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Frozen Shoulder – Wissen

Wissen

Frozen Shoulder

Warum die Schulter einfriert, was in der Kapsel geschieht, wie stark gedehnt werden darf – und warum Abwarten hier keine Kapitulation ist

Ratgeber · Stand August 2026 · Lesezeit ca. 40 Minuten · alle DOI einzeln geprüft

1. Warum dieser Text?

Es beginnt meistens harmlos. Ein Ziehen in der Schulter, das man auf eine ungewohnte Bewegung schiebt. Dann wird es schlimmer statt besser. Nach ein paar Wochen weckt der Schmerz nachts auf, und irgendwann merken Sie, dass Sie nicht mehr an das obere Tablar im Schrank kommen, den Sicherheitsgurt nur noch mit der anderen Hand fassen und die Jacke nicht mehr im Stück anziehen können.

Die Frozen Shoulder ist unter den Schulterbeschwerden diejenige, die am meisten Geduld verlangt. Sie tut in der ersten Phase sehr weh, sie schränkt danach monatelang ein, und sie lässt sich – das ist die unbequeme Wahrheit – durch keine Behandlung wirklich abkürzen. Was sich beeinflussen lässt, ist der Schmerz, der Schlaf, die Beweglichkeit, die Ihnen bleibt, und wie gut Sie durch diese Zeit kommen.

In der Praxis erleben wir zwei Reaktionen, und beide machen es schwerer als nötig. Die eine: kräftig dehnen, «damit es wieder aufgeht», gegen den Schmerz, jeden Tag. Die andere: den Arm gar nicht mehr bewegen, weil jede Bewegung weh tut. Beide Wege führen nicht schneller ans Ziel, und der erste kann die schmerzhafte Phase sogar verlängern.

Dieser Text erklärt, was in der Schulter tatsächlich geschieht, woran man die Frozen Shoulder erkennt und wovon man sie unterscheiden muss, wie lange sie wirklich dauert, was in der schmerzhaften Phase hilft, wie stark in der Physiotherapie gedehnt werden darf, wann ein Eingriff sinnvoll ist – und warum Abwarten eine anerkannte Strategie und keine Kapitulation ist. Alle Aussagen sind belegt; die Zahlen in eckigen Klammern verweisen auf das Literaturverzeichnis am Ende.

Dieser Beitrag behandelt die Frozen Shoulder allein. Wenn Sie noch nicht wissen, woher Ihre Schulterschmerzen kommen, beginnen Sie besser beim allgemeinen Beitrag Schulterschmerzen; dort werden die verschiedenen Formen nebeneinandergestellt.

Ein Hinweis vorweg: Dieser Text ersetzt keine individuelle Beratung. Wer bereits an der Schulter operiert wurde, eine Verletzung erlitten hat oder unter einer anderen Gelenkerkrankung leidet, bekommt in der Behandlung eine auf die eigene Situation zugeschnittene Empfehlung – die geht allem hier Beschriebenen vor.

2. Was eine Frozen Shoulder ist

2.1 Drei Namen für dieselbe Sache – und was sie versprechen

Für dieselbe Erkrankung sind drei Bezeichnungen im Umlauf, und sie erzählen unterschiedliche Geschichten:

  • Frozen Shoulder (englisch für «eingefrorene Schulter») ist der Name, der sich weltweit durchgesetzt hat. Er beschreibt, wie es sich anfühlt: als wäre das Gelenk festgefroren.
  • Schultersteife ist die deutsche Entsprechung. Sie ist genau, benennt aber nur die zweite Hälfte der Erkrankung – die erste ist vor allem schmerzhaft und noch gar nicht steif.
  • Adhäsive Kapsulitis ist das medizinische Fachwort. Es setzt sich zusammen aus «Kapsel», «-itis» für Entzündung und «adhäsiv» für verklebend. Genau dieser letzte Teil ist irreführend: Es gibt keine Verklebungen im Gelenk, die man lösen könnte [1][2].

Warum das mehr ist als Wortklauberei: Aus dem Wort «Verklebung» folgt der Gedanke, man müsse etwas aufreissen – kräftig dehnen, kräftig durchbewegen. Diese Vorstellung ist der häufigste Grund, warum Betroffene sich unnötig quälen. Was tatsächlich vorliegt, ist eine geschrumpfte, verdickte Gelenkkapsel. Sie gibt mit der Zeit wieder nach, aber nicht auf Zug an einem Nachmittag.

Eine international abgestimmte Definition beschreibt die Frozen Shoulder als eine Erkrankung unklarer Ursache, bei der die Beweglichkeit der Schulter aktiv und passiv erheblich eingeschränkt ist und bei der auf dem Röntgenbild – abgesehen von altersüblichen Veränderungen – nichts zu finden ist [3]. «Aktiv» heisst: Sie bewegen den Arm selbst. «Passiv» heisst: Jemand anders führt Ihren entspannten Arm. Dass beides eingeschränkt ist, ist das entscheidende Merkmal – dazu Abschnitt 5.1.

2.2 Was im Gelenk tatsächlich geschieht

Das Schultergelenk wird von einer Kapsel umschlossen – einer Hülle aus Bindegewebe, die das Gelenk abdichtet und zugleich Spielraum lässt. Im gesunden Zustand ist sie weit und faltig; sie muss es sein, damit der Arm über den Kopf und hinter den Rücken gelangt.

Bei der Frozen Shoulder läuft in dieser Kapsel ein zweistufiger Vorgang ab [1]:

  • Zuerst eine Entzündung. In der Kapsel sammeln sich Entzündungszellen, es wachsen neue kleine Blutgefässe ein – und mit ihnen neue Nervenfasern. Das erklärt den Schmerz dieser Phase: Gewebe, das vorher kaum Schmerzfühler hatte, ist plötzlich dicht damit versorgt. Deshalb tut es auch in Ruhe und nachts weh, nicht nur bei Belastung.
  • Dann eine Vernarbung. Bindegewebszellen wandeln sich um und bilden vermehrt festes Kollagen – dasselbe Material, aus dem Narben bestehen. Die Kapsel wird dicker, kürzer, unnachgiebiger. Der Raum im Gelenk schrumpft. Jetzt ist die Schulter steif, und zwar unabhängig davon, wie sehr Sie sich anstrengen.

Am stärksten betroffen ist ein Bereich an der Vorderseite des Gelenks, das sogenannte Rotatorenintervall mit dem Band zwischen Rabenschnabelfortsatz und Oberarmkopf (Fachwort: Ligamentum coracohumerale). Verdickt sich dieses Band, ist genau die Bewegung blockiert, die es normalerweise zulässt: das Auswärtsdrehen des Arms [5].

Der Umbau erinnert an eine andere Erkrankung, die Dupuytren-Kontraktur der Handfläche, bei der sich derbe Stränge bilden und die Finger nach und nach in die Beugung ziehen. Diese Ähnlichkeit ist keine Zufallsbeobachtung: Das Gewebe verhält sich unter dem Mikroskop vergleichbar, und beide Erkrankungen treten bei denselben Menschen gehäuft auf [4][10].

Warum das alles anfängt, weiss niemand. Es gibt Vermutungen – eine überschiessende Reaktion des Immunsystems, ein Stoffwechseleinfluss, eine erbliche Veranlagung –, aber keine gesicherte Ursache [5]. Das ist unbefriedigend, hat aber eine tröstliche Seite: Es gibt auch nichts, was Sie hätten anders machen können.

2.3 Von selbst oder als Folge: zwei Gruppen

Fachlich wird unterschieden, ob die Frozen Shoulder aus heiterem Himmel auftritt oder eine Vorgeschichte hat [1][2]:

  • Primär (idiopathisch). Sie beginnt ohne erkennbaren Anlass. «Idiopathisch» heisst genau das: ohne bekannte Ursache. Das ist die häufigere Gruppe.
  • Sekundär. Sie folgt auf etwas anderes – auf eine Verletzung der Schulter, auf eine Operation an Schulter oder Brustkorb, auf eine längere Ruhigstellung im Verband, auf einen Schlaganfall mit gelähmtem Arm. Auch Begleiterkrankungen wie Diabetes zählen hier hinein.

Für den Alltag ändert diese Einteilung wenig: Beschwerden, Untersuchung und Behandlung sind dieselben. Zwei Punkte macht sie aber sichtbar. Erstens erklärt sie, warum eine Schulter nach längerer Schonung «einfriert» – die Kapsel schrumpft, wenn sie nicht regelmässig in die Endstellungen bewegt wird. Zweitens macht sie verständlich, warum wir nach einer Schulterverletzung so früh wie möglich mit Bewegung beginnen, auch wenn nur wenig davon möglich ist.

3. Wen es trifft – und warum

3.1 Wie häufig sie ist

Die Zahl, die überall steht, lautet: 2 bis 5 von 100 Menschen im Lauf des Lebens [1]. Sie beruht auf alten und methodisch schwachen Erhebungen und sollte als grobe Grössenordnung gelesen werden, nicht als gesicherter Wert.

Verlässlicher sind die Angaben zum Alter und zum Geschlecht, weil sie in allen grösseren Untersuchungen ähnlich ausfallen. Betroffen sind ganz überwiegend Menschen zwischen 40 und 60 Jahren; in einer britischen Nachuntersuchung von 269 Schultern lag das durchschnittliche Alter bei Beginn bei 53 Jahren, und Frauen waren etwa anderthalbmal so häufig betroffen wie Männer [17]. Vor dem 40. Lebensjahr ist die Erkrankung selten – bei jüngeren Menschen mit steifer Schulter lohnt sich die Suche nach einer anderen Erklärung.

3.2 Diabetes – der stärkste bekannte Zusammenhang

Von allen Begleitumständen ist der Diabetes am besten untersucht. Eine Zusammenfassung von sechs Vergleichsstudien mit insgesamt 5388 Personen kam auf ein rund 3,7-mal höheres Risiko, eine Frozen Shoulder zu entwickeln, wenn ein Diabetes besteht. Zwei weitere Studien, die Menschen über die Zeit begleiteten, fanden ebenfalls ein erhöhtes Risiko, wenn auch in geringerem Ausmass [8].

Zwei Einschränkungen gehören dazu, weil sie die Zahl richtig einordnen. Erstens war die Qualität fast aller eingeschlossenen Studien schwach. Zweitens sagt ein Zusammenhang nichts über die Richtung: Es ist nicht bewiesen, dass gut eingestellter Blutzucker die Frozen Shoulder verhindert. Die vermutete Erklärung ist, dass dauerhaft erhöhter Zucker die Eiweisse im Bindegewebe verändert und dieses steifer macht.

Praktisch bedeutsam ist das trotzdem, und zwar aus zwei Gründen: Bei Menschen mit Diabetes dauert die Erkrankung häufig länger und spricht schlechter auf Behandlungen an (dazu Abschnitt 12), und wer mit über 40 eine Frozen Shoulder entwickelt, ohne von einem Diabetes zu wissen, sollte den Blutzucker einmal prüfen lassen.

3.3 Schilddrüse, Dupuytren und andere Begleiter

Neben dem Diabetes werden weitere Zusammenhänge beschrieben. Sie sind schwächer belegt, aber in der Praxis auffällig häufig:

  • Schilddrüsenunterfunktion. In einer Untersuchung an Menschen mit Frozen Shoulder fand sich häufiger als erwartet eine Unterfunktion der Schilddrüse [9]. Das ist ein Grund, die Schilddrüsenwerte zu bestimmen, wenn sie noch nie geprüft wurden.
  • Dupuytren-Kontraktur. Menschen mit den derben Strängen in der Handfläche bekommen deutlich häufiger eine Frozen Shoulder als andere [10].
  • Übergewicht. In einer grossen Auswertung von Krankenakten war Übergewicht mit der Diagnose verknüpft [7].
  • Herz- und Lungenerkrankungen, Morbus Parkinson, ein Schlaganfall mit gelähmtem Arm – überall dort, wo der Arm über längere Zeit wenig bewegt wird [11].

Keiner dieser Punkte ist ein Auslöser, den man abstellen kann. Sie sind Hinweise darauf, wer eher betroffen ist – nicht Erklärungen dafür, warum es Sie getroffen hat.

3.4 Nach Verletzung, Operation und Ruhigstellung

Die sekundäre Frozen Shoulder ist die einzige Form, bei der eine Vorbeugung überhaupt denkbar ist. Nach einer Schulterverletzung, einer Operation an Schulter oder Brustkorb und nach jeder längeren Ruhigstellung besteht ein erhöhtes Risiko [1].

Daraus folgt eine einfache Regel für die Nachbehandlung: So viel Bewegung wie erlaubt, so früh wie erlaubt. «Erlaubt» ist dabei wörtlich gemeint – nach einer Naht an einer Sehne oder einem Knochenbruch gibt es Vorgaben, die eingehalten werden müssen. Innerhalb dieser Vorgaben ist Bewegung aber immer besser als Stillhalten, und deshalb beginnt die Physiotherapie nach solchen Eingriffen meist schon in den ersten Tagen.

3.5 Was eine Frozen Shoulder nicht auslöst

Manches wird regelmässig verantwortlich gemacht und hat nichts damit zu tun:

  • Zugluft, Kälte, ein offenes Fenster im Auto. Eine entzündete Gelenkkapsel entsteht nicht durch Kälte.
  • Eine einzelne falsche Bewegung. Der Umbau der Kapsel braucht Wochen. Die Bewegung, bei der es zum ersten Mal weh tat, hat den Vorgang nicht ausgelöst – sie hat ihn bemerkbar gemacht.
  • Zu viel Arbeit über Kopf oder falsche Haltung. Das sind Erklärungsmuster aus anderen Schulterbeschwerden. Für die Frozen Shoulder gibt es dafür keinen Beleg.
  • Ein Bandscheibenschaden im Nacken. Nackenprobleme können in die Schulter ausstrahlen, aber sie führen nicht dazu, dass jemand anders Ihren entspannten Arm nicht mehr nach aussen drehen kann.

4. Warnzeichen – wann es keine Frozen Shoulder ist

Eine steife, schmerzhafte Schulter ist in der grossen Mehrzahl der Fälle harmlos im Sinne von: unangenehm, langwierig, aber ungefährlich. Es gibt jedoch Situationen, die zuerst ausgeschlossen gehören, bevor man sich auf eine monatelange Geduldsprobe einstellt [15].

Rasch ärztlich abklären lassen, wenn eines davon zutrifft:

  • Fieber, Schüttelfrost, eine heisse und geschwollene Schulter, besonders nach einer Spritze oder einer Operation am Gelenk. Das kann eine Infektion sein und gehört sofort abgeklärt.
  • Ein Sturz oder ein Unfall unmittelbar vor Beginn der Beschwerden. Dann ist ein Bruch oder eine Verrenkung auszuschliessen, und dafür braucht es ein Röntgenbild.
  • Eine Krebserkrankung in der Vorgeschichte oder ungewollter Gewichtsverlust, Nachtschweiss, anhaltende Abgeschlagenheit.
  • Ein Krampfanfall, ein Stromschlag oder ein Sturz mit anschliessender Bewegungssperre. In dieser Situation kann eine nach hinten verrenkte Schulter vorliegen, die sich genau wie eine Frozen Shoulder anfühlt: Die Auswärtsdrehung ist blockiert. Das ist die klassische Verwechslung, und sie wird oft erst spät entdeckt.
  • Deutliche Kraftlosigkeit, Taubheit oder Kribbeln im Arm, die über den Schulterbereich hinausgehen.
  • Schmerz, der bei völliger Ruhe unverändert stark bleibt und sich durch keine Stellung beeinflussen lässt.

Diese Liste ist kein Grund zur Beunruhigung, sondern der Grund, warum am Anfang eine Untersuchung steht. Ist nichts davon vorhanden und passt das Bild zur Frozen Shoulder, brauchen Sie in aller Regel keine weitere Abklärung – auch kein MRT.

5. Wie man eine Frozen Shoulder erkennt

5.1 Das Leitzeichen: die Auswärtsdrehung

Die Frozen Shoulder wird durch die körperliche Untersuchung erkannt, nicht durch ein Bild [1][12]. Das entscheidende Zeichen lässt sich in einem Satz beschreiben:

Die Beweglichkeit ist auch dann eingeschränkt, wenn jemand anders den entspannten Arm führt – und am stärksten trifft es die Auswärtsdrehung.

So wird das geprüft: Sie sitzen entspannt, der Ellbogen liegt am Körper und ist rechtwinklig gebeugt, der Unterarm zeigt nach vorne. Die untersuchende Person dreht den Unterarm nun nach aussen, von der Körpermitte weg. Bei einer gesunden Schulter geht das weit. Bei einer Frozen Shoulder kommt der Arm nach wenigen Zentimetern an einen harten Anschlag – und zwar auch dann, wenn Sie vollständig loslassen. In der grossen UK-FROST-Studie war genau das die Eintrittsbedingung: eine Einschränkung der passiven Auswärtsdrehung um mindestens die Hälfte im Vergleich zur anderen Seite [33].

Warum gerade diese Bewegung? Weil der verdickte Bereich der Kapsel vorne liegt und genau diese Drehung bremst. Und weil sie sich nicht umgehen lässt: Fehlt Beweglichkeit beim Heben des Arms, kann das Schulterblatt einen Teil übernehmen und die Einschränkung verstecken. Bei der Auswärtsdrehung mit angelegtem Ellbogen geht das nicht.

Der zweite Punkt ist ebenso wichtig: aktiv und passiv gleich eingeschränkt. Bei den meisten anderen Schulterbeschwerden – etwa bei einem Sehnenproblem – können Sie den Arm selbst nicht heben, aber jemand anders kann ihn heben. Genau das geht bei der Frozen Shoulder nicht mehr. Wer diesen Unterschied kennt, kann die beiden Gruppen in der Praxis fast immer auseinanderhalten.

5.2 Was in der Untersuchung sonst noch geprüft wird

Zur Untersuchung gehört mehr als diese eine Bewegung:

  • Alle Richtungen messen, aktiv und passiv, und mit der gesunden Seite vergleichen. Die Zahlen dienen später als Vergleichspunkt – ob es vorwärtsgeht, sieht man an ihnen früher als am Gefühl.
  • Die Kraft prüfen. Bei einer reinen Frozen Shoulder ist die Kraft im verbliebenen Bewegungsbereich normal oder nur schmerzbedingt vermindert. Eine echte Schwäche spricht für etwas anderes.
  • Den Nacken untersuchen, weil Beschwerden von der Halswirbelsäule in die Schulter ausstrahlen können.
  • Nach den Begleiterkrankungen fragen – Diabetes, Schilddrüse, frühere Ruhigstellung, Vorerkrankungen der anderen Schulter.

Ein Zusatz zur Genauigkeit: In Lehrbüchern steht, die Einschränkung folge stets demselben Muster – am stärksten die Auswärtsdrehung, dann das seitliche Heben, dann die Einwärtsdrehung. Eine Untersuchung, die dieses Muster nachgemessen hat, fand es so einheitlich nicht: Bei einem Teil der Betroffenen war eine andere Richtung am stärksten eingeschränkt [13]. Für die Praxis heisst das, dass alle Richtungen gemessen werden und nicht nur diejenige, die man erwartet.

Eine praktische Bemerkung zur Reihenfolge: Ganz am Anfang, in den ersten Wochen, ist die Unterscheidung oft noch nicht möglich. Die schmerzhafte Frühphase sieht einem gereizten Sehnenansatz sehr ähnlich, und die Einschränkung der passiven Beweglichkeit entwickelt sich erst über Wochen. Es ist deshalb kein Versäumnis, wenn die Diagnose beim ersten Termin noch nicht feststeht – sie wird bei der Verlaufskontrolle gestellt.

5.3 Was ein Bild leistet – und was nicht

Für die Diagnose braucht es kein MRT. Die Frozen Shoulder ist eine klinische Diagnose; das heisst, sie ergibt sich aus dem, was Sie schildern, und aus dem, was die Untersuchung zeigt [12].

Bilder haben trotzdem eine Rolle, aber eine begrenzte:

  • Das Röntgenbild dient dem Ausschluss. Es zeigt eine Arthrose des Schultergelenks, eine übersehene Verrenkung nach hinten oder einen Bruch. Bei der Frozen Shoulder selbst ist es unauffällig – und genau das ist die Auskunft, die es liefern soll.
  • Ultraschall und MRT können die verdickte Kapsel und das verdickte Band vorne im Gelenk sichtbar machen [14]. Für die Behandlung ändert dieser Befund nichts. Sinnvoll sind diese Untersuchungen dann, wenn ein zusätzliches Problem vermutet wird – etwa ein Sehnenriss – oder wenn der Verlauf ungewöhnlich ist.

Der Haken bei zu früher Bildgebung ist derselbe wie an der Wirbelsäule und am Knie: Bilder finden fast immer etwas. Verschleiss an den Sehnen, kleine Risse, Kalkstellen – all das kommt bei beschwerdefreien Menschen in diesem Alter häufig vor. Steht dann ein solcher Nebenbefund im Bericht, wandert die Aufmerksamkeit dorthin, obwohl er mit der steifen Schulter nichts zu tun hat. Wie leicht ein Befund in die Irre führt, können Sie in unserem Lernspiel Trügerische Sicherheit selbst durchrechnen.

5.4 Womit sie verwechselt wird

Vier Zustände sehen der Frozen Shoulder ähnlich, verlangen aber ein anderes Vorgehen:

ZustandWas ihn unterscheidet
Arthrose des SchultergelenksEbenfalls passiv eingeschränkt, aber oft mit Reiben oder Knirschen; meist ab 60 Jahren; auf dem Röntgenbild sichtbar
Riss in der RotatorenmanschetteAktiv eingeschränkt, passiv weitgehend frei; echte Kraftminderung in bestimmten Richtungen
KalkschulterSehr heftige, oft plötzlich einsetzende Schmerzattacke; im Röntgenbild ist die Kalkstelle sichtbar
Nach hinten verrenkte SchulterAuswärtsdrehung blockiert wie bei der Frozen Shoulder; Vorgeschichte mit Krampfanfall, Stromschlag oder Sturz

Zu den ersten drei finden Sie ausführlichere Abschnitte im Beitrag Schulterschmerzen, zur Arthrose im Beitrag Arthrose.

6. Die drei Phasen – nützlich, aber kein Fahrplan

Fast überall wird die Frozen Shoulder in drei Phasen beschrieben [1][2]:

PhaseWas im Vordergrund stehtÜbliche Angabe zur Dauer
Einfrieren (freezing)Starker Schmerz, auch nachts; die Beweglichkeit nimmt allmählich abetwa 2 bis 9 Monate
Eingefroren (frozen)Der Schmerz lässt nach, die Steifheit bleibt und bestimmt den Alltagetwa 4 bis 12 Monate
Auftauen (thawing)Die Beweglichkeit kehrt langsam zurücketwa 5 bis 24 Monate

Dieses Modell ist nützlich, weil es eine Sprache gibt für das, was Sie erleben, und weil sich die Behandlung danach richtet: In der ersten Phase geht es um den Schmerz, in der zweiten um die Beweglichkeit, in der dritten um die Rückkehr zur Belastung.

Es ist aber kein Fahrplan. Eine systematische Übersicht suchte gezielt nach Belegen dafür, dass die Erkrankung diese drei Phasen tatsächlich durchläuft und am Ende vollständig ausheilt. Sie fand keine. Die verfügbaren Studien waren von geringer Qualität, und die drei Untersuchungen mit brauchbaren Verlaufsdaten zeigten sogar das Gegenteil des Erwarteten: Die grösste Besserung trat früh ein, nicht spät [19].

Was folgt daraus für Sie? Die Phasen taugen als Beschreibung, nicht als Versprechen. Niemand kann Ihnen sagen: «Sie sind jetzt in Phase zwei, in vier Monaten beginnt Phase drei.» Die Übergänge sind fliessend, die Dauer schwankt stark, und die Zahlen in der Tabelle überlappen sich nicht ohne Grund. Wer sich an diesem Fahrplan festhält, erlebt jede Abweichung als Rückschlag – dabei ist die Abweichung die Regel.

7. Der Verlauf – wie lange dauert es wirklich?

7.1 Die Zahlen aus den Nachuntersuchungen

Der beste Anhaltspunkt stammt aus einer finnischen Untersuchung, die Menschen mit einer von selbst entstandenen Frozen Shoulder über 2 bis 27 Jahre nachverfolgte. Betrachtet wurde unter anderem eine Gruppe, die gar nicht behandelt worden war. In dieser Gruppe dauerte die Erkrankung im Durchschnitt 15 Monate, mit einer Spanne von 4 bis 36 Monaten. Bei 94 von 100 dieser Schultern war die Beweglichkeit am Ende wieder so gut wie auf der anderen Seite [16].

Zwei Dinge sind an dieser Zahl wichtig. Die Spanne ist grösser als der Mittelwert: Vier Monate und drei Jahre sind beide «normal». Und die Untersuchung ist rückblickend, also weniger belastbar als eine geplante Studie – sie beschreibt, was war, und sagt nicht sicher voraus, was sein wird.

7.2 Was am Ende übrig bleibt

Die zweite grosse Nachuntersuchung stammt aus Grossbritannien und umfasst 269 Schultern bei 223 Menschen, im Mittel 4,4 Jahre nach Beginn der Beschwerden [17]:

  • 59 von 100 hatten eine normale oder nahezu normale Schulter.
  • 41 von 100 berichteten über Restbeschwerden. Bei den allermeisten davon (94 Prozent) waren diese leicht – am häufigsten ein Restschmerz, der im Alltag nicht behinderte.
  • 6 von 100 hatten erhebliche Beschwerden mit Schmerz und Einschränkung.

Ein weiterer Befund derselben Arbeit ist für das Gespräch wichtig: Wer zu Beginn die stärksten Beschwerden hatte, hatte auch langfristig die schlechteren Aussichten. Eine ältere Nachuntersuchung über durchschnittlich sieben Jahre kam zu einem vergleichbaren Bild – etwa die Hälfte der Betroffenen berichtete über leichte Restbeschwerden, ohne dass der Alltag wesentlich eingeschränkt war [18].

7.3 Wie belastbar diese Zahlen sind

Hier gehört Ehrlichkeit hin. Der Satz «Die Frozen Shoulder heilt von selbst aus» steht in vielen Ratgebern, und er ist in dieser Absolutheit nicht belegt. Die bereits erwähnte systematische Übersicht fand keine Studie, die eine vollständige Ausheilung ohne Behandlung sauber nachgewiesen hätte; die vorhandenen Arbeiten zeigten eine deutliche, aber unvollständige Besserung über ein bis vier Jahre [19].

Die redliche Formulierung lautet deshalb: Es wird bei fast allen Menschen deutlich besser, bei vielen wieder ganz gut, und bei einem Teil bleibt eine Reststeifheit oder ein Restschmerz zurück, der den Alltag meist nicht behindert. Das ist weniger griffig als «heilt von selbst» – aber es ist das, was die Daten hergeben.

7.4 Was das für Sie bedeutet

Aus diesen Zahlen ergeben sich drei praktische Folgerungen:

  • Rechnen Sie in Monaten, nicht in Wochen. Das klingt entmutigend, ist aber die wichtigste Auskunft überhaupt. Wer mit einem Jahr rechnet, erlebt einen ruhigen Monat als Teil des Verlaufs. Wer mit sechs Wochen rechnet, erlebt denselben Monat als Versagen.
  • Beurteilen Sie den Fortschritt in Abständen von Wochen. Von Tag zu Tag schwankt es zu stark. Ein Vergleich mit dem Zustand vor sechs Wochen ist aussagekräftig, der mit gestern nicht.
  • Nutzen Sie Messwerte statt Gefühl. Wie weit Sie den Arm drehen können, lässt sich messen und aufschreiben. Der Alltag liefert eigene Messpunkte: das Regal, das wieder erreichbar ist, der Gurt, den Sie wieder selbst fassen.

8. Die schmerzhafte Phase: was jetzt hilft

8.1 Die Kortisonspritze ins Gelenk

In der ersten, sehr schmerzhaften Phase ist die Kortisonspritze ins Schultergelenk die wirksamste einzelne Massnahme. Das ist eine der wenigen klaren Aussagen bei dieser Erkrankung, und sie stammt aus einer umfassenden Auswertung von 65 Studien mit über 4000 Teilnehmenden. Nur die Spritze ins Gelenk war den anderen Behandlungen kurzfristig sowohl statistisch als auch spürbar überlegen – beim Schmerz ebenso wie bei der Funktion, und zwar sowohl gegenüber keiner Behandlung als auch gegenüber Physiotherapie allein [20].

Wie viel bringt sie? Eine Metaanalyse von acht kontrollierten Studien beziffert die Schmerzlinderung gegenüber einer Scheinbehandlung mit etwa 1,3 Punkten auf einer 10-Punkte-Skala nach vier bis sechs Wochen, rund 1 Punkt nach drei bis vier Monaten und noch etwa 0,6 Punkten nach einem halben Jahr – wobei die Sicherheit der Aussage mit der Zeit abnimmt. Gleichzeitig besserten sich die Beweglichkeit und die Werte in den Fragebögen [21].

Wichtig für die Erwartung: Die Spritze verkürzt die Erkrankung nicht. Sie verschafft ein Zeitfenster mit weniger Schmerz – und dieses Fenster ist wertvoll, weil in ihm wieder Schlaf, Bewegung und Übung möglich werden. Genau deshalb schneidet in den Auswertungen die Kombination am besten ab: Spritze plus einfaches Heimprogramm, nicht die Spritze allein [20].

8.2 Dosis, Ultraschall, Wiederholung

Drei praktische Fragen tauchen regelmässig auf:

  • Wie viel Kortison? Eine Studie verglich die beiden gängigen Dosierungen (20 und 40 Milligramm Triamcinolon) mit einer Scheinspritze. Beide Dosierungen wirkten besser als die Scheinspritze, unterschieden sich aber nicht voneinander. Die Schlussfolgerung der Autoren: die niedrigere Dosis wählen [22]. Das ist eine gute Nachricht, denn Kortison hat dosisabhängige Nebenwirkungen – unter anderem einen vorübergehenden Anstieg des Blutzuckers, was bei Diabetes bedacht werden muss.
  • Mit oder ohne Ultraschall gesetzt? Die Steuerung per Ultraschall trifft das Gelenk zuverlässiger. Für das Ergebnis beim Patienten ist der Unterschied klein.
  • Wie oft? Eine Wiederholung nach einigen Wochen ist möglich, wenn die erste Spritze deutlich geholfen hat und die Wirkung nachlässt. Serien von vielen Spritzen sind nicht sinnvoll: Wiederholtes Kortison kann Sehnengewebe schädigen, und wenn zwei Spritzen nichts bewirkt haben, wird es die dritte auch nicht tun.

Nebenwirkungen sind selten und meist harmlos. In der erwähnten Metaanalyse trat bei rund 2 von 100 Behandelten eine vorübergehende Gesichtsrötung auf, seltener Schwindel, Übelkeit oder ein kurzzeitig verstärkter Schmerz [21].

8.3 Kortison als Tablette

Wenn eine Spritze nicht möglich oder nicht gewünscht ist, kann eine kurze Kortisonbehandlung in Tablettenform helfen. Eine Cochrane-Übersicht fand eine Verbesserung von Schmerz, Beweglichkeit und Funktion – allerdings nur kurzfristig; über etwa sechs Wochen hinaus liess sich der Vorteil nicht mehr nachweisen [23]. Üblich ist eine Behandlung über wenige Wochen mit anschliessendem Ausschleichen, verordnet und begleitet von der Ärztin oder dem Arzt.

8.4 Schmerzmittel

Entzündungshemmende Schmerzmittel (Fachwort: nicht-steroidale Antirheumatika, kurz NSAR – dazu gehören Ibuprofen und Diclofenac) und Paracetamol werden häufig eingesetzt. Für die Frozen Shoulder im Besonderen ist ihre Wirkung schlecht untersucht; sie sind kein Mittel gegen die Erkrankung, sondern gegen den Schmerz [6].

Das ist trotzdem ein sinnvolles Ziel. Der Massstab lautet nicht «schmerzfrei», sondern: genug Linderung, um zu schlafen und um den Arm im erlaubten Rahmen zu bewegen. Über die Auswahl, die Dosis und die Dauer entscheidet die Ärztin oder der Arzt – gerade NSAR sind bei Magen-, Nieren- und Herzerkrankungen und bei bestimmten anderen Medikamenten nicht unproblematisch.

8.5 Schlafen

Der gestörte Schlaf ist für viele die grösste Belastung der ersten Phase – grösser als die Einschränkung selbst. Was in der Praxis am häufigsten hilft:

  • Auf dem Rücken oder auf der gesunden Seite liegen, mit einem Kissen zwischen Brustkorb und dem betroffenen Arm, sodass der Arm leicht vom Körper weg und nach vorne gestützt liegt.
  • In Seitenlage auf der gesunden Seite ein zweites Kissen vor den Bauch legen und den betroffenen Arm darauf ablegen, statt ihn nach vorne fallen zu lassen.
  • Wärme am Abend – Kirschkernkissen, warme Dusche – lockert und macht das Einschlafen leichter. Wärme heilt nichts, aber sie hilft beim Einschlafen, und das zählt.
  • Die Einnahme eines Schmerzmittels zeitlich so legen, dass die Wirkung in der ersten Nachthälfte am stärksten ist. Auch das gehört ins Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt.

9. Physiotherapie – und die Frage, wie stark gedehnt wird

9.1 Was sie leistet

Beginnen wir mit dem, was die Studien nicht zeigen: Physiotherapie verkürzt die Frozen Shoulder nicht. Eine Cochrane-Übersicht wertete 32 Studien mit 1836 Teilnehmenden zu manueller Therapie und Übungen aus. Das wichtigste Ergebnis: Gegenüber der Kortisonspritze schnitt die Kombination aus manueller Therapie und Übungen kurzfristig schlechter ab – nach sieben Wochen berichteten 46 von 100 Behandelten einen Behandlungserfolg gegenüber 77 von 100 in der Spritzengruppe. Nach sechs und nach zwölf Monaten waren die Unterschiede zwischen den Gruppen nicht mehr bedeutsam. Die Aussagesicherheit war überwiegend gering [24].

Eine neuere Zusammenfassung von 33 Studien kommt zu einem ähnlich zurückhaltenden Bild: Beweglichkeit, Funktion und Schmerz bessern sich mit Übungsprogrammen, aber die Unterschiede zwischen den verschiedenen Programmen sind klein. Begleitete Übungen waren tendenziell besser als ein reines Heimprogramm; zusätzliche Geräte und Anwendungen brachten keinen Vorteil. Welche Dosis die richtige ist, konnten die Autoren nicht beantworten [25].

Wofür Physiotherapie dann gut ist:

  • Für die Einordnung. Zu wissen, was man hat, was noch kommt und wie lange es dauert, verändert den Umgang damit mehr als jede Technik. Erwartung und Zutrauen hängen nachweislich mit dem Ergebnis zusammen [30].
  • Für die Dosierung. Die häufigsten Fehler sind zu viel und zu wenig. Beides lässt sich anhand der Reaktion in den 24 Stunden nach dem Üben steuern.
  • Für den Erhalt. Was an Beweglichkeit da ist, soll erhalten bleiben; was an Kraft verloren geht, muss nicht verloren gehen.
  • Für den Alltag. Anziehen, Autofahren, Arbeiten, Schlafen – dafür gibt es Lösungen, und sie sind für die Lebensqualität wichtiger, als es ein zusätzliches Grad Beweglichkeit wäre.
  • Für die Kontrolle. Verläuft es anders als erwartet, fällt das bei regelmässiger Messung auf.

9.2 Wie stark darf gedehnt werden?

Das ist die wichtigste Frage dieses Textes, und die Antwort widerspricht dem, was die meisten erwarten.

Eine niederländische Untersuchung verglich zwei Wege bei 77 Menschen mit Frozen Shoulder. Die eine Gruppe erhielt intensive Physiotherapie mit passivem Dehnen und kräftiger Mobilisation über die Schmerzgrenze hinaus. Die andere Gruppe erhielt eine begleitete Zurückhaltung – Aufklärung, Übungen ausdrücklich innerhalb der Schmerzgrenze, sonst nichts. Nach zwei Jahren hatten in der zurückhaltenden Gruppe 89 von 100 eine normale oder nahezu normale, schmerzfreie Schulterfunktion erreicht, in der intensiv behandelten Gruppe nur 63 von 100. In der zurückhaltenden Gruppe hatten zudem knapp zwei Drittel dieses Ergebnis schon nach zwölf Monaten erreicht [26].

Diese Studie hat eine Schwäche, die man kennen muss: Die Teilnehmenden wurden nicht verlost, sondern zugeteilt, und dadurch können sich die Gruppen unterschieden haben. Ihr Ergebnis ist aber so deutlich und passt so gut zu allem anderen, dass es die Praxis verändert hat.

Heisst das, dass sanfte Behandlung immer besser ist? Nein, und hier ist eine Unterscheidung nötig. Eine andere Studie mit 100 Teilnehmenden verglich kräftige mit vorsichtiger Mobilisation, jeweils über zwölf Wochen. Beide Gruppen verbesserten sich deutlich; die kräftigere Gruppe hatte kleine Vorteile bei der Auswärtsdrehung und in den Fragebögen. Die Unterschiede waren insgesamt gering [27]. Der entscheidende Unterschied zur ersten Studie: Hier bestanden die Beschwerden seit mindestens drei Monaten, die schmerzhafte Anfangsphase war also vorüber.

So passt beides zusammen – und das ist die praktische Regel:

  • In der schmerzhaften Phase (Schmerz auch in Ruhe und nachts) wird innerhalb der Schmerzgrenze bewegt. Ziel ist, die vorhandene Beweglichkeit zu erhalten – nicht, neue zu erzwingen. Kräftiges Dehnen in dieser Phase verstärkt den Schmerz und bringt nichts.
  • In der steifen Phase (Schmerz deutlich zurückgegangen, Einschränkung im Vordergrund) darf spürbar an die Grenze gearbeitet werden. Ein deutliches Ziehen am Bewegungsende ist in Ordnung, solange es nach dem Üben rasch wieder abklingt.

9.3 Die Regel, an der Sie sich orientieren können

Für zu Hause hat sich eine einfache Regel bewährt, die den Unterschied zwischen «anstrengend» und «zu viel» greifbar macht:

Entscheidend ist nicht, wie stark es beim Üben zieht, sondern wie es Ihnen 24 Stunden später geht.

  • Der Schmerz ist am nächsten Morgen wie vorher oder besser, die Beweglichkeit unverändert oder besser → die Dosis stimmt.
  • Der Schmerz ist am nächsten Morgen stärker, oder Sie schlafen schlechter, oder Sie kommen weniger weit als am Vortag → es war zu viel. Nicht aufhören, sondern die nächste Einheit kürzer und sanfter gestalten.

Diese Regel gilt hier besonders, weil die entzündete Kapsel sehr empfindlich auf Überdehnung reagiert. Häufiger und kürzer ist besser als selten und lang: fünfmal täglich fünf Minuten wirken zuverlässiger als einmal täglich eine halbe Stunde.

9.4 Welche Übungen sinnvoll sind

Es gibt kein Übungsprogramm, das der Frozen Shoulder nachweislich überlegen wäre. Was die Programme in den Studien gemeinsam haben, ist ihre Einfachheit:

  • Pendeln. Vorgebeugt aufstützen, den Arm locker hängen lassen und durch Verlagerung des Körpergewichts kleine Kreise beschreiben – der Arm bleibt dabei passiv. Angenehm in der schmerzhaften Phase.
  • Geführtes Heben. Im Liegen oder Sitzen den betroffenen Arm mit der gesunden Hand oder einem Stock führen. So bewegt der gesunde Arm, und die schmerzhafte Muskulatur muss nicht arbeiten.
  • Auswärtsdrehung am Türrahmen. Ellbogen am Körper, Unterarm nach vorne, Handrücken an den Türrahmen legen und sich langsam vom Rahmen wegdrehen. Die Bewegung, die am meisten fehlt – deshalb gehört sie ins Programm.
  • Hand hinter den Rücken. Mit einem Handtuch, das die gesunde Hand von oben hält, den betroffenen Arm sanft nach oben führen. Diese Bewegung brauchen Sie im Alltag ständig, vom Anziehen bis zur Körperpflege.
  • Bewegung an der Wand. Mit den Fingern die Wand hochwandern, um das Heben in kleinen Schritten wiederzugewinnen. Die Rückmeldung ist gut sichtbar – die Höhe an der Wand ist ein Messwert.

Zur Dosierung: mehrere kurze Einheiten über den Tag verteilt, jede Bewegung einige Wiederholungen, jede Endstellung wenige Sekunden gehalten, immer nach der Regel aus Abschnitt 9.3. Was Sie in der Praxis lernen, ist weniger die Übung selbst als deren Steuerung.

9.5 Kraft nicht vergessen

Über der Beweglichkeit geht regelmässig vergessen, dass eine Schulter, die monatelang wenig benutzt wird, an Kraft verliert. Dieser Verlust ist keine Folge der Erkrankung selbst, sondern der Schonung – und er verlängert die Rückkehr in Beruf und Sport oft mehr als die Steifheit.

Kräftigen lässt sich fast immer, auch bei stark eingeschränkter Beweglichkeit:

  • Ohne Bewegung. Gegen einen festen Widerstand drücken – die Hand gegen eine Wand, den Unterarm gegen den Türrahmen – und die Spannung einige Sekunden halten. Das Gelenk bewegt sich nicht, der Muskel arbeitet trotzdem.
  • Im Bereich, der frei ist. Die meisten Menschen mit Frozen Shoulder können mit angelegtem Ellbogen einiges tun, auch wenn das Heben über den Kopf unmöglich ist.
  • Rundherum. Ellbogen, Hand und Schulterblatt bleiben unbeeinträchtigt und sollen benutzt werden.

Grundsätzliches zum Aufbau von Kraft steht im Beitrag Krafttraining.

9.6 Was wenig oder nichts bringt

  • Elektrotherapie, Ultraschall, Laser, Magnetfeld. Eine Cochrane-Übersicht zu diesen Anwendungen bei der Frozen Shoulder fand keinen belegten Nutzen; die wenigen Studien waren klein und von geringer Qualität [28]. In der neueren Zusammenfassung brachte das Hinzufügen solcher Geräte zu einem Übungsprogramm ebenfalls keinen Vorteil [25].
  • Kräftiges Dehnen gegen den Schmerz in der schmerzhaften Phase – siehe Abschnitt 9.2.
  • «Verklebungen lösen». Es gibt keine Verklebungen zu lösen. Behandlungen, die damit begründet werden, beruhen auf einer falschen Vorstellung vom Geschehen im Gelenk [2].
  • Vollständige Schonung. Das andere Extrem. Die Kapsel schrumpft weiter, die Kraft geht verloren, und die Rückkehr dauert länger.

9.7 Was offen ist

Zur Ehrlichkeit gehört: Die Studienlage zur Physiotherapie bei der Frozen Shoulder ist schwach. Die Studien sind klein, die Programme unterschiedlich, die Nachbeobachtung meist kurz, und die beste Dosis ist unbekannt [24][25]. Wir wissen recht gut, was nicht hilft (kräftiges Dehnen in der Frühphase, Geräteanwendungen) und was den Schmerz kurzfristig senkt (die Spritze). Was genau die Physiotherapie zum Langzeitergebnis beiträgt, ist nicht sauber belegt.

Das ist kein Argument gegen Behandlung – wohl aber eines gegen grosse Versprechen und gegen lange Serien immer gleicher Sitzungen ohne überprüfbares Ziel.

10. Abwarten als eigene Strategie

Aus dem Vorangehenden folgt eine Möglichkeit, die selten ausgesprochen wird: Es ist vertretbar, sich nach der Aufklärung und einer allfälligen Spritze für ein Heimprogramm zu entscheiden und auf regelmässige Therapiesitzungen zu verzichten.

Eine amerikanische Studie hat genau das untersucht. 61 Menschen mit Frozen Shoulder wurden per Los entweder einer Physiotherapie oder einem begleiteten Abwarten zugeteilt; beiden Gruppen wurde eine Kortisonspritze angeboten, die fast alle in Anspruch nahmen. Über zwölf Monate verbesserten sich beide Gruppen deutlich, und zwar ohne erkennbaren Unterschied in Schmerz und Funktion zu irgendeinem Zeitpunkt. Die Physiotherapie verursachte dabei etwa das Zehnfache an Kosten [29].

Die Studie ist klein und stammt aus einem einzelnen Zentrum, ihr Ergebnis darf man also nicht überdehnen. Aber sie stützt eine Haltung, die zu dieser Erkrankung passt: Abwarten ist hier keine Vernachlässigung.

Wofür wir uns in der Praxis entscheiden, hängt von der Situation ab. Für ein begleitetes Abwarten mit Heimprogramm spricht, wenn die Beschwerden klar zuzuordnen sind, der Schlaf einigermassen funktioniert und Sie sich zutrauen, das Programm selbst durchzuziehen. Für regelmässige Termine spricht, wenn der Schmerz stark ist und die Dosierung immer wieder angepasst werden muss, wenn eine zweite Erkrankung im Spiel ist, wenn Beruf oder Sport hohe Anforderungen stellen – oder wenn die Unsicherheit selbst zur Belastung wird.

11. Wenn nichts vorwärtsgeht: die Eingriffe

11.1 Wann sie überhaupt zur Sprache kommen

Eingriffe kommen erst infrage, wenn die Einschränkung erheblich ist, den Alltag deutlich behindert und über viele Monate hinweg trotz nicht operativer Behandlung besteht – genannt wird dafür meist eine Dauer von etwa 18 Monaten [6]. Vor diesem Zeitpunkt gilt: Der Verlauf braucht Zeit, und ein Eingriff kürzt sie nicht zuverlässig ab.

11.2 Die drei Verfahren

  • Dehnung des Gelenks mit Flüssigkeit (Hydrodilatation). Unter Bildsteuerung wird Flüssigkeit zusammen mit Kortison ins Gelenk gespritzt, bis sich die Kapsel dehnt. Kein Schnitt, keine Narkose. Eine Cochrane-Übersicht fand kurzfristige Verbesserungen von Schmerz, Beweglichkeit und Funktion gegenüber einer Scheinbehandlung, konnte aber nicht klären, ob das Verfahren anderen Behandlungen überlegen ist [31]. Eine spätere Metaanalyse fiel nüchterner aus: Der Effekt auf den Schmerz war klein, der auf die Alltagsfunktion nicht nachweisbar, und die Menge der eingespritzten Flüssigkeit machte keinen Unterschied [32].
  • Mobilisation in Narkose. In Kurznarkose wird der Arm geführt bewegt, bis die geschrumpfte Kapsel nachgibt. Das dauert wenige Minuten und benötigt keinen Schnitt. Das Verfahren ist alt, breit angewendet und in seiner Wirksamkeit nie gegen eine Scheinbehandlung geprüft worden [34]. Bekannte Risiken sind Knochenbrüche, Sehnenrisse und Verrenkungen – selten, aber vorhanden.
  • Arthroskopische Lösung der Kapsel. Über kleine Schnitte wird die verdickte Kapsel mit Instrumenten gezielt durchtrennt, meist vorne im Rotatorenintervall. Der Eingriff erlaubt es, das Ausmass zu steuern, und wird bei Menschen mit Diabetes oder nach erfolgloser Mobilisation bevorzugt. Eine Übersicht über 22 Studien fand allerdings keinen belegten Vorteil gegenüber der Mobilisation in Narkose – bei durchweg geringer Studienqualität [35].

11.3 Die Studie, die alle drei verglichen hat

Die britische UK-FROST-Studie ist die grösste Untersuchung zu dieser Frage. An 35 Kliniken wurden 503 Menschen mit einer primären Frozen Shoulder per Los einem von drei Wegen zugeteilt: Mobilisation in Narkose, arthroskopische Lösung der Kapsel oder ein frühes strukturiertes Physiotherapieprogramm – alle drei jeweils mit Kortisonspritze und Nachbehandlung [33].

Nach zwölf Monaten sah es so aus (gemessen mit dem Oxford Shoulder Score, einem Fragebogen von 0 bis 48 Punkten, bei dem höhere Werte besser sind):

BehandlungPunkte nach 12 MonatenBesonderheiten
Arthroskopische Lösung40,3höchstes Risiko: 8 schwere Zwischenfälle
Mobilisation in Narkose38,32 schwere Zwischenfälle; wirtschaftlichste Variante
Frühe strukturierte Physiotherapie37,2kein Eingriff nötig

Der grösste Abstand – zwischen arthroskopischer Lösung und Physiotherapie – betrug rund 3 Punkte. Als bedeutsam hatten die Forschenden vorab 5 Punkte festgelegt. Keines der drei Verfahren war den anderen klinisch überlegen. Am kosteneffektivsten war die Mobilisation in Narkose, die höchsten Risiken hatte die Arthroskopie.

Das ist ein bemerkenswertes Ergebnis: Zwei Operationen, ein Jahr Verlauf, und am Ende steht die Physiotherapie praktisch gleichauf. Für die Entscheidung heisst das, dass es keine offensichtlich beste Wahl gibt – sondern eine Abwägung zwischen Risiko, Aufwand, Wartezeit und der Frage, wie lange Sie mit dem jetzigen Zustand noch leben können.

11.4 Nach dem Eingriff

Was ein Eingriff schafft, ist ein Zeitfenster: Die Kapsel gibt nach, das Gelenk lässt sich weiter bewegen. Ob dieser Gewinn erhalten bleibt, entscheidet sich in den Wochen danach.

Deshalb beginnt die Bewegungstherapie unmittelbar – in der Regel noch am selben oder am nächsten Tag – und wird anfangs häufig durchgeführt, mehrmals täglich in kleinen Einheiten. Eine Kortisonspritze während des Eingriffs dämpft die neu angestossene Entzündung. Die ersten Wochen sind die anstrengendsten, weil viel geübt werden muss, während die Schulter frisch gereizt ist.

12. Wenn Diabetes dazukommt

Menschen mit Diabetes bekommen nicht nur häufiger eine Frozen Shoulder [8], ihr Verlauf ist auch zäher. Das zeigt sich bis in die Ergebnisse nach einem Eingriff: In einem Vergleich von je 21 Personen mit und ohne Diabetes nach arthroskopischer Lösung der Kapsel waren die Werte in der Diabetesgruppe nach sechs Monaten deutlich schlechter, und nach zwei Jahren hatten dort 15 von 21 die volle Beweglichkeit zurückgewonnen gegenüber 19 von 21 in der Vergleichsgruppe [36].

Für die Behandlung ergeben sich daraus vier Punkte:

  • Erwartungen anpassen. Es dauert im Mittel länger. Das vorher zu wissen, ist besser, als es unterwegs als Rückschlag zu erleben.
  • Kortison mit Bedacht. Eine Spritze ins Gelenk hebt den Blutzucker für einige Tage an, Kortisontabletten stärker und länger. Beides ist meist beherrschbar, muss aber angekündigt und der Blutzucker in dieser Zeit engmaschiger kontrolliert werden.
  • Die andere Schulter im Blick behalten, weil ein beidseitiger Verlauf bei Diabetes häufiger vorkommt.
  • Den Blutzucker gut einstellen. Dass eine bessere Einstellung die Frozen Shoulder verkürzt, ist nicht bewiesen. Sinnvoll ist sie aus vielen anderen Gründen.

13. Die andere Schulter

Eine Frage kommt fast immer: Kann das auf der anderen Seite auch passieren?

Es kann. In der britischen Nachuntersuchung berichteten 20 von 100 Betroffenen über Beschwerden an beiden Schultern – nacheinander, nicht gleichzeitig [17]. Häufiger ist das bei Diabetes.

Ebenso wichtig ist die andere Hälfte der Antwort: In derselben Schulter kehrt die Erkrankung praktisch nicht zurück. In derselben Untersuchung gab es unter 269 Schultern keinen einzigen Rückfall [17]. Wer diese Zeit einmal hinter sich gebracht hat, muss sie an dieser Schulter nicht ein zweites Mal durchlaufen.

14. Alltag: Schlafen, Anziehen, Arbeiten, Sport

Weil die Erkrankung lange dauert, entscheidet der Alltag über die Lebensqualität – mehr als jede einzelne Behandlung. Was sich bewährt hat:

  • Anziehen. Den betroffenen Arm zuerst in den Ärmel, beim Ausziehen zuletzt heraus. Vorne geknöpfte Hemden und Blusen statt Pullover über den Kopf. Bei Frauen: BH mit vorderem Verschluss, oder vorne schliessen und dann drehen.
  • Körperpflege. Langstielige Bürsten und Kämme; Duschgel und Shampoo auf Griffhöhe stellen, nicht ins obere Fach.
  • Autofahren. Den Gurt mit der gesunden Hand über die Schulter führen. Beim Rückwärtsfahren die Kamera oder die Spiegel nutzen, statt den Oberkörper zu verdrehen.
  • Arbeiten. Alles Häufige in Reichweite unterhalb der Schulterhöhe anordnen. Bei Arbeiten über Kopf: die Aufgabe umbauen, nicht durchbeissen. Ein befristetes Arztzeugnis mit einer klaren Einschränkung («keine Tätigkeiten über Schulterhöhe») ist oft brauchbarer als eine vollständige Arbeitsunfähigkeit.
  • Sport. Alles, was ohne die Schulter geht, geht weiter – Velofahren mit aufrechtem Lenker, Gehen, Wandern, Beintraining, Rumpfübungen. Auszusetzen sind Sportarten mit Wurf-, Schlag- oder Sturzrisiko und Sportarten mit hoher Belastung über Kopf. Diese Auszeit ist vorübergehend.
  • Tragen. Lasten dicht am Körper und mit angelegtem Ellbogen tragen; Einkäufe auf beide Seiten verteilen oder einen Rucksack verwenden.

Und ein Punkt, der oft untergeht: Diese Erkrankung zermürbt. Monatelanger Schlafmangel und eine Einschränkung, die niemand sieht, schlagen aufs Gemüt. Wenn Sie das erleben, ist das keine Charakterschwäche, sondern eine erwartbare Folge – und ein guter Grund, es anzusprechen.

15. Was Sie selbst tun können

  • Bewegen Sie täglich, mehrmals, kurz. Fünf Minuten fünfmal am Tag sind besser als eine halbe Stunde am Stück.
  • Halten Sie sich an die 24-Stunden-Regel aus Abschnitt 9.3. Sie ersetzt jede Diskussion darüber, wie weit man gehen darf.
  • Kümmern Sie sich um den Schlaf. In der schmerzhaften Phase ist das die wichtigste Einzelmassnahme – notfalls mit einer Spritze und mit einer besprochenen Schmerzmitteleinnahme am Abend.
  • Halten Sie die Kraft. Auch mit steifer Schulter lässt sich der Arm anspannen, und Ellbogen, Hand und der Rest des Körpers bleiben ohnehin voll benutzbar.
  • Messen Sie statt zu schätzen. Notieren Sie einmal pro Woche zwei, drei Alltagsmarken: Erreiche ich das Regal? Komme ich an den Rücken? Wie viele Nächte habe ich durchgeschlafen?
  • Lassen Sie Blutzucker und Schilddrüse prüfen, wenn das noch nie gemacht wurde.
  • Rechnen Sie in Monaten. Diese Erwartung schützt vor der täglichen Enttäuschung – und die Enttäuschung ist bei dieser Erkrankung der grösste Störfaktor.

16. Wo, wie oft und wie lange die Therapie stattfindet

In der Schweiz umfasst eine ärztliche Verordnung neun Sitzungen [37]. Bei einer Frozen Shoulder reicht das in vielen Fällen für den ersten Abschnitt: einordnen, den Schmerz in den Griff bekommen, das Heimprogramm einrichten, die Dosierung einüben. Bei anhaltender Einschränkung oder nach einem Eingriff folgt eine zweite Verordnung.

Weil die Erkrankung so lange dauert, ist die Verteilung wichtiger als die Anzahl. Es ist bei dieser Diagnose oft sinnvoller, die Sitzungen über Monate zu strecken – anfangs dichter, dann mit grösseren Abständen zur Kontrolle und Anpassung –, als sie in sechs Wochen aufzubrauchen und danach ohne Begleitung dazustehen.

Der entscheidende Punkt ist wie überall: Was zwischen den Terminen geschieht, entscheidet. Die Sitzung ist die Steuerung, nicht die Behandlung.

Und ein Kriterium für die Zwischenbilanz: Nach sechs bis acht Wochen sollte sich etwas bewegt haben – weniger Nachtschmerz, mehr Grad bei der Auswärtsdrehung, mehr erreichbare Alltagsmarken. Bewegt sich nichts, ändern wir den Ansatz oder empfehlen eine erneute ärztliche Beurteilung. Was nicht sinnvoll ist: unverändert weiterzumachen, weil noch Sitzungen übrig sind.

17. Acht verbreitete Missverständnisse

  • «Da ist etwas verklebt, das muss gelöst werden.» Es gibt keine Verklebungen. Die Kapsel ist entzündet, verdickt und geschrumpft – ein Umbau des Gewebes, kein Zusammenkleben [1][2].
  • «Wer kräftig dehnt, wird schneller fertig.» In der schmerzhaften Phase gilt das Gegenteil: Zurückhaltung führte in einer Vergleichsstudie nach zwei Jahren zu besseren Ergebnissen als intensives Dehnen [26].
  • «Ich muss ein MRT machen lassen.» Die Diagnose stellt die Untersuchung. Ein Bild dient dem Ausschluss anderer Ursachen, nicht dem Nachweis der Frozen Shoulder [12].
  • «Kortison schadet dem Gelenk.» Einzelne Spritzen ins Gelenk sind bei dieser Erkrankung die wirksamste kurzfristige Massnahme; Nebenwirkungen sind selten und meist harmlos [20][21]. Ungünstig sind erst häufige Wiederholungen.
  • «Wenn ich abwarte, wird es steif bleiben.» Bei den allermeisten Menschen kehrt die Beweglichkeit weitgehend zurück; in einer Nachbeobachtung ohne Behandlung waren es 94 von 100 [16].
  • «Eine Operation löst das Problem schnell.» In der grössten Vergleichsstudie war nach zwölf Monaten kein Verfahren den anderen klinisch überlegen – auch die beiden Operationen nicht [33].
  • «Ich habe mir das durch eine falsche Bewegung zugezogen.» Der Umbau der Kapsel läuft über Wochen ab. Die Bewegung, bei der es zuerst weh tat, hat ihn nicht ausgelöst.
  • «Danach ist die Schulter kaputt.» Die Frozen Shoulder hinterlässt keine Arthrose und keinen Schaden am Knorpel. Was zurückbleiben kann, ist eine Reststeifheit – meist ohne Bedeutung für den Alltag [17].

18. Wann Sie sich bei uns melden sollten

Sinnvoll ist eine Beurteilung, wenn:

  • eine Schulter über Wochen zunehmend schmerzt und dabei steifer wird, besonders nachts;
  • Sie nicht wissen, ob es eine Frozen Shoulder ist oder etwas anderes – die Unterscheidung entscheidet über das ganze Vorgehen;
  • Sie unsicher sind, wie stark Sie üben dürfen, und zwischen zu viel und zu wenig schwanken;
  • der Schlaf über Wochen gestört ist;
  • die Einschränkung Beruf oder Sport betrifft und ein Plan für die Anpassung nötig ist;
  • ein Eingriff im Raum steht und Sie die Argumente sortieren möchten;
  • Sie operiert wurden und die Nachbehandlung anlegen müssen.

Was Sie in unserer Praxis erwartet: zuerst die Einordnung – passt das Bild zur Frozen Shoulder, ist die passive Auswärtsdrehung eingeschränkt, gibt es Warnzeichen, sind Begleiterkrankungen bekannt. Dann eine ehrliche Auskunft über den zu erwartenden Zeitraum, weil das erfahrungsgemäss am meisten entlastet. Danach die Arbeit: ein Heimprogramm mit klarer Dosierung, die Bewegungsgrade schriftlich festgehalten, Kraftarbeit im möglichen Bereich, Lösungen für Schlaf, Anziehen und Arbeit. Wir messen im Verlauf und ziehen nach sechs bis acht Wochen Bilanz. Steht eine Spritze oder ein Eingriff zur Diskussion, bereiten wir das Gespräch mit Ihnen vor – entschieden wird es zusammen mit der Ärztin oder dem Arzt.

19. Zusammengefasst

Die Frozen Shoulder ist eine Erkrankung der Gelenkkapsel: zuerst eine Entzündung, die stark schmerzt, dann eine Vernarbung, die steif macht. Sie kommt meist ohne erkennbaren Anlass, betrifft überwiegend Menschen zwischen 40 und 60 Jahren und tritt bei Diabetes deutlich häufiger auf. Verklebt ist nichts – trotz des Fachworts «adhäsive Kapsulitis».

Erkannt wird sie in der Untersuchung, nicht auf einem Bild: Die Beweglichkeit ist auch dann eingeschränkt, wenn jemand anders den entspannten Arm führt, und am stärksten trifft es die Auswärtsdrehung. Ein Röntgenbild dient dem Ausschluss, ein MRT braucht es in der Regel nicht.

Der Verlauf ist langwierig und geht bei fast allen Menschen gut aus. In der unbehandelten Gruppe einer Nachuntersuchung dauerte er im Mittel 15 Monate, mit einer Spanne von 4 bis 36; nach gut vier Jahren hatten knapp 6 von 10 eine normale oder nahezu normale Schulter, und die meisten Restbeschwerden waren leicht. Die Vorstellung eines festen Fahrplans aus drei Phasen ist eine Beschreibung, keine Gesetzmässigkeit.

Behandelt wird nicht die Kapsel, sondern der Schmerz und die Zeit. In der schmerzhaften Phase ist die Kortisonspritze ins Gelenk die wirksamste einzelne Massnahme, am besten zusammen mit einem einfachen Heimprogramm. Kräftiges Dehnen gegen den Schmerz hilft in dieser Phase nicht und schadet eher; in der steifen Phase darf spürbar an der Grenze gearbeitet werden. Massgeblich ist nicht, wie weh es beim Üben tut, sondern wie es 24 Stunden später ist.

Eingriffe kommen erst nach vielen Monaten in Betracht, und die grösste Vergleichsstudie fand nach einem Jahr keinen klinisch bedeutsamen Unterschied zwischen zwei Operationen und einem strukturierten Physiotherapieprogramm. Wer abwartet, verpasst deshalb nichts.

Die brauchbarste Frage lautet auch hier nicht «Wann ist es weg?», sondern: Was genau geht gerade nicht, und was ist der nächste Schritt zurück? Bei dieser Erkrankung heisst die Antwort fast immer: Schmerz dämpfen, Schlaf sichern, täglich bewegen – und der Kapsel die Zeit lassen, die sie braucht.

Literatur

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