind für das Verständnis wichtig:

  • Sie liegt tief. Man kann sie nicht anfassen wie ein Knie. Was Sie seitlich am Becken ertasten – die harte Kante, auf der man beim Seitenliegen liegt –, ist nicht das Gelenk, sondern ein Knochenvorsprung des Oberschenkels, der grosse Rollhügel (Trochanter major). Das Gelenk selbst sitzt handbreit weiter innen und vorne.
  • Sie trägt viel. Beim Gehen wirken auf das Hüftgelenk in jedem Schritt Kräfte, die ein Mehrfaches des Körpergewichts betragen. Der Grund ist nicht das Gewicht selbst, sondern die Hebelverhältnisse: Die Muskeln an der Aussenseite müssen bei jedem Einbeinstand verhindern, dass das Becken zur Gegenseite abkippt, und sie drücken dabei den Kopf in die Pfanne.
  • Sie ist von viel Muskulatur umgeben. Das ist der eigentliche Ansatzpunkt der Physiotherapie – dazu gleich mehr.

2.2 Mehr als abgeriebener Knorpel

Das gängige Bild von Arthrose ist das eines abgenutzten Bremsbelags: Der Knorpel reibt sich ab, und wenn er weg ist, ist Schluss. Dieses Bild ist zu einfach und in mehreren Punkten falsch.

Was tatsächlich passiert, betrifft das Gelenk als Ganzes [1]:

  • Der Knorpel verliert an Dicke und an Elastizität. Das ist der Teil, den man auf dem Röntgenbild als schmaleren «Gelenkspalt» sieht – wobei man den Knorpel selbst gar nicht sieht, sondern nur den Abstand zwischen den Knochen.
  • Der Knochen darunter verändert sich: Er wird dichter, bildet an den Rändern Anbauten (Osteophyten, umgangssprachlich «Knochensporne») und entwickelt manchmal kleine Hohlräume.
  • Die Kapsel wird dicker und weniger dehnbar. Deshalb verliert die Hüfte Beweglichkeit, und zwar in einer typischen Reihenfolge: zuerst die Innendrehung (das Bein nach innen drehen) und das Beugen, später alles Übrige [1].
  • Die Muskeln rundherum werden schwächer, besonders die an der Aussenseite, die das Becken stabilisieren [1]. Das ist zum Teil eine Folge der Arthrose – man belastet die schmerzende Seite weniger – und zum Teil ihre Ursache, denn schwächere Muskeln führen den Kopf schlechter in der Pfanne.

Der letzte Punkt ist der wichtigste dieses Abschnitts. Physiotherapie kann den Knorpel nicht zurückbringen. Sie kann auch die Knochenanbauten nicht abtragen und die Kapsel nicht wieder jung machen. Was sie kann, ist das, was ums Gelenk herum liegt: die Muskeln, die Beweglichkeit, das Gangbild, die Belastungsverteilung im Alltag, den Umgang mit dem Schmerz. Das klingt bescheidener, als es ist – aber es ist auch genau das, was in den Studien gemessen wird.

2.3 Wie häufig – und die Schweizer Zahlen

Hüftarthrose ist die häufigste Ursache für Hüftschmerzen bei Menschen über fünfzig [1]. Eine amerikanische Langzeituntersuchung hat ausgerechnet, wie hoch das Risiko ist, im Lauf des Lebens eine symptomatische Hüftarthrose zu bekommen – also eine, die auch Beschwerden macht: rund 25 Prozent, also etwa jeder vierte Mensch [6]. Bei Menschen, die schon einmal eine Hüftverletzung hatten, liegt der Wert höher.

Für die Schweiz gibt es keine gleichwertige Zahl, wohl aber eine andere, sehr belastbare: Das nationale Implantatregister erfasst praktisch alle künstlichen Gelenke. Danach werden hierzulande pro Jahr gut 27 000 künstliche Hüftgelenke eingesetzt [26]. In einem Vierjahresfenster waren rund 82 Prozent davon wegen einer «primären Arthrose» nötig – also einer Arthrose ohne erkennbare Vorerkrankung. Frauen machen gut die Hälfte der Eingriffe aus (53 Prozent), das Durchschnittsalter liegt bei ihnen bei 70,8 und bei Männern bei 67,3 Jahren. Bemerkenswert: Rund jede neunte Operation betrifft einen Menschen unter 55 [26]. Hüftarthrose ist keine reine Alterskrankheit.

3. Woran man sie erkennt

3.1 Der Schmerz sitzt in der Leiste

Das ist der wichtigste einzelne Satz zur Erkennung, und er widerspricht dem, was die meisten Menschen «Hüftschmerz» nennen. Der Schmerz aus dem Hüftgelenk sitzt typischerweise vorne in der Leiste, manchmal zusätzlich seitlich oder hinten am Gesäss [1]. Und er hat eine Eigenheit, die immer wieder zu Verwechslungen führt:

Er zieht ins Knie. Nicht selten ist der Knieschmerz sogar das lauteste Symptom, während die Leiste nur unangenehm zieht. Der Grund liegt in der Nervenversorgung: Gelenkkapsel der Hüfte und Haut- und Gelenkgebiete am vorderen Oberschenkel und Knie werden aus denselben Rückenmarkshöhen versorgt, und das Gehirn kann die Meldung nicht sauber zuordnen. Es gibt Menschen, die wegen Knieschmerzen zur Untersuchung kommen und mit der Diagnose Hüftarthrose nach Hause gehen.

Weitere typische Merkmale:

  • Belastungsabhängig. Der Schmerz kommt beim Gehen, beim Treppensteigen, beim Aufstehen aus dem Sitzen – und lässt in Ruhe wieder nach. Erst spät im Verlauf schmerzt es auch nachts.
  • Anlaufschmerz. Die ersten Schritte nach längerem Sitzen sind die schlimmsten; nach ein paar Minuten wird es besser. Viele Betroffene beschreiben genau das als das Erste, was ihnen auffiel.
  • Morgensteifigkeit unter einer Stunde. Das ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal: Steifigkeit, die morgens deutlich länger als eine Stunde anhält, spricht eher für eine entzündliche Gelenkerkrankung (zum Beispiel eine rheumatoide Arthritis) und gehört ärztlich abgeklärt [1].
  • Alltagsbewegungen werden umständlich. Socken anziehen, Schuhe binden, in ein tiefes Auto einsteigen, die Nägel an den Zehen schneiden. Das ist die Innendrehung und die Beugung, die verloren gehen – und es fällt oft früher auf als der Schmerz.

3.2 Was die Untersuchung zeigt

Die Diagnose einer Hüftarthrose ist in erster Linie eine klinische – sie wird am Menschen gestellt, nicht am Bild. Die amerikanische Leitlinie nennt für Menschen über fünfzig folgende Merkmale [1]:

  • mässiger Schmerz vorne oder seitlich an der Hüfte bei belastenden Tätigkeiten;
  • Morgensteifigkeit von weniger als einer Stunde;
  • eine Innendrehung von weniger als 24 Grad – oder eine Innendrehung und Beugung, die 15 Grad unter der schmerzfreien Gegenseite liegen;
  • und/oder mehr Schmerz, wenn die Untersucherin das Bein passiv nach innen dreht.

Dazu kommen Messungen, die den Verlauf abbilden: Beweglichkeit in alle Richtungen, Kraft der Hüftmuskeln in alle Richtungen, ein Gehtest (zum Beispiel sechs Minuten Gehen oder 40 Meter im eigenen Tempo), ein Aufstehtest (wie oft schaffen Sie es in 30 Sekunden, vom Stuhl aufzustehen?) und ein Treppentest [1]. Diese Werte sind nicht Selbstzweck. Sie sind das Einzige, woran Sie in einem halben Jahr erkennen, ob sich wirklich etwas geändert hat.

3.3 Was es sonst sein kann

Nicht jeder Schmerz in der Hüftgegend kommt aus dem Hüftgelenk. Vier Verwechslungen sind so häufig, dass sie hier stehen müssen:

  • Schmerz seitlich, auf dem Rollhügel. Wenn es genau dort weh tut, wo Sie im Seitenliegen aufliegen, und wenn Liegen auf dieser Seite die Nacht ruiniert, ist das fast nie Arthrose. Es ist meistens eine Reizung der Gesässsehnen (Fachwort: Gluteal-Tendinopathie). Das ist keine Kleinigkeit, aber es ist gut behandelbar – und die Behandlung ist eine andere. In einer sauberen Studie mit 204 Betroffenen war ein achtwöchiges Programm aus Aufklärung und Übungen nach acht Wochen wirksamer als eine Kortisonspritze und deutlich wirksamer als Abwarten [25].
  • Schmerz aus dem Rücken. Eine Reizung im unteren Rücken kann exakt dieselbe Gegend betreffen. Hinweis darauf: Der Schmerz wechselt mit der Haltung des Rückens, zieht über das Gesäss ins Bein hinunter, oder es kribbelt.
  • Schmerz bei jungen Erwachsenen. Hüftarthrose vor dem 45. Lebensjahr ist selten und braucht eine Erklärung – eine frühere Verletzung, eine besondere Gelenkform, seltener eine Durchblutungsstörung des Hüftkopfs. Hier gehört immer eine ärztliche Abklärung dazu.
  • Warnzeichen, die nicht zur Arthrose passen: Fieber, Nachtschweiss, ungewollter Gewichtsverlust, ein Ruheschmerz, der sich über Tage aufbaut und durch nichts beeinflussbar ist, oder eine Hüfte, die nach einem Sturz plötzlich nicht mehr belastbar ist. Das gehört rasch abgeklärt und nicht in die Physiotherapie.

4. Warum das Röntgenbild so wenig sagt

Es gibt eine Untersuchung, die man kennen sollte, bevor man sich über einen Röntgenbefund erschrickt. Eine amerikanische Arbeitsgruppe hat in zwei grossen Bevölkerungsstudien geprüft, wie gut Hüftschmerzen und Arthrosezeichen im Röntgenbild überhaupt zusammenpassen [5]. Beide Dinge wurden unabhängig voneinander erhoben: die Beschwerden im Gespräch, das Bild in der Röntgenabteilung.

Das Ergebnis ist ernüchternd und befreiend zugleich:

  • Von den Hüften bei Menschen mit häufigen Hüftschmerzen zeigten nur rund 16 von 100 die passenden Arthrosezeichen im Bild.
  • Umgekehrt taten von den Hüften mit deutlichen Arthrosezeichen nur rund 21 von 100 überhaupt weh.

Anders gesagt: Das Röntgenbild sagt Ihnen etwas über den Zustand des Knochens. Es sagt Ihnen erstaunlich wenig darüber, wie stark Sie Schmerzen haben und wie eingeschränkt Sie sind. Das gilt in beide Richtungen. Ein schlimmes Bild ist kein Urteil – es gibt Menschen mit «Knochen auf Knochen», die gut gehen. Und ein unauffälliges Bild ist keine Entwarnung – es gibt Menschen mit starken Schmerzen und einem normalen Bild.

Warum ist das so? Weil Knorpel keine Schmerzfasern hat. Was weh tut, sind der Knochen unter dem Knorpel, die Kapsel, die Gelenklippe, die Muskeln und Sehnen rundherum, und – bei anhaltendem Schmerz – ein Nervensystem, das mit der Zeit empfindlicher meldet. Nichts davon steht auf dem Röntgenbild.

Praktisch heisst das dreierlei. Erstens: Ein Röntgenbild ist sinnvoll, wenn es eine Frage beantwortet – zum Beispiel vor der Entscheidung über eine Operation oder wenn etwas nicht ins Bild passt. Als Routinekontrolle «zum Schauen, wie es steht» bringt es wenig [1]. Zweitens: Der Grad im Bild – Sie werden vielleicht Begriffe wie «Kellgren-Lawrence 3» lesen – sagt weder voraus, wie stark Ihre Schmerzen sind, noch, ob Training bei Ihnen wirkt. Drittens: Wenn Ihnen jemand nach einem Blick auf das Bild sagt, Sie dürften jetzt nichts mehr belasten, dann fehlt dieser Aussage die Grundlage.

5. Was das Risiko beeinflusst

Einige Dinge, die zu einer Hüftarthrose beitragen, kann man nicht ändern. Andere schon. Es lohnt sich, beides zu kennen – auch, um nicht die falschen Schuldgefühle zu haben.

Nicht beeinflussbar sind: das Alter, die Vererbung (Arthrose in der Familie zählt), das Geschlecht (bei der Hüfte sind Männer im Röntgenbild häufiger betroffen, in den Operationszahlen dominieren leicht die Frauen) und vor allem die Form des Gelenks [1].

Diese Form verdient einen eigenen Absatz. Zwei Abweichungen sind gut untersucht:

  • Die Cam-Form. Der Übergang vom Hüftkopf zum Schenkelhals ist nicht schlank, sondern verdickt – der Kopf ist an dieser Stelle nicht rund, sondern hat eine kleine Schulter. Beim Beugen und Innendrehen stösst diese Schulter gegen den Pfannenrand. In einer niederländischen Studie mit 1002 Menschen, die wegen erster Hüftbeschwerden untersucht wurden, hatten diejenigen mit einer ausgeprägten Cam-Form ein vielfach erhöhtes Risiko, innerhalb von fünf Jahren eine Arthrose im Endstadium zu entwickeln [7]. Besonders deutlich war das, wenn zusätzlich die Innendrehung eingeschränkt war.
  • Die zu flache Pfanne (Hüftdysplasie). Hier deckt die Pfanne den Kopf zu wenig ab, die Last verteilt sich auf eine kleinere Fläche. Das ist einer der häufigsten Gründe, warum eine Hüftarthrose vor dem fünfzigsten Lebensjahr auftritt.

Eine Einordnung, die dazugehört: Diese Formen sind Risikofaktoren, keine Diagnosen. Sehr viele Menschen haben eine Cam-Form und nie Beschwerden. Und die Untersuchung am Untersuchungstisch kann diese Formen nicht zuverlässig erkennen: In einer Berner Studie an 2081 jungen, beschwerdefreien Männern war die gemessene Innendrehung zu ungenau, um von ihr auf eine Cam- oder Pincer-Form zu schliessen [8]. Offenlegung: Roger Hilfiker ist Mitautor dieser Arbeit. Was das praktisch heisst: Eine steife Hüfte ist ein Grund, genauer hinzuschauen – aber sie beweist nichts über die Knochenform, und die Knochenform allein beweist nichts über Ihre Zukunft.

Beeinflussbar sind demgegenüber: frühere Gelenkverletzungen (die man nicht rückgängig machen kann, deren Folgen aber trainierbar sind), starkes Übergewicht, schwere körperliche Arbeit über Jahrzehnte – Landwirtschaft und Bauberufe stehen in den Untersuchungen regelmässig zuoberst – und der Trainingszustand der Muskulatur. Der letzte Punkt ist der einzige, an dem man morgen etwas ändern kann.

6. Was Training bringt – und wie gross die Wirkung wirklich ist

6.1 Die Zahl, die niemand gern hört

Cochrane ist ein internationaler Verbund, der medizinische Studien nach besonders strengen Regeln auswertet; seine Übersichten gelten als die sorgfältigsten, die es gibt. Im Juli 2026 hat eine Gruppe aus Australien, Irland, Mexiko und der Schweiz die Cochrane-Übersicht zur Bewegungstherapie bei Hüftarthrose auf den neuesten Stand gebracht – die letzte Fassung stammte von 2014 [3].

Eingeschlossen wurden 18 Studien mit 1368 Teilnehmenden, in denen per Los entschieden wurde, wer trainiert. Alle Ergebnisse wurden auf eine gemeinsame Skala von 0 bis 100 umgerechnet, damit man sie vergleichen kann. Das Ergebnis [2]:

  • Gegenüber «keine Behandlung, gewohnte Betreuung oder nur ein Merkblatt» verringerte Training den Schmerz um 7,2 Punkte (Vertrauensbereich 3,7 bis 10,7) und verbesserte die körperliche Funktion um 8,8 Punkte (5,4 bis 12,0). Die Sicherheit der Belege war mittel.
  • Auf die Lebensqualität hatte Training so gut wie keinen Einfluss (2,3 Punkte, Vertrauensbereich von −1,2 bis 5,9 – also einschliesslich «kein Unterschied»).
  • Gegenüber einer Scheinbehandlung – also einer Behandlung, die gleich viel Zuwendung, aber keinen Trainingsreiz enthält – war der Unterschied beim Schmerz statistisch nicht gesichert (6,3 Punkte, Vertrauensbereich −0,4 bis 13,0); bei der Funktion war er es knapp.
  • Als Zugabe zu einer anderen Behandlung brachte Training weder beim Schmerz noch bei der Funktion noch bei der Lebensqualität einen zusätzlichen Gewinn.

Und nun der Satz, um den es geht. Als Schwelle dafür, dass ein Mensch eine Veränderung überhaupt bemerkt, gelten bei diesen Fragebogen ungefähr 12 Punkte. Sieben und neun liegen darunter. Deshalb schreiben die Autorinnen und Autoren selbst, die Verbesserungen seien «wahrscheinlich nicht klinisch bedeutsam» [2].

Das steht in einem auffälligen Gegensatz zur amerikanischen Leitlinie, die im November 2025 erschienen ist und ein individuell angepasstes Trainingsprogramm mit der höchsten Empfehlungsstufe empfiehlt [1]. Der Gegensatz ist erklärbar: Die Leitlinie zählt, wie viele Studien in die richtige Richtung zeigen, und stützt sich zusätzlich auf Metaanalysen, die auch Vergleiche mit «üblicher Betreuung» und andere Zielgrössen einschliessen. Cochrane fragt strenger, wie gross die Wirkung ist und wie sicher man sich ihrer sein kann. Beide Antworten stimmen. Sie beantworten verschiedene Fragen.

Das Cochrane-Ergebnis steht auch nicht allein da. Eine grosse Auswertung, die nicht nur die Studienergebnisse, sondern die Einzeldaten von 4241 Teilnehmenden aus Knie- und Hüftstudien zusammengeführt hat, kam ebenfalls auf einen kleinen Gesamteffekt und formulierte ihn als «von fraglicher klinischer Bedeutung, besonders mittel- und langfristig» [4]. Diese Arbeit suchte ausserdem nach Merkmalen, an denen man erkennen könnte, wer besonders profitiert – Alter, Geschlecht, Schwere, Ausgangsschmerz. Sie fand keine. Das ist ein wichtiges Ergebnis: Es gibt bis heute keinen zuverlässigen Weg, im Voraus zu sagen, bei wem Training gut anschlägt.

6.2 Warum «klein» nicht «wirkungslos» heisst

Man kann diese Zahlen auf zwei Arten lesen. Die erste: «Dann kann ich es ja gleich lassen.» Die zweite ist die richtige, und sie braucht fünf Überlegungen.

Erstens: Ein Durchschnitt ist kein Mensch. Wenn eine Studie im Mittel sieben Punkte findet, heisst das nicht, dass alle sieben Punkte gewonnen haben. Es heisst meistens: Ein Teil der Menschen hat deutlich profitiert, ein Teil gar nicht, und dazwischen liegt alles. Weil sich bisher niemand vorhersagen lässt, in welche Gruppe man gehört [4], bleibt nur der Versuch – mit einer Frist und einer ehrlichen Zwischenbilanz. Genau dafür sind die Messwerte aus Abschnitt 3.2 da.

Zweitens: Schmerz ist nicht die einzige Zielgrösse. Die Cochrane-Übersicht hat Schmerz, Funktion und Lebensqualität ausgewertet – die Dinge, die man mit Fragebogen misst. Sie hat nicht ausgewertet, ob jemand kräftiger wird, ob er sicherer auf den Beinen steht, ob er länger im eigenen Haushalt bleibt oder ob eine Operation nötig wird. Für die Muskelkraft und die Muskelmasse liegen eigene Untersuchungen vor, und die zeigen sehr wohl Veränderungen [1]. Und für die Frage nach der Operation gibt es einen eigenen Abschnitt weiter unten (Abschnitt 17).

Drittens: In den Studien wird oft zu wenig trainiert. Das ist keine Ausrede, sondern gemessen. Eine Metaanalyse von zwölf Studien mit 1202 Teilnehmenden hat die Studien danach getrennt, ob nachweislich regelmässig teilgenommen wurde. Wo das der Fall war, war die Wirkung auf den Schmerz fast doppelt so gross wie im Gesamtdurchschnitt [9]. Mehr dazu im nächsten Abschnitt.

Viertens: Der Vergleich ist streng. «Keine Behandlung» heisst in diesen Studien selten, dass die Vergleichsgruppe nichts tut. Sie bekommt Aufklärung, oft Schmerzmittel, manchmal ein Merkblatt mit Übungen. Ein Unterschied von sieben Punkten obendrauf ist etwas anderes als sieben Punkte gegenüber Nichtstun.

Fünftens – und das ist das eigentliche Argument: Die Bilanz aus Nutzen und Schaden. Training bei Hüftarthrose ist billig, überall verfügbar, hat einen belegten Nutzen für Herz, Kreislauf, Knochen, Stimmung und Sturzrisiko – und schadet praktisch nie. In der Cochrane-Übersicht war die Zahl der Studienabbrüche in den Trainingsgruppen nicht erhöht; als Zugabe zu einer anderen Behandlung war die Rate unerwünschter Ereignisse sogar leicht niedriger als ohne Training [2]. Eine Übersicht über 14 Studien mit über tausend Teilnehmenden kam ebenfalls zum Schluss, dass unerwünschte Ereignisse selten sind und das Verletzungsrisiko minimal [1].

Die Autorinnen und Autoren der Cochrane-Übersicht haben ihre eigene Schlussfolgerung öffentlich so zusammengefasst: Man solle gegenüber den Betroffenen ehrlich sein, dass der durchschnittliche Nutzen bescheiden sei – und gleichzeitig wisse man, dass es Menschen schlechter gehe, wenn sie sich gar nicht mehr bewegen. Diesem Satz ist wenig hinzuzufügen.

6.3 Was Training nicht kann

Damit die Erwartungen stimmen, drei klare Sätze.

Training baut keinen Knorpel auf. Es gibt keine Untersuchung, die zeigt, dass sich ein verschmälerter Gelenkspalt durch Übungen wieder öffnet. Wer das verspricht – ob mit Übungen, Geräten oder Nahrungsergänzung –, überschreitet die Belege.

Training macht die Hüfte nicht wieder neu beweglich. Ein Teil der verlorenen Beweglichkeit kommt zurück, wenn Muskeln und Kapsel geschmeidiger werden. Der Teil, der durch Knochenanbauten blockiert ist, kommt nicht zurück.

Training ersetzt die Operation nicht, wenn deren Zeit gekommen ist. Es kann sie hinausschieben (Abschnitt 17), und es verbessert die Ausgangslage. Aber es gibt einen Punkt, an dem ein künstliches Gelenk die bessere Antwort ist, und diesen Punkt zu erkennen gehört zur ehrlichen Beratung dazu.

7. Die Dosis: wie viel, wie oft, wie lange

Wenn die durchschnittliche Wirkung klein ist, lohnt sich die Frage, ob nicht ein Teil davon an der Dosis liegt. Es gibt eine Untersuchung, die genau das geprüft hat.

Eine norwegische Arbeitsgruppe wertete zwölf Studien mit 1202 Teilnehmenden aus (Durchschnittsalter 66 Jahre, knapp zwei Drittel Frauen) und teilte sie in zwei Gruppen: Studien, in denen die Teilnahme nachweislich hoch war, und Studien, in denen sie unklar blieb [9]. Über alle Studien hinweg war die Wirkung auf den Schmerz klein. In den Studien mit hoher Teilnahme war sie mittelgross – fast das Doppelte. Dasselbe Muster zeigte sich bei der körperlichen Funktion.

Das ist ein Zusammenhang, kein Beweis: Menschen, die regelmässig kommen, sind vielleicht ohnehin die, denen es besser geht. Aber die Richtung ist eindeutig, und sie deckt sich mit allem, was man aus dem Krafttraining weiss.

Was die Leitlinie als Dosis nennt [1]: ein individuell zusammengestelltes Programm, ein- bis fünfmal pro Woche, jeweils 30 bis 120 Minuten, über 5 bis 16 Wochen. Das ist eine sehr breite Spanne, und sie spiegelt schlicht die Bandbreite der Studien wider – eine feinere Dosisempfehlung gibt die Datenlage nicht her.

Praktisch übersetzt heisst das:

  • Zweimal pro Woche etwas, das anstrengt, ist die brauchbare Untergrenze. Einmal alle zwei Wochen ein Übungsblatt durchgehen ist keine Behandlung.
  • Unter sechs Wochen erwarten Sie nichts. Die meisten Studien messen nach acht bis zwölf Wochen. Wer nach zwei Wochen aufgibt, hat nicht «gemerkt, dass es nicht wirkt» – er hat die Behandlung nicht gemacht.
  • Nach den 5 bis 16 Wochen hört es nicht auf. Der Effekt hält nicht von selbst. Was danach kommt – Gruppe, Verein, Fitnesscenter, ein festes Heimprogramm –, entscheidet, ob der Gewinn bleibt.
  • Angeleitet ist besser als allein. Eine dänische Studie verglich über zwölf Monate drei Gruppen: angeleitetes Krafttraining, angeleitetes Nordic Walking und ein unbeaufsichtigtes Heimprogramm. Das unbeaufsichtigte Heimprogramm schnitt in beiden Vergleichen am schlechtesten ab [10].

Und zum Schmerz während des Trainings: Eine Zunahme, die während der Übung auftritt, danach rasch abklingt und am nächsten Morgen nicht schlimmer ist, ist unbedenklich – und die Regel, nicht die Ausnahme. Eine Zunahme, die über Stunden anhält, das Gehen am Folgetag deutlich verschlechtert oder nachts weckt, ist ein Signal, die Dosis zu senken, nicht aufzuhören.

8. Welche Art von Training – und warum das weniger wichtig ist, als man denkt

Dies ist der Abschnitt, in dem die meisten Menschen die eine richtige Übung erwarten. Es gibt sie nicht. Was es gibt, sind mehrere Wege mit jeweils eigenen Belegen – und mehrere Direktvergleiche, die zeigen, dass der Unterschied zwischen ihnen kleiner ist als der Unterschied zwischen «machen» und «nicht machen».

8.1 Kraft

Krafttraining ist der am besten begründete Baustein, allerdings weniger wegen des Schmerzes als wegen dessen, was daran hängt. Die Muskeln um eine arthrotische Hüfte werden messbar schwächer, besonders die Abspreizer an der Aussenseite [1] – und genau diese halten beim Gehen das Becken waagrecht. Wird das schwächer, kippt das Becken bei jedem Schritt zur Gegenseite, der Oberkörper gleicht seitlich aus, und das Gangbild wird das, was Fachleute «Watschelgang» nennen.

Was Krafttraining nachweislich verändert:

  • Kraft und Muskelmasse. In einer Studie mit progressivem Krafttraining nahm der Muskelquerschnitt am Oberschenkel gegenüber Nordic Walking und gegenüber einem unbeaufsichtigten Heimprogramm zu [1]. In einer weiteren, kleinen Studie führte ein gezieltes Gesässmuskel-Programm über zwölf Wochen zu einer messbaren Zunahme eines der tiefen Hüftmuskeln – gegenüber einem Scheinprogramm [1].
  • Funktion im Alltag. Aufstehen, Treppe, längere Gehstrecken.

Wie es aussieht: zwei- bis dreimal pro Woche, wenige Übungen, aber ernsthaft belastet – so, dass die letzten zwei Wiederholungen wirklich anstrengend sind. Die Kernübungen sind Beinpresse oder Kniebeuge in einem für Sie schmerzarmen Bereich, Abspreizen gegen Widerstand, Hüftstreckung, und – oft vergessen – die Wadenmuskulatur. Ob langsam oder schnell bewegt wird, macht laut einer Vergleichsstudie über acht Wochen keinen Unterschied für Gehen, Kraft, Funktion und Schmerz [1]. Nehmen Sie also die Variante, die sich besser anfühlt.

Grundsätzliches zu Sätzen, Wiederholungen und Steigerung steht im Ratgeber zum Krafttraining – es gilt für die Hüfte genauso.

8.2 Ausdauer – und ein aufschlussreicher Direktvergleich

Ausdauertraining ist gut für Herz, Kreislauf, Gewicht und Stimmung. Die interessantere Frage ist aber: Bringt es zusätzlich etwas, wenn man es zum Krafttraining dazunimmt? Diese Frage wurde direkt geprüft.

Die australische PHOENIX-Studie teilte 196 Menschen mit Hüftarthrose per Los in zwei Gruppen: Beide bekamen über drei Monate ein Heimprogramm und neun Termine bei einer Physiotherapeutin. Die eine Gruppe machte nur Krafttraining, die andere zusätzlich moderates Ausdauertraining [11].

Das Ergebnis: kein Unterschied. Weder beim Schmerz (Unterschied 0,3 Punkte auf einer Skala von 10) noch bei der Funktion. Beide Gruppen verbesserten sich – beim Schmerz im Mittel um gut zwei Punkte von zehn, was durchaus etwas ist –, aber die Zugabe brachte nichts obendrauf. Unerwünschte Ereignisse gab es in beiden Gruppen, keines davon schwerwiegend [11].

Was Sie daraus mitnehmen: Machen Sie Ausdauertraining, weil es Ihnen guttut und weil Ihr Herz-Kreislauf-System davon profitiert. Aber erwarten Sie nicht, dass es die Hüfte zusätzlich beruhigt. Und wenn Ihre Zeit begrenzt ist und Sie sich entscheiden müssen: Der Kraftteil ist derjenige mit dem klareren Bezug zur Hüfte.

8.3 Wasser

Im Wasser trägt der Auftrieb einen grossen Teil des Körpergewichts. Bei brusthohem Wasser lastet auf den Beinen nur noch etwa ein Viertel bis ein Drittel dessen, was an Land wirkt. Das macht Bewegungen möglich, die an Land schmerzen – und es nimmt vielen die Angst vor der Belastung.

Die Belege dafür sind ordentlich: Eine Zusammenfassung von neun Untersuchungen mit 303 Teilnehmenden (Durchschnittsalter 68 Jahre, Beschwerden seit im Mittel über zehn Jahren) fand nach 3 bis 12 Wochen Verbesserungen bei Beweglichkeit, Kraft, Gleichgewicht, Gehen, Funktion und Schmerz – bei kleinen bis mittleren Effektgrössen. Die selbst eingeschätzte Lebensqualität änderte sich nicht [1]. Die Leitlinie nennt Wassertherapie deshalb ausdrücklich als mögliche Form des empfohlenen Trainings [1].

Wann Wasser besonders sinnvoll ist: in einer sehr schmerzhaften Phase, bei starkem Übergewicht, bei Angst vor Belastung, nach einer längeren Pause – und als Einstieg, um überhaupt wieder in Bewegung zu kommen. Was Wasser nicht ersetzt: das Krafttraining an Land. Der Auftrieb, der die Belastung angenehm macht, nimmt auch den Trainingsreiz für Knochen und Muskeln weg. Wasser ist ein guter Anfang und eine gute Ergänzung, aber selten der ganze Plan.

8.4 Velofahren – und eine Studie, die aufhorchen lässt

Velofahren ist für arthrotische Hüften fast ideal: Der Bewegungsumfang ist gross genug, um die Hüfte geschmeidig zu halten, aber klein genug, um den schmerzhaften Endbereich zu meiden. Das Körpergewicht liegt auf dem Sattel, nicht auf dem Gelenk. Und die Belastung lässt sich in feinen Stufen dosieren.

Wie gut das funktioniert, hat 2025 eine britische Studie gezeigt. 221 Menschen, die vom Spital zur Physiotherapie überwiesen worden waren, wurden per Los zwei Gruppen zugeteilt: Die einen erhielten die gewohnte Einzelphysiotherapie, die anderen ein achtwöchiges Gruppenprogramm aus Aufklärung und Standvelofahren in einem Sportzentrum [12].

Nach zehn Wochen war die Velogruppe im Alltagsfunktions-Fragebogen deutlicher besser geworden: von 60,8 auf 73,5 Punkte, gegenüber 59,3 auf 65,4 Punkte in der Physiotherapiegruppe. Der Unterschied betrug 6,9 Punkte zugunsten der Velogruppe [12]. Auch hier die ehrliche Einschränkung, die die Autorinnen und Autoren selbst machen: Als spürbar galten in dieser Studie 7,4 Punkte – der Unterschied verfehlte diese Schwelle knapp. Dafür war das Gruppenprogramm ausgesprochen günstig, und schwerwiegende unerwünschte Ereignisse traten keine auf.

Zwei Dinge sind daran bemerkenswert. Erstens: Ein Gruppenprogramm im Sportzentrum hat die gewohnte Einzelphysiotherapie geschlagen – nicht umgekehrt. Zweitens: Der Ort, an dem trainiert wird, ist offenbar nicht nebensächlich. Wer nach acht Wochen weiterhin ins Sportzentrum kann, hört seltener auf.

8.5 Gehen und Nordic Walking

Hier ist eine Korrektur nötig, die zeigt, wie sorgfältig man bei Leitlinien hinschauen muss. Die dänische Studie, die drei Trainingsformen über zwölf Monate verglich, kommt in ihrem eigenen Titel zum Schluss: Nordic Walking war dem Krafttraining und dem unbeaufsichtigten Heimprogramm bei der Funktion überlegen [10]. Die amerikanische Leitlinie referiert dieselbe Studie mit umgekehrter Rangfolge [1]. Wir folgen hier der Originalarbeit.

Für die Praxis ist die Rangfolge ohnehin weniger wichtig als das, was beide Fassungen gemeinsam haben: Angeleitetes Training – egal welcher Art – war dem unbeaufsichtigten Heimprogramm überlegen. Das ist die belastbare Aussage dieser Studie.

Zum Gehen selbst: Ein Spaziergang ist gesund, aber als alleinige Behandlung einer Hüftarthrose zu wenig – er belastet die Muskulatur nicht genug, um sie stärker zu machen. Nordic Walking ist etwas anderes: Die Stöcke bringen den Oberkörper hinein, verlängern den Schritt und erhöhen die Belastung, ohne den Aufprall zu vergrössern. Für eine schmerzhafte Hüfte ist das eine gute Kombination. Und die Stöcke haben denselben Effekt wie ein Gehstock, nur beidseitig – dazu gleich mehr.

9. Der Alltag: die Last verteilen

Zwischen zwei Physiotherapieterminen liegen 167 Stunden Alltag. Was in diesen Stunden geschieht, wiegt mehr als das, was in der einen Stunde geschieht. Die Leitlinie fasst diesen Teil unter «Aufklärung über Aktivitätsanpassung und Möglichkeiten, das arthrotische Gelenk zu entlasten» zusammen und empfiehlt ihn ausdrücklich [1].

9.1 Der Stock – die wirksamste Sofortmassnahme

Ein Gehstock ist bei Hüftarthrose kein Zeichen von Aufgabe. Er ist das Einzige, was die Belastung des Gelenks sofort und deutlich senkt.

Der Grund ist ein Hebel. Beim Stand auf einem Bein müssen die Muskeln an der Aussenseite der Hüfte verhindern, dass das Becken zur Gegenseite kippt. Weil ihr Hebel kurz und der des Körpergewichts lang ist, müssen sie sehr kräftig ziehen – und dieser Zug presst den Kopf in die Pfanne. Ein Stock auf der Gegenseite greift am längeren Hebel an. Schon ein Bruchteil des Körpergewichts auf dem Stock nimmt den Muskeln einen erheblichen Teil ihrer Arbeit ab – und damit dem Gelenk einen erheblichen Teil seiner Last.

Deshalb gilt: Stock in die Hand der gesunden Seite. Tut die rechte Hüfte weh, hält die linke Hand den Stock, und er geht gleichzeitig mit dem rechten Bein nach vorne. Die meisten Menschen machen es zuerst falsch herum, weil sich das intuitiver anfühlt.

Die Höhe: Bei hängendem Arm soll der Griff etwa auf Höhe des Handgelenks liegen. Und ein Satz, den viele hören müssen: Ein Stock auf einer Wanderung oder auf dem Weg zum Einkaufen ist kein Dauerzustand – er ist ein Werkzeug, das Sie einsetzen, wenn die Strecke sonst zu weit wäre.

9.2 Zwölf Kleinigkeiten, die zusammen viel ausmachen

  • Lasten teilen. Zwei halbvolle Taschen sind besser als eine volle – und ein Rucksack besser als beides.
  • Tragen auf der richtigen Seite. Wenn Sie einseitig tragen müssen, nehmen Sie die Last in die Hand der kranken Seite. Das klingt falsch, verkleinert aber das Kippmoment und entlastet die Hüfte.
  • Sitzhöhe. Je tiefer der Stuhl, desto grösser die Kraft, die zum Aufstehen nötig ist, und desto stärker die Beugung. Ein Kissen auf dem Sofa und ein höherer Bürostuhl ändern spürbar etwas.
  • Nicht mehr als eine Stunde am Stück sitzen. Der Anlaufschmerz nach langem Sitzen ist kein Zeichen von Schaden, aber er lässt sich mit kurzen Unterbrechungen fast ganz vermeiden.
  • Autoeinstieg im Sitzen. Zuerst mit dem Gesäss auf den Sitz setzen, dann beide Beine gemeinsam hineindrehen – statt ein Bein voran ins Auto zu steigen.
  • Socken und Schuhe. Ein langer Schuhlöffel und eine Strumpfanziehhilfe kosten wenig und lösen ein tägliches Ärgernis. Schuhe mit Klettverschluss oder elastischen Schnürsenkeln ebenso.
  • Schuhwerk. Gedämpfte Sohlen und ein sicherer Halt sind wichtiger als jede Einlage. Einlagen sind bei Hüftarthrose nicht belegt.
  • Treppen. Hinauf mit dem gesunden Bein zuerst, hinunter mit dem kranken zuerst. Merkhilfe: «Der Gute kommt in den Himmel, der Schlechte in die Hölle.»
  • Die Strecke aufteilen. Drei kurze Wege am Tag sind besser verträglich als ein langer – bei gleicher Gesamtstrecke.
  • Bett und Schlaf. Ein Kissen zwischen den Knien in Seitenlage entlastet und nimmt den Zug an der Aussenseite.
  • Wärme vor Bewegung. Eine warme Dusche oder ein Kirschkernkissen vor dem Aufstehen macht die ersten Schritte erträglicher. Das behandelt nichts, aber es hilft im Moment – und Sie bewegen sich mehr.
  • Nicht schonen, sondern dosieren. Der Unterschied ist entscheidend. Schonung heisst: Ich lasse weg, was weh tut. Dosierung heisst: Ich mache es, aber in einer Menge, die ich vertrage – und steigere sie.

10. Gewicht – ehrlicher, als es oft dargestellt wird

Übergewicht ist ein anerkannter Risikofaktor für die Entstehung einer Hüftarthrose [1]. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass Abnehmen die bestehende Hüftarthrose bessert – und hier ist die Lage tatsächlich schwächer, als man erwarten würde.

Zwei Dinge, die man auseinanderhalten muss:

Beim Knie ist der Nutzen gut belegt. Es gibt grosse Studien, in denen Gewichtsabnahme in Verbindung mit Bewegung Schmerz und Funktion deutlich verbesserte. Die internationale Fachgesellschaft OARSI zählt beim Knie die Gewichtskontrolle deshalb zu den Kernbehandlungen. Bei der Hüfte tut sie das nicht – dort bestehen die Kernbehandlungen aus Aufklärung und strukturiertem Training an Land [20]. Das ist kein Versehen, sondern spiegelt die dünnere Datenlage.

Die amerikanische Leitlinie empfiehlt trotzdem Unterstützung beim Abnehmen für Menschen mit Hüftarthrose und Übergewicht – allerdings gestützt auf eine Übersicht über andere Leitlinien, nicht auf eigene Behandlungsstudien, und in Zusammenarbeit mit Ärztin, Ernährungsberatung oder Diätfachperson. Genannt wird eine Grössenordnung von 5 bis 7,5 Prozent des Körpergewichts [1].

Wie man das zusammenbringt, ohne unehrlich zu werden: Abnehmen ist für Herz, Kreislauf, Zucker, Rücken und Knie belegt sinnvoll. Für die Hüfte selbst ist der Beleg schwach. Was daraus folgt, ist vor allem, was nicht daraus folgt: Niemand sollte hören, er müsse erst abnehmen, bevor Training oder eine Operation infrage kommen. Und niemand sollte den Eindruck bekommen, sein Hüftschmerz sei ein Gewichtsproblem – es gibt sehr schlanke Menschen mit schwerer Hüftarthrose.

11. Was Wissen bewirkt – und warum Gruppen funktionieren

Aufklärung klingt nach dem Teil, den man überspringen kann. Bei Arthrose ist sie in allen Leitlinien eine Kernbehandlung [20][1] – und zwar nicht aus Höflichkeit.

Der Grund ist einfach: Was Sie über Ihre Hüfte glauben, bestimmt, was Sie mit ihr machen. Wer glaubt, das Gelenk sei aufgebraucht und jede Belastung schade, bewegt sich weniger, wird schwächer, hat mehr Schmerzen – und sieht darin die Bestätigung. Wer weiss, dass Belastung dem Gelenk nicht schadet, dass Schmerz nicht gleich Schaden ist und dass ein schlechtes Röntgenbild wenig über die Zukunft aussagt, trifft andere Entscheidungen.

Das dänische GLA:D-Programm hat genau diese Kombination in die Fläche gebracht: eine standardisierte Schulung plus überwachtes neuromuskuläres Training, durchgeführt von eigens ausgebildeten Physiotherapeutinnen und -therapeuten, mit einem nationalen Register, das die Ergebnisse erfasst [13]. In diesem Register verbesserten sich Schmerz, Funktion und Aktivität nach drei und zwölf Monaten; der Schmerzmittelverbrauch ging zurück. Das Programm gibt es seit 2019 auch in der Schweiz, es umfasst zwei Schulungseinheiten und zwölf Trainingseinheiten in der Gruppe und wird bei ärztlicher Verordnung von der Krankenkasse übernommen.

Eine Einschränkung, die dazugehört: Registerdaten sind keine randomisierten Studien. Ohne Vergleichsgruppe lässt sich nicht sagen, wie viel der Verbesserung dem Programm zuzuschreiben ist und wie viel dem natürlichen Verlauf oder der Erwartung. Was Registerdaten dagegen gut zeigen, ist, dass so ein Programm im echten Leben durchführbar ist – und wer daran teilnimmt.

Zum Umgang mit dem Schmerz gibt es eine gut gemachte australische Studie: 144 Menschen mit Hüftarthrose bekamen entweder Aufklärung plus Übungsprogramm oder zusätzlich ein automatisiertes Internetprogramm zum Umgang mit Schmerz [1]. Nach acht Wochen war die Gruppe mit dem Zusatzprogramm bei Schmerz und Funktion besser. Nach 24 und 52 Wochen war der Unterschied verschwunden – die Fähigkeiten im Umgang mit dem Schmerz blieben, der Vorsprung nicht. Ehrlich gelesen heisst das: Solche Programme können am Anfang etwas bringen, ersetzen aber das Training nicht.

12. Manuelle Therapie: der offene Widerspruch

Unter manueller Therapie versteht man das, was viele Menschen als «die Hüfte behandeln» kennen: geführte, passive Bewegungen am Gelenk, Zug entlang der Beinachse, Techniken am Weichteilgewebe, Massage. In unserer Praxis gehört das zum Handwerk. Umso wichtiger ist es, ehrlich zu sagen, wie die Belege dazu aussehen – und sie widersprechen sich.

Die eine Seite. Die amerikanische Leitlinie vergibt für manuelle Therapie die höchste Empfehlungsstufe: Sie soll eingesetzt werden, um Beweglichkeit zu erhöhen, Schmerz zu senken und die Funktion zu verbessern, bei leichter bis mittlerer Hüftarthrose [1]. Gestützt ist das auf fünf neuere Untersuchungen, darunter Studien zum Zug entlang der Beinachse. Interessantes Detail daraus: Stärkerer Zug wirkte besser auf die Beweglichkeit, schwächerer Zug besser auf den Schmerz [1]. Die üblichen Dosierungen liegen bei ein- bis dreimal pro Woche über 6 bis 12 Wochen.

Die andere Seite. Die grösste und methodisch sauberste Einzelstudie zu diesem Thema stammt aus Melbourne. 102 Menschen mit Hüftarthrose erhielten per Los entweder ein umfassendes physiotherapeutisches Programm – manuelle Therapie, Übungen, Beratung, Gehhilfen, Heimprogramm – oder eine Scheinbehandlung: eine wirkungslose Ultraschallanwendung und ein wirkstofffreies Gel, aufgetragen von derselben Therapeutin, mit derselben Zeit und derselben Aufmerksamkeit [15].

Nach 13 und nach 36 Wochen fand sich kein Unterschied bei Schmerz oder Funktion. Beide Gruppen wurden besser. Und die aktive Gruppe berichtete häufiger über unerwünschte Wirkungen – meist milde und vorübergehende Schmerzzunahmen [15].

Und eine dritte Studie aus Neuseeland verglich bei 206 Menschen mit Hüft- oder Kniearthrose vier Möglichkeiten: manuelle Therapie, Bewegungstherapie, beides zusammen, oder nichts von beidem [16]. Sowohl manuelle Therapie als auch Bewegungstherapie waren einzeln besser als die übliche Betreuung. Aber – und das ist das eigentlich Verblüffende – die Kombination war nicht besser als jede einzelne für sich. Zwei wirksame Behandlungen addieren sich hier nicht.

Wie wir damit umgehen. Manuelle Techniken können in einer schmerzhaften Phase ein Fenster öffnen, in dem Bewegung wieder möglich wird. Sie sind ein Mittel, nicht das Ziel. Was sie nicht sind: ein Ersatz für das, was Sie selbst tun. Wenn eine Behandlung über Monate im Wesentlichen aus passiven Anwendungen besteht und Ihre Kraftwerte sich nicht verändern, dann läuft etwas falsch – unabhängig davon, wie gut sich die Behandlung anfühlt. Die Leitlinie selbst sagt das übrigens auch: Sobald sich die Beweglichkeit bessert, gehören Übungen dazu, um den Gewinn zu halten [1].

13. Dry Needling: wenn ein «A» wenig heisst

Beim Dry Needling – auf Deutsch «Trockennadelung» – wird eine dünne Akupunkturnadel ohne Medikament in einen verspannten Punkt im Muskel gestochen. Die amerikanische Leitlinie hat dafür 2025 neu eine Empfehlung der höchsten Stufe aufgenommen: bei Hüftarthrose der Grade II und III, angewandt an fünf bestimmten Hüftmuskeln, für kurzfristige Verbesserungen von Dehnbarkeit, Schmerz, Beweglichkeit, Funktion und Kraft [1].

Dieser Abschnitt steht hier, weil er zeigt, wie man eine Empfehlung lesen muss.

Schaut man nach, worauf das «A» beruht, findet man vier Studien und eine Nebenauswertung [1]. Alle stammen aus derselben spanischen Forschungsgruppe. Die Gruppengrössen liegen zwischen 15 und 19 Personen. Die Behandlung dauerte jeweils drei Wochen, und länger als drei Wochen wurde nicht nachgemessen. Die Leitlinie schreibt in ihrem eigenen Abschnitt «Wissenslücken», dass die Langzeitwirkung unbekannt ist und dass unklar bleibt, ob Dry Needling in Verbindung mit Übungen überhaupt etwas beiträgt [1].

Noch deutlicher wird es, wenn man dieselbe Forschungsgruppe fragt. Sie hat 2022 selbst eine Metaanalyse zu Dry Needling bei Hüft- und Kniearthrose veröffentlicht: sieben Studien, 291 Teilnehmende. Ergebnis: kurzfristig Verbesserungen bei Schmerz und Funktion, mittel- und langfristig kein Unterschied – und wegen Verzerrungsrisiko, Uneinheitlichkeit und Ungenauigkeit stufen die Autorinnen und Autoren die Sicherheit der Belege selbst als «sehr niedrig» ein [17].

Die grösste dieser Einzelstudien – 45 Personen in drei Gruppen, drei Behandlungen – zeigt das Muster: deutliche Verbesserungen bei Schmerz, Kraft und Funktion gegenüber Scheinbehandlung und Nichtstun, mit grossen Effektstärken, aber eben über drei Wochen [18].

Unser Umgang damit: Wenn Sie schmerzhafte Muskelverspannungen um die Hüfte haben, kann Dry Needling kurzfristig etwas lösen, und es ist in den Studien ohne unerwünschte Ereignisse geblieben. Aber es ist eine Türöffnermassnahme, keine Behandlung der Arthrose, und der Buchstabe «A» in der Leitlinie sagt hier mehr über die Regeln der Leitlinienerstellung aus als über die Stärke der Belege. Wer Ihnen eine Serie von zwölf Nadelbehandlungen als «die evidenzbasierte Therapie» verkauft, hat die Studien nicht gelesen.

14. Was wenig bringt

Vollständigkeit gehört zur Ehrlichkeit. Diese Dinge werden angeboten, und dies ist die Studienlage dazu:

  • Therapeutischer Ultraschall. Die Leitlinie von 2017 hatte ihn noch mit mittlerer Stärke empfohlen. Eine neue, gute Studie verglich vier Varianten – Dauerschall, gepulster Schall, Schall mit Reizstrom und Scheinschall – bei mittelschwerer Hüftarthrose. Nach zwei und nach vierzehn Wochen war zwischen keiner der Gruppen ein Unterschied zu finden. Die Empfehlung wurde deshalb 2025 auf «widersprüchliche Belege» zurückgestuft: Man kann ihn im Rahmen einer gemeinsamen Entscheidung einsetzen, muss die Betroffenen aber über die widersprüchliche Lage und die Kosten aufklären [1].
  • Bandagen und Orthesen. Es gibt seit 2017 keine einzige neue Studie dazu. Die Leitlinie bleibt bei ihrer Expertenmeinung: nicht als erste Wahl; allenfalls dann, wenn Training und manuelle Therapie nicht geholfen haben und es um Tätigkeiten mit Drehbewegungen geht [1].
  • Nahrungsergänzung. Für Glucosamin, Chondroitin, Hyaluronsäure und Ähnliches gibt es bei Hüftarthrose keine ausreichenden Belege [1]. Das heisst nicht, dass sie schaden – es heisst, dass Sie das Geld anders einsetzen können.
  • Bäder mit Schwefel und ähnliche Kuranwendungen. Eine kleinere Studie fand nach zwölf Wochen Vorteile für Schwefelbäder plus Übungen gegenüber Übungen allein. Die Leitlinie hält das für interessant, aber für zu dünn, um es zu empfehlen [1].
  • Passive Dauerbehandlungen ohne Eigenanteil. Massagen, Wärme, Strom, Ultraschall – alles kann in einer Phase angenehm sein. Wenn eine Behandlungsserie aber nach zwölf Wochen keine messbare Veränderung bei Kraft, Gehstrecke oder Aufstehtest hinterlässt, war sie keine Behandlung der Arthrose, sondern eine angenehme Stunde.

15. Medikamente und Spritzen – was wir nicht verordnen, aber einordnen können

Medikamente sind Sache der Ärztin oder des Arztes. Drei Punkte gehören trotzdem hierher, weil sie Ihre Entscheidungen betreffen.

Entzündungshemmende Schmerzmittel (Fachwort: NSAR – zum Beispiel Ibuprofen oder Diclofenac) wirken bei Arthroseschmerz. Die Leitlinie weist auf die bekannten Nebenwirkungen im Magen-Darm-Bereich hin und erwähnt, dass ältere Hinweise auf eine mögliche Beschleunigung des Knorpelabbaus nicht schlüssig sind [1]. Praktisch sinnvoll ist die Frage: Wofür nehme ich es? Ein Schmerzmittel, das Ihnen ermöglicht, das Training zu machen und zu gehen, arbeitet für Sie. Ein Schmerzmittel, das Ihnen ermöglicht, weiterzumachen wie bisher, arbeitet gegen Sie.

Kortisonspritzen ins Hüftgelenk verdienen einen genaueren Blick. Sie können kurzfristig deutlich helfen. Eine Nachuntersuchung aus Boston hat aber Aufmerksamkeit erregt: Bei Menschen, die eine Spritze ins Hüft- oder Kniegelenk erhalten hatten, kam es häufiger zu einer raschen Verschlechterung des Gelenks als bei Vergleichspersonen ohne Spritze – bei einem Teil bis hin zum Einbrechen der Gelenkfläche [19]. Diese Untersuchung war keine randomisierte Studie, und es ist möglich, dass gerade die schlechteren Hüften eine Spritze bekamen. Aber sie hat dazu geführt, dass Spritzen ins Hüftgelenk heute zurückhaltender gesetzt und Betroffene darüber aufgeklärt werden. Wenn Ihnen eine Spritze angeboten wird, ist die Frage «wie oft, in welchem Abstand und was passiert danach?» angebracht.

Und das Wichtigste: Weder Tabletten noch Spritzen machen die Muskulatur stärker. Sie schaffen bestenfalls ein Zeitfenster. Was Sie in diesem Fenster tun, entscheidet, ob es sich gelohnt hat.

16. Sport, Wandern, Laufen

Die häufigste Frage nach der Diagnose lautet: «Darf ich noch?» Die Antwort lautet in fast allen Fällen: ja – mit Anpassungen.

Zum Laufen gibt es eine Zusammenfassung von 25 Untersuchungen mit über 125 000 Menschen [21]. Die Häufigkeit von Hüft- und Kniearthrose lag bei Freizeitläuferinnen und -läufern bei 3,5 Prozent, bei Menschen ohne Laufsport bei 10,2 Prozent und bei Wettkampfläufern auf hohem Niveau bei 13,3 Prozent. Das ist kein Beweis, dass Laufen schützt – wer Schmerzen hat, hört auf zu laufen, und das verzerrt solche Vergleiche. Aber es widerlegt das verbreitete Bild, Freizeitlaufen «nutze die Gelenke ab». Was die Zahlen nahelegen: Sowohl gar keine Belastung als auch sehr viel Belastung über sehr viele Jahre gehen mit mehr Arthrose einher.

Für die Praxis bei bestehender Hüftarthrose:

  • Gut verträglich sind in der Regel: Velofahren, Schwimmen (Kraulbeinschlag ist meist angenehmer als Brustbeinschlag), Wandern mit Stöcken, Nordic Walking, Langlauf in der klassischen Technik, Krafttraining, Wassergymnastik, Tanzen in Massen.
  • Oft heikel sind: Sportarten mit abruptem Drehen und Abstoppen auf einem Bein – Tennis, Squash, Fussball –, tiefe Positionen mit gleichzeitigem Drehen, und lange Bergabpassagen.
  • Die Regel für alles Übrige: Machen Sie es. Beobachten Sie, wie die Hüfte am nächsten Morgen ist. Ist sie gleich, war die Dosis richtig. Ist sie deutlich schlechter und braucht mehr als 24 Stunden, war sie zu hoch – dann kürzen Sie die Dauer, nicht die Sportart.

Und für Bergwanderungen im Wallis: Der Abstieg ist die Belastung, nicht der Aufstieg. Stöcke, kürzere Schritte und – wo möglich – die Bahn hinunter sind keine Schwäche, sondern gute Planung.

17. Lässt sich die Operation hinauszögern?

Das ist für viele die wichtigste Frage überhaupt, und es gibt genau eine Studie, die sie über Jahre verfolgt hat.

In Norwegen wurden 109 Menschen mit Hüftarthrose per Los zwei Gruppen zugeteilt: Beide erhielten eine Patientenschulung, die eine Gruppe zusätzlich Bewegungstherapie über zwölf Wochen. Danach wurde sechs Jahre lang verfolgt, wer ein künstliches Hüftgelenk bekam [22].

Das Ergebnis:

  • In der Trainingsgruppe wurden 22 von 55 operiert, in der Schulungsgruppe 31 von 54.
  • Nach sechs Jahren hatten 41 Prozent der Trainingsgruppe noch ihr eigenes Gelenk, in der Vergleichsgruppe 25 Prozent.
  • Die mittlere Zeit bis zur Operation betrug 5,4 gegenüber 3,5 Jahren – also fast zwei Jahre Unterschied.

Wie fest darf man sich darauf verlassen? Mit Zurückhaltung. Es ist eine einzelne Studie mit gut hundert Teilnehmenden; die Frage nach der Operation war nicht die ursprüngliche Hauptfrage, sondern eine Nachverfolgung; und wann jemand operiert wird, hängt auch davon ab, wie sehr er sich Beschwerden zumutet und was ihm die Chirurgin sagt. Der Vertrauensbereich des Ergebnisses reicht bis nahe an «kein Unterschied» heran.

Trotzdem ist es das beste, was wir zu dieser Frage haben, und es zeigt in eine klare Richtung. Zusammen mit der Beobachtung, dass die Trainingsgruppe vor der Operation die bessere Hüftfunktion hatte [22], ergibt sich eine vernünftige Haltung: Trainieren, um Zeit zu gewinnen – und um im besseren Zustand in die Operation zu gehen, falls sie kommt. Nicht: trainieren, um die Operation um jeden Preis zu vermeiden.

18. Die Operation – und die Zeit davor und danach

Wenn eine Hüfte trotz allem so weh tut, dass sie den Schlaf, die Wege und die Lebensfreude nimmt, ist ein künstliches Gelenk keine Niederlage. Es ist eine der zuverlässigsten Operationen, die die Medizin kennt.

Wann? Es gibt keinen international vereinbarten Zeitpunkt [1]. Als Anhaltspunkt gilt: Die nicht-operative Behandlung ist ausgeschöpft, wenn sich die Beschwerden trotz sinnvoller Behandlung über Monate nicht ausreichend bessern. Praktisch entscheidend sind meist drei Dinge – Ruhe- und Nachtschmerz, eine deutlich kürzer gewordene Gehstrecke, und der Verlust von Tätigkeiten, die Ihnen wichtig sind. Ein Röntgenbild allein ist kein Grund zu operieren.

Wie lange hält es? Eine Auswertung von Fallserien und nationalen Registern mit über 200 000 künstlichen Hüftgelenken kam zum Schluss: Nach 25 Jahren ist das Gelenk bei rund 58 von 100 Menschen noch an Ort [23]. Die Schweizer Registerzahlen passen dazu: 2,5 Prozent der Prothesen müssen innerhalb von zwei Jahren nachoperiert werden, nach elf Jahren sind es bei Arthrose als Grund 5,1 Prozent [26].

Bringt Training vor der Operation etwas? Hier ist die Antwort differenziert. Eine Zusammenfassung von 22 Studien mit 1601 Menschen fand für die Hüfte: vor der Operation kleine Verbesserungen bei Schmerz und Funktion – nach der Operation dagegen keinen messbaren Vorteil mehr [24]. Anders gesagt: Sie kommen besser vorbereitet in den Eingriff, aber sechs Monate danach sieht man den Unterschied nicht mehr. Das ist trotzdem kein Argument gegen Vorbereitung – wer vorher weiss, wie man an Stöcken geht, wie das Aufstehen funktioniert und welche Übungen kommen, hat es in den ersten Wochen leichter. Es ist nur ein Argument gegen überzogene Versprechen.

Und danach? Die Operation nimmt in aller Regel den Schmerz. Die Kraft nimmt sie nicht mit – die muss man zurückholen. Die Muskeln um die Hüfte sind zum Operationszeitpunkt oft seit Jahren schwächer geworden, und ein neues Gelenk ändert daran zunächst nichts. Genau das ist der Grund, warum die Nachbehandlung mehr ist als eine Verlaufskontrolle. Wer nach sechs Wochen schmerzfrei ist und deshalb aufhört, bleibt mit einer schwachen Hüfte zurück – und mit einem erhöhten Sturzrisiko.

19. Stürze – der übersehene Teil

Über Stürze wird bei Arthrose selten gesprochen, obwohl der Zusammenhang naheliegt: Ein schmerzendes Gelenk, schwächere Muskeln, ein verändertes Gangbild und manchmal Schmerzmittel – das sind vier bekannte Sturzrisiken auf einmal.

Wie häufig es tatsächlich ist, zeigt eine Auswertung aus dem dänischen GLA:D-Register: Rund jede vierte Person, die wegen Knie- oder Hüftarthrose ein strukturiertes Schulungs- und Trainingsprogramm begann, war im Jahr davor gestürzt [14]. Offenlegung: Roger Hilfiker ist Mitautor dieser Arbeit; es handelt sich um einen Kongressbeitrag, nicht um eine Vollpublikation.

Die amerikanische Leitlinie zieht daraus eine praktische Folgerung und empfiehlt, bei Menschen mit Hüftarthrose das Gleichgewicht und das Sturzrisiko zu messen – besonders bei eingeschränkter Funktion oder wenn schon einmal etwas passiert ist [1]. Genannt werden einfache Tests wie der Einbeinstand auf Zeit oder der Vier-Felder-Schritttest.

Für Sie heisst das zweierlei. Erstens: Wenn Sie im letzten Jahr gestürzt sind oder beinahe gestürzt wären, sagen Sie das – auch wenn Sie «wegen der Hüfte» hier sind. Zweitens: Gleichgewichtstraining gehört bei Hüftarthrose ins Programm, nicht nur Kraft. Was dabei wirkt und was nicht, steht im Ratgeber zur Sturzprävention.

20. Wie ein Programm aussieht

20.1 Am Anfang steht eine Bestandsaufnahme

Bevor irgendetwas geübt wird, werden Werte erhoben – und zwar solche, die man in drei Monaten wiederholen kann [1]: Beweglichkeit der Hüfte in alle Richtungen, Kraft im Seitenvergleich, ein Gehtest, ein Aufstehtest, ein Fragebogen zu Schmerz und Alltag, und die Frage nach Stürzen. Ohne diese Ausgangswerte lässt sich später nicht unterscheiden zwischen «es wirkt» und «ich hoffe, es wirkt».

20.2 Die Bausteine

Ein vollständiges Programm besteht meist aus fünf Teilen. Nicht jeder ist für jeden nötig – die Auswahl richtet sich nach der Bestandsaufnahme:

BausteinWofürWie oft
KraftAufstehen, Treppe, Gangbild, Sicherheit2- bis 3-mal pro Woche, wenige Übungen, ernsthaft belastet
BeweglichkeitSocken, Auto, Innendrehung, Anlaufschmerztäglich, wenige Minuten, lange gehalten
AusdauerKondition, Gewicht, Stimmung, Herz-Kreislauf2- bis 3-mal pro Woche, Velo, Wasser, Nordic Walking
GleichgewichtSturzrisiko, Sicherheit auf unebenem Grund2- bis 3-mal pro Woche, kurz, aber fordernd
AlltagsstrategienLast verteilen, Stock, Sitzhöhe, Wege planentäglich im Alltag, besprochen in der Therapie

Das hört sich nach viel an. Es lässt sich zusammenlegen: Nordic Walking deckt Ausdauer, Gleichgewicht und einen Teil der Kraft ab. Ein Wassergymnastikkurs deckt Beweglichkeit, Ausdauer und einen Teil der Kraft ab. Ein Gruppenprogramm wie GLA:D deckt Aufklärung und Training gleichzeitig ab. Und die britische Velostudie [12] zeigt: Ein Gruppenangebot im Sportzentrum ist der Einzeltherapie nicht unterlegen – vermutlich gerade weil man dort auch nach dem Ende der Verordnung noch hingeht.

20.3 So messen Sie selbst, ob es wirkt

Nehmen Sie wenige Werte, die Sie zu Hause wiederholen können – heute, in sechs Wochen, in drei Monaten:

  • Aufstehtest: Wie oft schaffen Sie es in 30 Sekunden, ohne Hände von einem normalen Stuhl aufzustehen und sich wieder zu setzen?
  • Gehstrecke: Wie weit kommen Sie, bevor die Hüfte Sie bremst? Notieren Sie eine bestimmte Strecke, die Sie kennen – bis zum Briefkasten, um den Block, bis zur Bushaltestelle.
  • Socken: Ziehen Sie die Socken im Sitzen an, ohne Hilfsmittel, ohne den Rücken rund zu machen? Ja, mit Mühe, oder nein?
  • Schmerz beim Gehen auf einer Skala von 0 bis 10, gemittelt über die letzte Woche.
  • Nächte: An wie vielen Nächten der letzten Woche hat Sie die Hüfte geweckt?

Wichtig ist die Erwartung an diese Zahlen. Nach den Cochrane-Werten [2] ist eine Verbesserung des Schmerzes um ein bis zwei Punkte von zehn ein realistisches Ergebnis, nicht ein enttäuschendes. Und wenn sich der Schmerz nicht ändert, die Zahl der Aufsteh-Wiederholungen aber von acht auf zwölf steigt, ist das ein Erfolg – Sie haben Reserve gewonnen, auch wenn das Gefühl gleich geblieben ist.

20.4 Das Heimprogramm

Damit ein Heimprogramm funktioniert, braucht es drei Dinge:

  • Kurz und fest verankert. Zehn Minuten, gekoppelt an eine bestehende Gewohnheit – nach dem Frühstück, nach dem Zähneputzen –, werden gemacht. Vierzig Minuten «irgendwann am Tag» nicht.
  • Anstrengend genug. Das ist der Punkt, an dem Heimprogramme scheitern [10]. Wenn zwanzig Wiederholungen mühelos gehen, war es Bewegung, aber kein Training. Ein Theraband, eine gefüllte Wasserflasche oder ein Rucksack lösen das.
  • Aufgeschrieben. Ein Blatt mit wenigen Übungen, gross gedruckt, an sichtbarer Stelle – und ein Kreuz pro erledigtem Tag. Das ist keine Kontrolle, sondern das, was den Unterschied macht. Für die Übungen selbst gibt es auf dieser Seite ein Heimprogramm mit Videos.

21. Acht Missverständnisse

1. «Arthrose heisst, das Gelenk ist abgenutzt – Bewegung nutzt es weiter ab.» Nein. Knorpel lebt von Belastung; er hat keine Blutgefässe und wird über die Gelenkflüssigkeit versorgt, die bei Bewegung verteilt wird. Anhaltende Ruhigstellung schadet dem Gelenk mehr als vernünftige Belastung. Und in den Studien war Training bei Hüftarthrose praktisch nebenwirkungsfrei [2][1].

2. «Mein Röntgenbild ist schlimm, also wird es schlimm werden.» Nein. Bild und Beschwerden hängen erstaunlich schwach zusammen [5], und aus dem Grad im Bild lässt sich weder Ihr Schmerz noch Ihr Verlauf ablesen.

3. «Wenn Physiotherapie hilft, muss ich nach ein paar Sitzungen deutlich weniger Schmerz haben.» Das ist die Erwartung, an der die meisten Behandlungen scheitern. Die durchschnittliche Schmerzänderung ist klein [2], und sie braucht Wochen. Was schneller kommt, sind Beweglichkeit und Sicherheit.

4. «Es tut weh, also mache ich etwas kaputt.» Bei Arthrose ist Schmerz ein schlechter Schadensmelder. Belastungsschmerz, der nach der Übung rasch abklingt und am nächsten Morgen nicht schlimmer ist, richtet keinen Schaden an.

5. «Ich muss die richtige Übung finden.» Es gibt sie nicht. Kraft, Nordic Walking, Wasser und Velo haben alle Belege [10][11][12][1], und der Direktvergleich von Kraft mit und ohne Ausdauer ergab keinen Unterschied [11]. Entscheidend ist, wie oft und wie lange Sie etwas tun [9].

6. «Ein Stock macht abhängig.» Umgekehrt: Er entlastet das Gelenk deutlich und macht Wege wieder möglich, die Sie sonst weglassen würden – und weggelassene Wege machen schwächer.

7. «Ich sollte mit der Operation warten, so lange es irgend geht.» Nicht «so lange es geht», sondern «so lange es sich lohnt». Wer jahrelang mit Nachtschmerz und schwindender Gehstrecke ausharrt, geht mit deutlich schwächerer Muskulatur in den Eingriff – und braucht danach länger.

8. «Nach der Operation ist es vorbei.» Der Schmerz ist meistens weg, die Kraft nicht von selbst zurück. Die Wochen und Monate nach dem Eingriff entscheiden darüber, ob aus einem schmerzfreien Gelenk auch ein belastbares Bein wird.

22. Wann Sie sich melden sollten

Rasch ärztlich abklären lassen – nicht in die Physiotherapie – gehören: Fieber zusammen mit Hüftschmerz, ein Schmerz, der sich über Tage aufbaut und in Ruhe nicht nachlässt, eine Hüfte, die nach einem Sturz nicht mehr belastbar ist, ungewollter Gewichtsverlust, Nachtschweiss, oder eine Morgensteifigkeit, die deutlich länger als eine Stunde dauert.

Ein Termin bei uns ist sinnvoll, wenn:

  • Sie eine Diagnose haben, aber niemand Ihnen gesagt hat, was Sie konkret tun sollen;
  • Sie üben, aber nicht wissen, ob es genug ist – oder ob es das Richtige ist;
  • Ihre Gehstrecke kürzer geworden ist und Sie deswegen Dinge weglassen;
  • Sie im letzten Jahr gestürzt sind oder unsicher gehen;
  • eine Operation im Raum steht und Sie vorbereitet hineingehen möchten;
  • Sie operiert wurden, schmerzfrei sind – und trotzdem merken, dass das Bein nicht so trägt wie früher.

Was Sie in unserer Praxis erwartet: eine Bestandsaufnahme mit Messwerten – Beweglichkeit, Kraft im Seitenvergleich, Gehtest, Aufstehtest, Sturzgeschichte –, daraus ein Programm mit klaren Zielen und einer vereinbarten Frist, an deren Ende wir nachmessen und ehrlich sagen, ob es gewirkt hat. Dazu die Dinge, die im Alltag mehr ausmachen als die Übungsauswahl: der Stock, die Sitzhöhe, die Einteilung der Wege. Und, weil das bei einer Erkrankung dazugehört, die Jahre dauert: die Überlegung, wie es ohne uns weitergeht – welche Gruppe, welches Angebot, welcher Rhythmus.

23. Zusammengefasst

Hüftarthrose ist eine Erkrankung des ganzen Gelenks, nicht nur des Knorpels – und der Teil, an dem Physiotherapie ansetzt, sind die Muskeln, die Beweglichkeit und die Art, wie Sie das Gelenk im Alltag belasten [1].

Der Schmerz sitzt in der Leiste und zieht ins Knie. Seitlicher Schmerz auf dem Rollhügel ist meistens etwas anderes und wird anders behandelt [25].

Das Röntgenbild sagt wenig. Nur etwa 16 von 100 Menschen mit häufigem Hüftschmerz haben ein passendes Bild, und nur etwa 21 von 100 auffälligen Hüften tun weh [5].

Die Wirkung von Training auf den Schmerz ist klein – und wir sagen das. Rund 7 Punkte von 100 gegenüber keiner Behandlung, bei einer Spürbarkeitsschwelle von etwa 12 [2]. Dieselbe Grössenordnung findet die Auswertung von über viertausend Einzeldatensätzen [4].

Was trotzdem für das Training spricht: Es wirkt stärker, wenn man wirklich hingeht [9]; es baut Kraft und Muskelmasse auf [1]; es scheint die Operation um Jahre hinauszuschieben [22]; es senkt das Sturzrisiko; es kostet fast nichts; und es schadet praktisch nie [2].

Welche Art, ist zweitrangig. Kraft, Nordic Walking, Wasser, Velo – alles hat Belege [10][12][1], und Ausdauer zusätzlich zum Krafttraining brachte im Direktvergleich nichts obendrauf [11].

Was nicht belegt ist, sagen wir auch: dass manuelle Therapie mehr bewirkt als eine gleich aufwendige Scheinbehandlung [15]; dass Dry Needling über drei Wochen hinaus etwas bringt [17]; dass Ultraschall wirkt [1]; dass Nahrungsergänzung dem Hüftgelenk hilft [1]; und dass Abnehmen die bestehende Hüftarthrose bessert [20].

Und wenn es die Operation wird, ist das kein Scheitern. Nach 25 Jahren hält ein künstliches Hüftgelenk bei rund 58 von 100 Menschen noch [23]; in der Schweiz werden pro Jahr gut 27 000 eingesetzt [26]. Vorbereitung macht die ersten Wochen leichter, auch wenn sie nach einem halben Jahr nicht mehr messbar ist [24] – und die Kraft danach zurückzuholen ist keine Zugabe, sondern der eigentliche Teil.

Am Ende läuft alles auf eine einzige Frage hinaus, und sie ist nicht, welche Übung die beste ist. Sie lautet: Bewegen Sie sich in fünf Jahren noch? Ein Gelenk, das Sie noch zwanzig Jahre brauchen, gewinnt mehr durch etwas, das Sie zwanzig Jahre lang machen, als durch die theoretisch beste Behandlung, die Sie nach acht Wochen abbrechen.

Literatur

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[1] Koc TA Jr, Cibulka M, Enseki KR, Gentile JT, MacDonald CW, Kollmorgen RC, Martin RL. Hip Pain and Mobility Deficits—Hip Osteoarthritis: Revision 2025. Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy. 2025;55(11):CPG1–CPG31. https://doi.org/10.2519/jospt.2025.0301

[2] Hall M, Lawford BJ, Hinman RS, Dobson F, Spiers L, Kimp A, French HP, Reichenbach S, Hernandez-Molina G, Bennell KL. Exercise for osteoarthritis of the hip. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2026;7(7):CD007912. https://doi.org/10.1002/14651858.CD007912.pub3

[3] Fransen M, McConnell S, Hernandez-Molina G, Reichenbach S. Exercise for osteoarthritis of the hip. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2014;4(4):CD007912. https://doi.org/10.1002/14651858.CD007912.pub2

[4] Holden MA, Hattle M, Runhaar J, et al. Moderators of the effect of therapeutic exercise for knee and hip osteoarthritis: a systematic review and individual participant data meta-analysis. The Lancet Rheumatology. 2023;5(7):e386–e400. https://doi.org/10.1016/S2665-9913(23)00122-4

[5] Kim C, Nevitt MC, Niu J, Clancy MM, Lane NE, Link TM, Vlad S, Tolstykh I, Jungmann PM, Felson DT, Guermazi A. Association of hip pain with radiographic evidence of hip osteoarthritis: diagnostic test study. BMJ. 2015;351:h5983. https://doi.org/10.1136/bmj.h5983

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