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Gangstabilität: was Ihren Schritt sicher macht – Wissen

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Gangstabilität: was Ihren Schritt sicher macht

Was Gangstabilität bedeutet, wo beim Gehen die Stürze entstehen, was Gehgeschwindigkeit, Schrittvariabilität und der Lyapunov-Exponent tatsächlich messen und welches Training die Sicherheit erhöht

Ratgeber · Stand August 2026 · Lesezeit ca. 20 Minuten · alle DOI einzeln geprüft

1. Worum es in diesem Text geht

Gangstabilität ist die Fähigkeit, beim Gehen mit Störungen fertig zu werden. Eine Störung kann eine Bodenwelle sein, ein Stoss im Gedränge oder ein Fehltritt am Randstein. Ihr Gang ist stabil, wenn Sie danach weitergehen und dabei aufrecht bleiben.

Dieser Text beantwortet vier Fragen:

  • Was hält Sie beim Gehen aufrecht?
  • Womit lässt sich Gangstabilität messen?
  • Was leistet der Lyapunov-Exponent, ein Messwert aus der Bewegungsforschung?
  • Was verbessert die Gangstabilität?

Eine Einordnung gehört an den Anfang. Zum Training liegen grosse randomisierte Studien vor [23]. Zu den Messwerten sieht es anders aus. Die Gehgeschwindigkeit und die Schwankung von Schritt zu Schritt sind in Kohortenstudien mit Stürzen verknüpft [7], [8]. Der Lyapunov-Exponent bleibt bis heute ein Forschungsmass ohne Normwerte [16].

Dieser Beitrag ergänzt zwei andere. Wie eine Sturzabklärung abläuft, steht in Sturzrisiko abklären. Welche Programme Stürze senken, steht in Sturzprävention.

2. Was Gangstabilität bedeutet

Gehen ist eine Folge von kontrollierten Beinahe-Stürzen. Bei jedem Schritt fällt Ihr Körper nach vorne. Das Schwungbein fängt ihn auf. Danach beginnt derselbe Vorgang auf der anderen Seite.

Ihr Körperschwerpunkt liegt dabei die meiste Zeit ausserhalb der Fläche, auf der Sie stehen. Beim ruhigen Stehen ist das anders. Dort liegt der Schwerpunkt über den Füssen. Gehen verlangt deshalb eine laufende Steuerung, die das Stehen nicht braucht [1].

In der Forschung heisst Gangstabilität: Wie gut kehrt Ihr Gangmuster nach einer Störung zu sich selbst zurück [1]? Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2013 hat die damals gebräuchlichen Messverfahren dafür verglichen [1].

2.1 Stabilität und Variabilität sind zwei verschiedene Grössen

Zwei Begriffe werden häufig vermischt. Sie messen Verschiedenes.

  • Variabilität beschreibt, wie stark Ihre Schritte voneinander abweichen. Gemessen wird zum Beispiel die Streuung der Schrittdauer über hundert Schritte.
  • Stabilität beschreibt, wie Ihr Körper auf eine Abweichung antwortet. Gemessen wird, ob eine Störung im nächsten Schritt kleiner oder grösser wird.

Der Unterschied hat praktische Folgen. Ein sehr gleichmässiger Gang kann trotzdem empfindlich auf Störungen sein. Und eine gewisse Schwankung gehört zum gesunden Gehen dazu. Sie erlaubt Ihnen, sich an unebenen Boden anzupassen.

Die Übersichtsarbeit von 2013 kam zum Schluss, dass zwei Grössen am besten abgestützt sind: die Variabilitätsmasse und der kurzfristige Lyapunov-Exponent [1]. Für den langfristigen Lyapunov-Exponenten und für einige weitere Verfahren fiel das Urteil ungünstig aus [1].

3. Wie Ihr Körper das Gehen sichert

Drei Sinne liefern die Grundlage. Ihre Augen melden, wo der Boden ist. Ihr Gleichgewichtsorgan im Innenohr meldet Drehung und Beschleunigung des Kopfes. Ihre Tiefensensibilität meldet aus Gelenken, Muskeln und Sehnen, wo Ihre Glieder gerade stehen.

Aus diesen Meldungen steuert Ihr Nervensystem vor allem eine Grösse: wohin der nächste Fuss tritt. Dazu kommen Muskelkraft am Sprunggelenk und an der Hüfte sowie die Haltung des Rumpfes.

3.1 Die seitliche Richtung braucht aktive Steuerung

Vorwärts und rückwärts stabilisiert sich das Gehen weitgehend von selbst. Der Schwung des Körpers trägt Sie über den Standfuss hinweg. Seitlich gilt das nicht. Dort kippt der Körper ohne Steuerung weg [2].

Eine Arbeit aus dem Jahr 2000 hat das an 15 gesunden jungen Menschen gezeigt [2]. Bei offenen Augen schwankte die Fussposition seitlich um 79 Prozent stärker als in Gehrichtung. Beim Gehen mit geschlossenen Augen nahm die seitliche Schwankung um 53 Prozent zu, die Schwankung in Gehrichtung nur um 21 Prozent [2].

Daraus folgt eine praktische Regel. Wer seitlich unsicher ist, braucht Übungen in seitlicher Richtung. Seitwärtsschritte, Übergangsschritte und schmale Standpositionen gehören deshalb in jedes Gleichgewichtsprogramm.

3.2 Die Stabilitätsreserve bei jedem Schritt

Für den Stand gilt eine einfache Regel. Ihr Schwerpunkt muss senkrecht über der Fläche zwischen Ihren Füssen liegen. Für das Gehen genügt diese Regel nicht, weil Ihr Körper sich bewegt.

Eine Arbeit aus dem Jahr 2005 hat die Regel erweitert [3]. Zum Ort des Schwerpunkts wird seine Geschwindigkeit dazugerechnet. Daraus entsteht ein gedachter Punkt etwas vor Ihrem tatsächlichen Schwerpunkt. Wie weit dieser Punkt vom Rand Ihrer Standfläche entfernt ist, heisst Stabilitätsreserve [3].

Wer schneller geht, braucht eine grössere Standfläche, um dieselbe Reserve zu halten. Deshalb werden Ihre Schritte länger, wenn Sie schneller gehen. Und deshalb ist ein Stoss von der Seite gefährlicher als ein Stoss von hinten. Seitlich ist Ihre Standfläche schmal.

4. Wo es beim Gehen schiefgeht

Eine Studie in zwei Pflegeheimen hat 227 echte Stürze auf Video aufgenommen und ausgewertet [4]. Die Aufnahmen stammen von 130 Personen mit einem Durchschnittsalter von 78 Jahren.

  • Falsche Gewichtsverlagerung war die häufigste Ursache: 93 der 227 Stürze, also 41 Prozent [4].
  • Stolpern folgte mit 48 Stürzen, also 21 Prozent [4].
  • Anstossen, Wegrutschen der Stütze und Zusammensacken machten je rund 11 Prozent aus [4].
  • Ausrutschen war selten: 6 der 227 Stürze, also 3 Prozent [4].

Die häufigste Tätigkeit beim Sturz war das Vorwärtsgehen mit 54 der 227 Stürze [4]. Danach kamen ruhiges Stehen mit 29 Stürzen und das Hinsetzen mit 28 Stürzen [4].

Diese Zahlen stammen aus Pflegeheimen. Für Menschen, die zu Hause leben und draussen unterwegs sind, gelten sie nur eingeschränkt. Draussen kommt das Stolpern häufiger vor.

Beim Stolpern spielt die Zehenfreiheit eine Rolle. Damit ist der kleinste Abstand zwischen Fuss und Boden gemeint, während das Bein nach vorne schwingt. Eine Übersicht über zwölf Studien fand keinen Altersunterschied im Mittelwert dieses Abstands [5]. Was sich unterschied, war die Schwankung von Schritt zu Schritt. Sie war bei älteren Menschen grösser, und sie war bei Menschen mit Sturzgeschichte grösser als bei Menschen ohne [5].

Für Sie heisst das: Es geht um die einzelnen ungünstigen Schritte. Ihr durchschnittlicher Schritt sagt darüber wenig aus.

5. Was in der Praxis gemessen wird

Die weltweite Leitlinie zur Sturzprävention von 2022 empfiehlt für alle älteren Menschen eine kurze Einschätzung [9]. Gefragt wird nach Stürzen im vergangenen Jahr, nach Unsicherheit beim Gehen und nach Angst vor Stürzen [9]. Erst danach folgen Messungen.

5.1 Die Gehgeschwindigkeit ist der einfachste Messwert

Sie brauchen dafür eine gerade Strecke und eine Stoppuhr. Gemessen wird die Zeit für vier oder zehn Meter.

Eine Auswertung von neun Kohortenstudien mit 34'485 Menschen ab 65 Jahren hat den Wert eingeordnet [6]. Die mittlere Gehgeschwindigkeit lag bei 0,92 Metern pro Sekunde. Je 0,1 Meter pro Sekunde schnelleres Gehen ging mit einer tieferen Sterblichkeit einher [6]. Die Nachbeobachtung dauerte 6 bis 21 Jahre.

Für Stürze gilt Ähnliches. In einer Studie an 597 Menschen ab 70 Jahren stürzten über durchschnittlich 20 Monate 226 Personen, also 38 von 100 [7]. Je 0,1 Meter pro Sekunde langsamer war die Sturzrate um rund 7 Prozent höher [7].

Eine Warnung gehört dazu. Die Gehgeschwindigkeit beschreibt Unterschiede zwischen Gruppen. Für eine einzelne Person bleibt sie eine Wahrscheinlichkeit. Mehr zur Genauigkeit solcher Tests steht in Sturzrisiko abklären.

5.2 Die Schwankung von Schritt zu Schritt

Gemessen wird, wie stark die Dauer oder die Länge Ihrer Schritte um ihren eigenen Mittelwert streut. Dafür brauchen Sie mehrere Dutzend Schritte am Stück.

Eine Studie an 52 Menschen ab 70 Jahren hat diese Streuung mit späteren Stürzen verglichen [8]. Rund 40 Prozent der Teilnehmenden stürzten im folgenden Jahr mindestens einmal. Bei ihnen streute die Schrittdauer im Mittel um 106 Millisekunden, bei den übrigen um 49 Millisekunden [8].

Diese Zahl hat Grenzen. Es nahmen 52 Personen teil, und die Streuung innerhalb der Sturzgruppe war gross. Die Gruppen unterscheiden sich also im Mittel, und die Werte einzelner Personen überlappen stark.

Die grössere Studie an 597 Menschen fand denselben Zusammenhang [7]. Sowohl die Streuung der Schrittlänge als auch die Streuung der Schwungzeit sagten Stürze voraus. Das galt zusätzlich zu Alter, Erkrankungen, Medikamenten und den üblichen Gleichgewichtstests [7].

5.3 Sensoren messen im Alltag statt im Labor

Ein Beschleunigungsmesser am unteren Rücken zeichnet auf, wie Ihr Rumpf beim Gehen schwingt. Aus diesem Signal lassen sich Geschwindigkeit, Schrittlänge, Gleichmässigkeit und Stabilitätsmasse berechnen.

Eine Studie liess 169 Menschen mit einem Durchschnittsalter von 75 Jahren eine Woche lang einen solchen Sensor tragen [10]. In den folgenden sechs Monaten stürzten 35 von 100 Personen mindestens einmal [10]. Sowohl die Menge der Bewegung als auch die Qualität des Gehens hingen mit den Stürzen zusammen [10].

Eine grössere Fortsetzung mit 319 Menschen bestätigte das [11]. Die Vorhersagegüte der Modelle lag zwischen 0,66 und 0,76 [11]. Ein Wert von 0,5 entspricht dem Zufall, ein Wert von 1,0 einer perfekten Trennung. Die Modelle liegen also zwischen Zufall und Sicherheit, näher beim Zufall als bei der Sicherheit.

Ein Befund verdient Aufmerksamkeit. Eine Arbeit hat bei 18 älteren Menschen dieselben Grössen einmal auf dem Laufband und einmal im Alltag gemessen [12]. Im Alltag war das Gehen schwankender, weniger gleichmässig und weniger stabil als auf dem Laufband [12]. Für 14 von 32 Kenngrössen stimmten die beiden Messungen überein. Ausgerechnet das Stabilitätsmass gehörte zu jenen ohne Übereinstimmung [12].

Für Sie heisst das: Eine Messung auf dem Laufband beschreibt Ihr Gehen auf dem Laufband. Ihr Gehen auf dem Trottoir kann anders aussehen.

6. Der Lyapunov-Exponent

Der Lyapunov-Exponent ist ein Messwert aus der Mathematik bewegter Systeme. Er wird seit dem Jahr 2000 auf das menschliche Gehen angewandt [14]. In der Gangforschung heisst er auch lokale dynamische Stabilität oder Divergenzexponent.

6.1 Die Grundidee: wie schnell wachsen kleine Abweichungen?

Stellen Sie sich zwei Momente in Ihrem Gehen vor. In beiden Momenten sind Ihre Gelenkstellungen und Ihre Geschwindigkeiten fast gleich. Die beiden Momente liegen mehrere Schritte auseinander.

Jetzt verfolgen Sie beide Momente vorwärts. Nach einem halben Schritt: Wie verschieden sind die beiden Bewegungen geworden? Nach einem ganzen Schritt: Wie verschieden dann?

Der Lyapunov-Exponent gibt an, wie schnell dieser Unterschied wächst. Ein hoher Wert bedeutet, dass kleine Abweichungen rasch grösser werden. Ein tiefer Wert bedeutet, dass Ihr Gehen kleine Abweichungen wieder einfängt. Ein hoher Wert steht also für weniger Stabilität [1].

Die Rechnung braucht keine künstliche Störung. Sie nutzt die kleinen Abweichungen, die in jedem Gehen ohnehin vorkommen. Genau das macht den Wert für die Forschung reizvoll. Sie müssen niemanden anstossen, um etwas über die Antwort auf einen Stoss zu erfahren.

Zwei Werte werden getrennt berechnet [1]. Der kurzfristige Exponent beschreibt das erste halbe bis ganze Schrittintervall. Der langfristige Exponent beschreibt vier bis zehn Schritte. Der kurzfristige Wert ist der besser abgestützte von beiden [1].

6.2 Wie der Wert berechnet wird

Der Weg vom Signal zur Zahl läuft in vier Schritten.

  1. Aufzeichnen. Ein Sensor am Rumpf oder ein Kamerasystem zeichnet mehrere Minuten Gehen auf. Erfasst wird zum Beispiel die Beschleunigung des unteren Rückens in drei Richtungen.
  2. Zustandsraum aufbauen. Aus dem einen Signal werden mehrere gemacht, indem dasselbe Signal zeitversetzt neben sich selbst gelegt wird. So entsteht aus einer Kurve eine mehrdimensionale Bahn.
  3. Nachbarn suchen. Für jeden Punkt auf dieser Bahn wird der nächstgelegene Punkt aus einem anderen Schrittzyklus gesucht. Diese beiden Punkte sind die zwei fast gleichen Momente.
  4. Auseinanderlaufen messen. Für alle Nachbarpaare wird gemessen, wie ihr Abstand über die folgenden Schritte wächst. Die Steigung dieser Kurve ist der Lyapunov-Exponent.

Das gängige Rechenverfahren stammt aus dem Jahr 1993 [13]. Es wurde für kurze Messreihen entwickelt und ist bis heute das meistgenutzte in der Gangforschung.

Die erste Anwendung auf das Gehen erschien im Jahr 2000 [14]. Sie verglich Gehen auf dem Boden mit Gehen auf dem Laufband. Und sie verglich Menschen mit einer Nervenschädigung durch Diabetes mit gesunden Vergleichspersonen [14]. Ein Ergebnis dieser Arbeit gilt bis heute: Das Laufband macht das Gehen stabiler, als es auf dem Boden ist [14].

6.3 Was der Wert über das Sturzrisiko sagt

Die grösste Arbeit dazu untersuchte 134 Menschen zwischen 50 und 75 Jahren [15]. Sie gingen auf einem Laufband, während ein Sensor am Rumpf aufzeichnete. Danach wurden sie nach Stürzen im vergangenen Jahr gefragt.

Sowohl die Schrittschwankung als auch der kurzfristige Lyapunov-Exponent hingen mit der Sturzgeschichte zusammen [15]. Beide zusammen erklärten mehr als jede Grösse für sich [15].

Diese Arbeit hat eine Einschränkung, die für ihre Aussage entscheidend ist. Gefragt wurde nach Stürzen in der Vergangenheit, gemessen wurde danach. Wer bereits gestürzt ist, geht möglicherweise anders. Ob der Wert kommende Stürze vorhersagt, beantwortet diese Bauart offen.

Die Übersichtsarbeit von 2013 ordnete den kurzfristigen Exponenten als eines der beiden am besten abgestützten Verfahren ein [1]. Für den langfristigen Exponenten fiel das Urteil ungünstig aus [1].

Bei neurologischen Erkrankungen wird der Wert ebenfalls erprobt. Eine Übersicht von 2026 zur Multiplen Sklerose beschreibt ihn als empfindlich für frühe Veränderungen [22]. Sie hält zugleich fest, dass die klinische Anwendung noch offen ist [22]. Mehr zur Erkrankung steht in Multiple Sklerose.

Normwerte gibt es nicht. Eine systematische Übersicht wertete 102 Arbeiten aus [16]. Die Werte unterschieden sich je nach Messort, Rechenverfahren, Schrittzahl und Gehgeschwindigkeit so stark, dass sich keine Vergleichszahl bilden liess [16]. Die Arbeit forderte deshalb ein einheitliches Vorgehen, bevor der Wert in die Praxis geht [16].

6.4 Wo der Wert an Grenzen stösst

Fünf Einschränkungen sind gut belegt.

Erstens hängt der Wert von der Gehgeschwindigkeit ab. Eine Arbeit mass 15 gesunde Menschen bei verschiedenen Laufbandgeschwindigkeiten [18]. Der kurzfristige Exponent sank in Gehrichtung mit steigendem Tempo [18]. Seitlich und in der Senkrechten verlief der Zusammenhang gebogen [18]. Zwei Personen mit verschiedenem Tempo lassen sich also schlecht direkt vergleichen.

Zweitens hängt der Wert von der Länge der Messung ab. Dieselbe Arbeitsgruppe zeigte, dass längere Messreihen genauere Werte liefern [17]. Zwei Messungen dürfen nur verglichen werden, wenn beide gleich viele Schritte umfassen [17].

Drittens reagiert der Wert empfindlich auf Messrauschen. Eine Arbeit fügte einem Rechenmodell Rauschen zu und beobachtete grosse Fehler im berechneten Exponenten [19]. Sie kam zum Schluss, dass mindestens 50 Schrittzyklen nötig sind [19].

Viertens hängt die Wiederholbarkeit stark von den Einstellungen ab. Eine Arbeit liess 15 junge Menschen dreimal auf dem Laufband gehen und berechnete den Exponenten aus 18 verschiedenen Bewegungsgrössen [20]. Fünf dieser 18 Grössen erreichten bei 450 Schritten eine sehr gute Übereinstimmung zwischen den Messungen [20]. Dieselben fünf blieben auch bei 60 Schritten brauchbar [20]. Für die übrigen 13 galt das nicht [20].

Fünftens braucht der Nachweis einer Veränderung viele Personen. Eine Arbeit rechnete aus, wie viele Teilnehmende eine Studie braucht, um Unterschiede in Stabilitäts- und Variabilitätsmassen zu zeigen [21]. Bei einer Messung pro Person und Bedingung reichte die Spanne von 7 bis 192 Personen [21]. Welche Zahl gilt, hängt von der Grösse des erwarteten Unterschieds ab [21].

Dazu kommt der Befund aus Abschnitt 5.3. Der Stabilitätswert vom Laufband und der Stabilitätswert aus dem Alltag hingen bei denselben Personen nicht zusammen [12].

6.5 Was das für Sie bedeutet

Der Lyapunov-Exponent beschreibt eine echte Eigenschaft des Gehens. Er misst, wie gut Ihr Nervensystem kleine Abweichungen im laufenden Schritt einfängt. Diese Eigenschaft lässt sich mit den einfachen Tests der Praxis schwer erfassen.

Für die Behandlung einer einzelnen Person bleibt der Wert heute trotzdem ohne Nutzen. Dafür fehlen drei Dinge: Normwerte [16], ein einheitliches Rechenverfahren [16] und Studien, die kommende Stürze vorhersagen statt vergangene abzubilden [15].

Wenn Ihnen jemand eine Messung der Gangstabilität mit einem einzelnen Zahlenwert anbietet, stellen Sie drei Fragen:

  • Womit vergleichen Sie meinen Wert?
  • Wie viele Schritte wurden gemessen, und bei welchem Tempo?
  • Was ändert sich an meiner Behandlung, je nachdem wie der Wert ausfällt?

Bleibt die dritte Frage ohne Antwort, ändert die Messung an Ihrer Behandlung nichts. Das Training richtet sich dann nach dem, was in den Trainingsstudien gemessen wurde: nach Ihrer Kraft, Ihrem Gleichgewicht, Ihrer Gehgeschwindigkeit und Ihren Stürzen.

7. Was die Gangstabilität verbessert

Hier ist die Datenlage deutlich besser als bei den Messwerten.

7.1 Kraft- und Gleichgewichtstraining ist die Grundlage

Die Cochrane-Übersicht von 2019 fasste 108 randomisierte Studien mit 23'407 Teilnehmenden zusammen [23]. Das Durchschnittsalter lag bei 76 Jahren, 77 Prozent waren Frauen.

Von 1'000 Personen, die ein Jahr lang begleitet wurden, stürzten in den Vergleichsgruppen 480 mindestens einmal [23]. In den Trainingsgruppen waren es 72 Personen weniger, mit einem Vertrauensbereich von 52 bis 91 Personen [23]. Die Sicherheit dieser Aussage ist hoch [23].

Die Wirkung hängt von der Art des Trainings ab [23]:

  • Gleichgewichts- und Alltagsübungen senkten die Sturzrate um 24 Prozent. Die Sicherheit dieser Aussage ist hoch [23].
  • Mehrere Trainingsarten zusammen, meist Gleichgewicht plus Krafttraining, senkten die Sturzrate um 34 Prozent. Die Sicherheit ist mittel [23].
  • Tai-Chi senkte die Sturzrate um 19 Prozent. Die Sicherheit ist tief [23].
  • Reines Krafttraining, Tanzen und Gehprogramme ohne Gleichgewichtsanteil ergaben ein unsicheres Bild [23].

Krafttraining bleibt trotzdem sinnvoll. Für den Schritt, der Sie auffängt, brauchen Sie Kraft in Wade und Oberschenkel. Mehr dazu steht in Krafttraining und Muskelschwäche im Alter.

7.2 Schritte auf ein Signal hin üben

Beim Stolpern entscheiden Bruchteile einer Sekunde. Wer rechtzeitig einen Schritt setzt, fängt sich.

Eine Übersicht fasste sieben randomisierte Studien mit 660 Teilnehmenden zusammen [24]. Geübt wurden Schritte auf ein Signal hin sowie Schritte aus einer Störung heraus. Die Sturzrate lag in den Trainingsgruppen um 52 Prozent tiefer als in den Vergleichsgruppen [24]. Der Anteil der Menschen mit mindestens einem Sturz lag um 49 Prozent tiefer [24].

Reaktionszeit, Einbeinstand und die Zeit im Timed Up and Go verbesserten sich [24]. Die Muskelkraft veränderte sich nicht [24]. Die Wirkung entsteht über die Antwortgeschwindigkeit.

Diese Zahlen stammen aus sieben kleinen Studien mit insgesamt 660 Personen. Die Cochrane-Übersicht deckt 108 Studien ab. Grössere Zahlen aus wenigen Studien bleiben unsicherer als kleinere Zahlen aus vielen.

7.3 Training mit gezielten Störungen

Beim Störungstraining bringt eine Fachperson Sie absichtlich aus dem Gleichgewicht. Sie zieht an einem Gurt, schiebt seitlich an der Schulter oder legt eine Stolperschwelle in den Weg. Auf einem Laufband geschieht dasselbe über plötzliche Geschwindigkeitswechsel [26]. Eine Sicherung am Gurt fängt Sie ab.

Der Gedanke dahinter ist einfach. Sie üben genau die Bewegung, die einen Sturz verhindert [26].

Eine Übersicht von 2026 fasste 25 randomisierte Studien mit 2'659 älteren Menschen zusammen [25]. Die Sturzrate lag um 23 Prozent tiefer als in den Vergleichsgruppen, die Stürze mit Verletzung um 24 Prozent [25]. Programme mit mindestens sechs Stunden Übungszeit erreichten 33 Prozent [25].

Zwei Einschränkungen gehören dazu. Die Sicherheit dieser Aussage stufte die Übersicht als tief ein [25]. Und die Verbesserung zeigte sich vor allem im Auffangen des Gleichgewichts. Auf das gewöhnliche Gehen wirkte dieses Training wenig [25].

Eine ältere Übersicht von 2015 kam mit weniger Studien zu einem ähnlichen Bild [27]. Das Störungstraining kommt in den Studien zum Kraft- und Gleichgewichtstraining hinzu. Als alleiniges Programm ist es kaum untersucht.

7.4 Gehen und gleichzeitig denken

Die meisten Stürze passieren im Alltag, und im Alltag gehen Sie selten mit voller Aufmerksamkeit. Sie sprechen, tragen etwas oder suchen den Hausschlüssel.

Beim Doppelaufgabentraining üben Sie beides gleichzeitig. Sie gehen und zählen rückwärts. Sie gehen und nennen Wörter zu einem Buchstaben. Sie gehen und tragen ein Tablett.

Eine Übersicht mit Meta-Analyse fand für dieses Training bessere Werte im Gleichgewicht und in der Beweglichkeit als in den Vergleichsgruppen [28]. Zur Wirkung auf die Zahl der Stürze fiel das Ergebnis weniger klar aus [28].

8. Übungen für die Gangstabilität

Die folgenden Übungen decken die Bausteine aus Abschnitt 7 ab. Stellen Sie sich an eine Wand oder neben einen stabilen Stuhl. Die Hand bleibt in Reichweite der Lehne.

Einbeinstand.

  1. Stehen Sie auf einem Bein. Das andere Bein hängt frei.
  2. Halten Sie 20 bis 30 Sekunden.
  3. Wechseln Sie die Seite.
  4. Machen Sie 3 Durchgänge pro Seite, an 5 Tagen pro Woche.

Seitwärtsgehen.

  1. Gehen Sie 10 Schritte seitwärts nach rechts.
  2. Gehen Sie 10 Schritte seitwärts nach links.
  3. Kreuzen Sie dabei das hintere Bein einmal vorne und einmal hinten.
  4. Machen Sie 4 Durchgänge, an 3 bis 5 Tagen pro Woche.

Gehen mit Richtungswechsel.

  1. Gehen Sie 5 Meter geradeaus.
  2. Drehen Sie um 180 Grad und gehen Sie zurück.
  3. Wechseln Sie die Drehrichtung bei jedem zweiten Mal.
  4. Machen Sie 10 Umkehrungen, an 3 Tagen pro Woche.

Schritt auf ein Signal.

  1. Legen Sie vier Papierstreifen um sich herum: vorne, hinten, rechts, links.
  2. Lassen Sie eine zweite Person eine Richtung rufen.
  3. Setzen Sie so schnell wie möglich einen Fuss auf den genannten Streifen und kehren Sie zurück.
  4. Machen Sie 20 Schritte, an 3 Tagen pro Woche.

Gehen mit Denkaufgabe.

  1. Gehen Sie in gewohntem Tempo durch einen freien Raum.
  2. Zählen Sie dabei von 100 in Dreierschritten rückwärts.
  3. Gehen Sie 2 Minuten.
  4. Machen Sie 3 Durchgänge, an 3 Tagen pro Woche.

Zwei Bausteine gehören in fachliche Begleitung. Das Störungstraining braucht eine Sicherung und eine Person, die die Störung dosiert. Und wer bereits gestürzt ist, lässt die Ursachen vorher abklären.

Ein vollständiges Programm mit festen Sätzen und Wiederholungen finden Sie in Sturzprävention. Wie Sie Ihre Schrittfrequenz messen und verändern, steht in Laufschule.

9. Was Sie selbst beobachten können

Sie brauchen dafür keine Geräte. Achten Sie über zwei Wochen auf fünf Punkte.

  • Halten Sie beim Sprechen Ihr Tempo? Wer im Gespräch langsamer wird oder stehen bleibt, teilt seine Aufmerksamkeit anders auf als früher.
  • Wie sicher gehen Sie im Dunkeln? Ohne Sehen fällt die seitliche Steuerung schwerer [2].
  • Wie oft berühren Sie mit dem Fuss eine Kante? Zählen Sie Streifer an Teppichrändern und Türschwellen.
  • Meiden Sie Wege? Ein gemiedener Weg ist ein Hinweis, auch ohne Sturz.
  • Wie oft sind Sie im letzten Jahr gestürzt? Diese Frage steht in der Leitlinie an erster Stelle [9].

Notieren Sie die Antworten. Bei einer Abklärung sind sie mehr wert als eine Erinnerung.

10. Wann Sie sich melden sollten

Vereinbaren Sie einen Termin bei Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, wenn einer dieser Punkte zutrifft:

  • Sie sind im letzten Jahr mindestens einmal gestürzt [9].
  • Sie fühlen sich beim Gehen unsicher [9].
  • Sie meiden wegen Ihrer Unsicherheit Wege oder Tätigkeiten [9].
  • Ihr Gehen hat sich innerhalb von Wochen verändert.

Fahren Sie sofort in die Notfallaufnahme, wenn Ihre Gangunsicherheit plötzlich beginnt. Das gilt besonders zusammen mit Schwindel, Doppelbildern, undeutlicher Sprache, Taubheit oder Schwäche in einem Arm oder Bein. Dahinter kann ein Schlaganfall stecken. Mehr dazu steht in Kleinhirnschlag.

11. Was Sie wissen sollten

  • Gangstabilität ist die Antwort Ihres Körpers auf Störungen [1]. Die Gleichmässigkeit Ihrer Schritte ist eine andere Grösse.
  • Die seitliche Richtung braucht aktive Steuerung. Bei geschlossenen Augen nahm die seitliche Schwankung der Fussposition um 53 Prozent zu, jene in Gehrichtung um 21 Prozent [2].
  • Falsche Gewichtsverlagerung verursachte in Pflegeheimen 93 von 227 beobachteten Stürzen, Stolpern 48 und Ausrutschen 6 [4].
  • Beim Stolpern zählt die Schwankung der Zehenfreiheit. Ihr Mittelwert unterschied sich zwischen Alt und Jung nicht [5].
  • Die Gehgeschwindigkeit ist der einfachste brauchbare Messwert [6], [7].
  • Die Schwankung von Schritt zu Schritt sagt Stürze voraus. Bei 52 untersuchten Personen streute die Schrittdauer bei den später Gestürzten um 106 Millisekunden, bei den übrigen um 49 [8].
  • Sensoren im Alltag sagen Stürze mit mässiger Genauigkeit voraus. Die Modelle erreichten Werte zwischen 0,66 und 0,76 auf einer Skala von 0,5 bis 1,0 [11].
  • Der Lyapunov-Exponent misst, wie schnell kleine Abweichungen im Gehen wachsen [1], [14]. Ein hoher Wert steht für weniger Stabilität.
  • Der kurzfristige Exponent hängt mit der Sturzgeschichte zusammen [15]. Ob er kommende Stürze vorhersagt, ist offen.
  • Normwerte gibt es nicht. Eine Übersicht über 102 Arbeiten fand die Werte so verschieden, dass sich keine Vergleichszahl bilden liess [16].
  • Der Wert hängt von Tempo, Messdauer, Rauschen und Einstellungen ab [17], [18], [19], [20].
  • Training senkt Stürze. Von 1'000 begleiteten Personen stürzten in den Vergleichsgruppen 480 innerhalb eines Jahres mindestens einmal. In den Trainingsgruppen waren es 72 Personen weniger [23].
  • Am besten belegt sind Gleichgewichts- und Alltagsübungen, allein oder zusammen mit Krafttraining [23].
  • Schritttraining und Störungstraining ergänzen das Programm [24], [25].
  • Ihr Training richtet sich nach Kraft, Gleichgewicht, Tempo und Stürzen. Ein einzelner Zahlenwert aus dem Labor steuert es heute nicht.

Literatur

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Transparenz

  • Autorschaft: Roger Hilfiker
  • KI-Unterstützung: Literaturrecherche und Textentwurf entstanden mit Claude (Anthropic). Roger Hilfiker hat alle Aussagen, Zahlen und Quellen geprüft und den Text überarbeitet.
  • Erstellt: 27. August 2026
  • Zuletzt aktualisiert: 27. August 2026
  • Quellen: die 28 Arbeiten im Literaturverzeichnis. Alle DOI wurden gegen das Crossref-Register geprüft.
  • Wie die Quellen gesucht wurden: Abfragen der Datenbank Europe PMC im August 2026 zu Gangstabilität, lokaler dynamischer Stabilität, Lyapunov-Exponent, Schrittvariabilität, Stabilitätsreserve, Sensormessung im Alltag, Sturzursachen sowie Kraft-, Balance-, Schritt-, Störungs- und Doppelaufgabentraining. Wo dieser Text sagt, dass zu einer Frage keine Studie vorliegt, bezieht sich das auf diese Suche.
  • Interessenbindung: Unsere Praxis bietet Physiotherapie, Gangschulung und Sturzprävention an und verdient daran. Dieser Text nennt für das Training einen belegten Nutzen. Er sagt zugleich, dass eine Messung der Gangstabilität mit einem einzelnen Zahlenwert heute ohne Nutzen für die Behandlung einer einzelnen Person bleibt.
  • Finanzierung: Physiotherapie Tschopp & Hilfiker, 3902 Glis. Der Beitrag entstand aus eigenen Mitteln der Praxis.
  • Nächste Überprüfung: 27. August 2028. Wir überarbeiten diesen Beitrag zusätzlich laufend, sobald neue Beiträge dazukommen. Das geschieht etwa alle zwei Monate.

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